Jugendherberge entdecken

Anders als ich dachte: Über Vorurteile und Überraschungen

Das DJH feiert! Seit nunmehr 111 Jahre gibt es Jugendherbergen in Deutschland. Für das Jubiläumsjahr hat sich das DJH eine Reihe unterschiedlicher Events und Aktionen für Euch einfallen lassen. Ein wichtiges Thema zieht sich dabei wie ein roter Faden durch die kommenden zwölf Monate: das Aufbrechen von Vorurteilen! Aus diesem Anlass erzähle ich Euch heute mal, mit welchen Vorurteilen ich vor rund sechs Jahren meine freie Mitarbeit für das DJH startete – und welche sich davon bewahrheitet haben.

„Mensch, da lag ich ja völlig falsch. Das ist ja ganz ganz anders als ich dachte.“ Na, wann habt Ihr das zuletzt gedacht? Vielleicht heute Morgen, als sich der verkniffene Typ neben Euch im Zug als spannender Gesprächspartner entpuppte? Gestern bei der leckeren Bolognesesauce, die sich nach dem Essen unerwartet als vegan herausstellte? Oder eben in der Teeküche, als die vermeintlich schüchterne Kollegin von ihren regelmäßigen Bühnenauftritten beim Poetry Slam erzählte? Schublade auf, Schublade zu – wir Menschen bilden uns gern ein schnelles Urteil.

In gewisser Weise ist das eine notwendige Sache, hilft es doch, uns in der komplexen Welt zu orientieren. Betrachten wir eine Person oder eine Situation, sucht unser Gehirn nach abgespeicherten Stereotypen – bei einem Treffer werden sofort positive oder negative Vorurteile abgespult.

„Wir wissen, dass Vorurteile und Stereotypen sehr resistent sind“

Prof. Juliane Degner im Interview mit dem Deutschlandfunk

Das Dilemma: Ändern sich die Dinge, ändern sich Stereotypen und die damit einhergehenden Vorurteile noch lange nicht. Wie gefährlich das sein kann, erleben wir in diesen Jahren im Rahmen vieler gesellschaftlicher und politischer Herausforderungen leider eindrücklich. „Wir wissen, dass Vorurteile und Stereotypen sehr resistent sind und dass z.B. die Erfahrung, dass ein Stereotyp nicht zutrifft, in einem Einzelfall vollkommen unzureichend ist, um das Stereotyp zu ändern“ erklärt Prof. Juliane Degner, Sozialpsychologin an der Uni Hamburg, in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. (Den daraus entstandenen Artikel „Schubladen im Kopf“ empfehle ich Euch, solltet Ihr mehr über Vorurteile wissen wollen. Und auch der ZEIT-Artikel „Der Fluch der Vorurteile“ lohnt sich.)

Und weiter sagt Prof. Degner: „Wenn wir Einstellungen haben, ändern wir die nicht so schnell, wir brauchen relativ viele neue Beweise und wir sind auch ganz gut darin, Gegenbeweise so zu interpretieren, als würden sie die unterstützen. Wir sind ganz schlecht darin, objektiv wahrzunehmen.“

#andersalsdudenkst: Vorurteile, die überhaupt nicht stimmten

Das DJH kann ein Lied von diesem Phänomen singen. Fällt der Begriff „Jugendherberge“, weckt dies noch immer Assoziationen von hellhörigen dunklen Fluren mit Etagenduschen, trockenem Graubrot mit lauwarmen Hagebuttentee und strengen Herbergseltern. An Waldyoga, moderne Familienapartments, eine hauseigene Segelschule und reichhaltige Bio-Frühstücksbüffets denken diejenigen, die lange nicht mehr in einer Jugendherberge übernachtet haben, selten – obgleich die Zeiten, in denen Jugendherbergen nur „Bett und Brötchen“ geboten haben, lange vorbei sind.

Jungendherbergen und Gamescom? Ja, auch diese Kombi gibt es!

Mir ging es nicht anders, als ich vor gut sechs Jahren erstmals wieder einen Fuß in eine Jugendherbege gesetzt habe. Ich erinnere mich noch genau – es waren gleich drei, in die mich mein damaliger Einsatz führte. Ich wurde eingeladen, mir ein Bild über die Nachhaltigkeits-Aktivitäten des Landesverbandes Unterweser-Ems zu machen (die Artikel-Reihe von damals findet ihr hier: Erlebnis Nachhaltigkeit). Ich lernte die erste Inklusions-Jugendherberge in Leer kennen, das DJH Resort in Neuharlingersiel und die Jugendherberge Bad Zwischenahn mit der DJH-eigenen Segelschule und vieles mehr.

