Gemeinschaft erleben

Inklusion in Jugendherbergen

„Gemeinschaft erleben“ – der Slogan der Jugendherbergen ist Programm! Eins ist dem DJH dabei seit Beginn an besonders wichtig: dass alle Menschen die Möglichkeit haben, Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Ganz unabhängig von individuellen Besonderheiten oder Einschränkungen, sozialem Hintergrund, Geschlecht, Religion oder Hautfarbe. Dieser Grundsatz wurde bereits gelebt, als es das Wort „Inklusion“ noch nicht gab: Gründer Richard Schirrmann formulierte schon vor über 100 Jahren, dass er ein Netzwerk von Jugendherbergen „für die gesamte Jugend ohne Unterschied“ schaffen wolle. Dieses Verständnis einer Gesellschaft, in der es normal ist, verschieden zu sein, prägt das Leitbild des DJH bis heute. Ich wollte wissen, was das ganz konkret bedeutet, und habe mir daher mal genauer angeschaut, wie die Jugendherbergen Menschen mit Behinderung eine gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.

Inklusion in Jugendherbergen: Gemeinsam auf Klassenfahrt

Breite Gänge und viele Rampen prägen das Bild der Jugendherberge Bayreuth.
Foto: DJH Bayern

Ein Ausflug in den Kletterpark, eine Stand Up Paddling-Tour auf dem See, eine Nachwanderung durch den Wald – es gibt einige Programmpunkte einer Klassenfahrt, die für mobilitätseingeschränkte oder sehbehinderte Schüler*innen auf den ersten Blick nicht geeignet sind. Aber stimmt das denn tatsächlich?

Die Jugendherbergen arbeiten aktiv daran, möglichst viele Ausflüge von Vornherein so zu planen, dass auch Schüler*innen mit Behinderung an ihnen teilnehmen können. So bietet die Jugendherberge Bielefeld beispielsweise inklusive Kletterprogramme an, in Dinkelsbühl heißt es „Miteinander statt nebeneinander“, in Leer gibt es barrierefreie Wattwanderungen und in Wiehl können auch Kinder im Rollstuhl Mittelerde retten.

Lehrer*innen finden die barrierearmen Klassenfahrtenprogramme in der Broschüre “Klassen Mobil“ – dort sind sie mit einem Rollstuhl-Icon gekennzeichnet. Doch auch fast alle anderen Programme lassen sich so modifizieren, dass sich sämtliche Schüler*innen aktiv daran beteiligen können.

Auch baulich reagieren die Jugendherbergen auf die wachsende Zahl an Inklusions-Klassen. Da diese mit mehr Begleiter*innen anreisen als andere werden bei Sanierungen und Neubauten heute entsprechend mehr Einzel- und Doppelzimmer mit Duschbad geplant, die als Betreuerzimmer genutzt werden können.


Inklusion in Jugendherbergen: Gemeinsam arbeiten

Auf dem ersten Arbeitsmarkt einen Arbeitsplatz zu finden, ist für Menschen mit Handicap nach wie vor schwer. Arbeit ist jedoch wesentlich für eine eigenständige Lebensweise und die Voraussetzung zur Entfaltung der Persönlichkeit. Der DJH-Landesverband Unterweser-Ems e.V. war der bundesweit erste, der deshalb in Kooperation mit den Integrationsämtern und der Aktion Mensch eigene Inklusionsbetriebe entwickelt hat. Der erste war die Jugendherberge Leer – das Konzept wurde 2014 mit dem Rudolf-Freudenberg-Preis ausgezeichnet. Inzwischen gibt es fünf solcher DJH-Standorte: neben der Jugendherberge Leer die Jugendherberge Aurich, die Jugendherberge Oldenburg, die Jugendherberge Bayreuth sowie das Service & Booking-Center der Jugendherbergen zwischen Nordsee und Sauerland.

Auch in anderen Häusern arbeiten Menschen mit und ohne Handicap zusammen, in der Jugendherberge Trier oder der Jugendherberge Goslar zum Beispiel. Diese Jugendherbergen zeigen, dass und wie ein inklusives Miteinander auf dem Arbeitsmarkt möglich ist und geben damit auch allen anderen Jugendherbergen Impulse.


Inklusion in Jugendherbergen: Gemeinsam rocken

Satte Sounds und mitreißende Melodien: Alle zwei Jahre verwandelt sich die Jugendherberge Niebüll in ein Festivalgelände. Immer im September findet dort, im hohen Norden Schleswig-Holsteins, das „InBeat“ statt. Ein Musikfest, das es bundesweit kein zweites Mal gibt: Musiker mit und ohne Handicap stehen gemeinsam auf der Open-Air-Bühne und bringen ihr Publikum zum Tanzen und Mitsingen. Ein Tag ganz im Zeichen von Toleranz und guten Tönen!

Die Jugendherberge Niebüll ist ein besonders gut geeigneter Ort für das Event, denn Inklusion prägt hier das ganze Jahr über den Alltag. So setzt sich das Team vor Ort aus Menschen mit und ohne Behinderung sowie aus verschiedenen Ländern zusammen. Das Haus ist weitestgehend barrierearm und bietet sechs rollstuhlfreundliche Zimmer an. Viele Freizeiten und Klassenfahrtsprogramme sind für Inklusionsgruppen geeignet.

Das nächste InBeat steht übrigens unmittelbar bevor: Am Samstag, 21. September könnt Ihr stündlich ab 14 Uhr insgesamt sieben Konzerte erleben. Den krönenden Abschluss bildet der Auftritt von Headliner Nervling. Eintritt: frei!


Inklusion in Jugendherbergen: Gemeinsam übernachten

In der Jugendherberge Bayreuth gibt es rollstuhlgerechte Badezimmer. Foto: DJH Bayern

Die rund 500 Gebäude, in denen Jugendherbergen untergebracht sind, könnten unterschiedlicher nicht sein: Von Burgen bis alten Feuerwachen ist alles dabei. Manche liegen auf dem Berg, andere in der Stadt. Wo immer es möglich ist, werden im Zuge von Sanierungen Barrieren in den Bestandsgebäuden abgebaut, rollstuhlgerechte Zimmer eingerichtet und ausreichend große Aufzüge zur Verfügung gestellt. Neubauten erfüllen natürlich mindestens die gesetzlichen Vorgaben, einige gehen aber auch deutlich darüber hinaus.

Dass es beispielsweise möglich ist, eine Rennrollstuhlgruppe mit 10 Kindern und deren Begleitpersonen zu beherbergen, beweist die Jugendherberge Büsum seit vielen Jahren (Reportage Rennrollstuhltraining für Kinder in Büsum). Ein echtes Leuchtturmprojekt in Sachen Barrierefreiheit ist die Jugendherberge Stralsund: Hier stehen für Rollstuhlfahrer 13 geeignete Zimmer mit insgesamt 24 Betten zur Verfügung. Eine vergleichbar hohe Kapazität an rollstuhlgerechten Übernachtungsmöglichkeiten bieten bundesweit weitere zehn Jugendherbergen, darunter die Jugendherberge Prora.

Für blinde und sehbehinderte Gäste möchte ich an dieser Stelle die Jugendherberge Duisburg-Sportpark hervorheben. Die barrierefreie Ausstattung des Hauses überzeugt Menschen mit Sehbehinderung so sehr, dass sich dort beispielsweise im nächsten Monat blinde und sehbehinderte Menschen aus ganz Nordrhein-Westfalen ein ganzes Wochenende lang zu einem inklusiven Tanzfestival treffen.

Menschen mit schwerer Behinderung reisen häufig in Begleitung. Begleitpersonen von allein reisenden Schwerbehinderten benötigen keine eigene Mitgliedschaft. Voraussetzung hierfür ist, dass im jeweiligen Schwerbehindertenausweis das Merkzeichen „B“ (Berechtigung zur Mitnahme einer Begleitperson) eingetragen ist.

Vereinzelt gibt es Mitarbeiter*innen, die Gebärdensprache gelernt haben, in der Jugendherberge Berlin-International zum Beispiel. Und auch bei der Planung von Seminarräumen gibt es gute Ideen, Inklusion mit Leben zu füllen: drei Tagungsräume in der Jugendherberge Bayreuth haben zusätzlich Induktionsschleifen installiert, damit auch Menschen mit Hörbehinderung an Veranstaltungen teilnehmen können.


Inklusion in Jugendherbergen: Gemeinsam Lösungen finden

Neben baulichen und organisatorischen Rahmenbedingungen entscheidet letztlich aber vor allem eines darüber, ob Menschen mit Behinderung auf ihren Reisen eine gute Zeit haben: wie ihnen begegnet wird. Und hier gilt für Gäste mit und ohne Behinderung das Gleiche: Menschliches Miteinander, tolerante Wertschätzung und gegenseitige Hilfe sind seit jeher die Werte, die im DJH gelebt werden. Entsprechend verhalten sich die Teams der einzelnen Jugendherbergen und gehen auf die Bedürfnisse aller Gäste ein. Manche sind dabei einfacher zu erfüllen als andere, das Ziel ist aber immer, sie erfüllen zu können.

Gemeinsam Lösungen zu finden, darum geht es. Also: Meldet Euch immer vor Ort bei den Mitarbeiter*innen, wenn Euch etwas auf dem Herzen liegt. Hinter den Kulissen trifft sich übrigens regelmäßig der DJH-Arbeitskreis Inklusion, um zukünftig noch mehr Standorte und Angebote für alle Arten von Handicap zugänglich zu machen. Wenn Ihr konstruktive Hinweise für die Kolleg*innen habt, schickt eine Mail an hauptverband@jugendherberge.de.

Sandra Lachmann

Mit der Patchwork-Familie im Grünen, mit einem Workshop auf einer Nordsee-Insel oder mit Freundin in der Großstadt: Sandra hat bereits in ganz unterschiedlichen Situationen in einer Jugendherbergen eingecheckt. Die Vielfalt hat die Bloggerin so begeistert, dass sie noch mehr über die Jugendherbergen von heute erfahren wollte. Daher tourt sie nun durch Deutschland und schreibt hier über ihre Erlebnisse und Aufenthalte. Weitere DJH-Stories liefert die 39-jährige Bremerin auch für heiterbisstuermisch.de.

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