#andersalsdudenkst: Vorurteile, die sich bewahrheiteten

Zwei Dinge überraschten mich besonders: die modernen Raumkonzepte und -Austattungen sowie die vielen wertschöpfenden Aktivitäten, die neben der eigentlichen Arbeit als touristischer Gastgeber von den Teams der 14 Landesverbände geleistet wird. Ich habe erlebt, wie Schulklassen auf Klassenfahrt in Kiel ihren eigenen Song produzieren und gestaunt, dass die Jugendherberge Büsum zehn Rollstuhlfahrer auf einmal beherbergen kann. Ich war mittendrin, als 15 green blogger in der Jugendherberge Warnemünde über Nachhaltigkeit diskutierten und habe an vielen Lagerfeuern gesessen. Ich habe Heavy Metal auf Trompeten gehört und einen Sternekoch in einer Jugendherberge brutzeln sehen.

Ich habe Mitarbeiter*innen beobachtet, die sich nicht nur in ihrem Job, sondern auch darüber hinaus für das Gemeinwohl einsetzen. Und Azubis getroffen, deren Behinderung eine berufliche Zukunft beim DJH nicht beeinträchtigt. Die DJH-Welt, sie besteht tatsächlich aus so viel mehr als Bett und Brötchen – wenn man will, entdeckt und er erlebt man eine Menge mehr.

#DJHfairunterwegs in Warnemünde: Hier habe ich eine Menge über Küstenschutz gelernt.

ABER: Nicht alle Vorurteile über Jugendherbergen erwiesen sich für mich in den vergangenen Jahren als falsch – zum Glück! Dass Urlaub in Jugendherbergen vielerorts naturnah ist und Umweltbildung eine große Rolle in der Arbeit des DJH spielt, das ist heute so aktuell wie vor 111 Jahre. Und noch etwas bewahrheitete sich bei jedem meiner Jugendherbergs-Aufenthalte: als Gast einer Jugendherberge kann man schnell mit anderen Gästen in Kontakt und Austausch zu kommen. Der Slogan „Gemeinschaft erleben“ ist kein leeres Werbeversprechen, sondern mit Leben gefüllt. Mit tolerantem Leben.

#andersalsdudenkst: Weil Toleranz im Zusammenleben wichtig ist

Toleranz ist der Grundwert der Jugendherbergen schlechthin. Dass alle Menschen die Möglichkeit haben, Teil einer Gemeinschaft zu sein – ganz unabhängig von individuellen Besonderheiten oder Einschränkungen, sozialem Hintergrund, Geschlecht, Religion oder Hautfarbe – ist ein Grundsatz, der bereits gelebt wurde, als es das Wort „Inklusion“ noch nicht gab. DJH-Gründer Richard Schirrmann formulierte schon vor über 100 Jahren, dass er ein Netzwerk von Jugendherbergen „für die gesamte Jugend ohne Unterschied“ schaffen wolle. Dieses Verständnis einer Gesellschaft, in der es normal ist, verschieden zu sein, prägt das Leitbild des DJH bis heute.

Daher gibt es innerhalb der Jubiläumskampagne #andersalsdudenkst auch nicht nur das Anliegen, mit Vorurteilen über Jugendherbergen aufzuräumen, sondern ganz grundsätzlich zum Nachdenken über Vorurteile und ihre Auswirkungen auf das Zusammenleben anzuregen. „Wir wollen uns im Jubiläumsjahr nicht nur selbst feiern, sondern auch unseren Teil für den Erhalt und die Stärkung des Gemeinwohls in Deutschland beitragen“, sagt Oliver Peters, stellvertretender DJH-Hauptgeschäftsführer.

#andersalsdudenkst: Deutschlandweit einmaliges Projekt geplant

Die Idee: Alle rund 2,4 Millionen DJH-Mitglieder können sich bei einer Aktion auf kreative Art und k̈ünstlerische Weise mit Vorurteilen aller Art auseinandersetzen und aufzeigen, was alles #andersalsdudenkst sein kann. Mehr dazu wird im Frühjahr verraten, nur so viel sagt Oliver Peters: „Es wird ein deutschlandweit einmaliges Projekt werden, was es so in dieser Form noch nie gegeben hat und von dem wir hoffen, dass es ein möglichst großes Echo in der Gesellschaft erzeugen wird“.

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Ich würde mich freuen, wenn wir alle gemeinsam in diesem Jahr unsere Vorurteile über Jugendherbergen und alles andere auf den Prüfstand stellt. In den kommenden Monaten werde ich mir deshalb hier auf dem Blog die häufigsten Klischees über Jugendherbergen mal genauer vorknöpfen. Sind Herbergsväter tatsächlich immer alt und grummelig? Hat man kein eigenes Bad, wenn man beim DJH übernachtet? Und ist eine Jugendherberge nicht eigentlich nur ein Ort für Klassenfahrten? Ich erzähle Euch davon. Und empfehle Euch dringend, mal auf der Jubiläumsseite von 111 Jahre Jugendherbergen vorbeizuschauen!

Sandra Lachmann

Mit der Patchwork-Familie im Grünen, mit einem Workshop auf einer Nordsee-Insel oder mit Freundin in der Großstadt: Sandra hat bereits in ganz unterschiedlichen Situationen in einer Jugendherbergen eingecheckt. Die Vielfalt hat die Bloggerin so begeistert, dass sie noch mehr über die Jugendherbergen von heute erfahren wollte. Daher tourt sie nun durch Deutschland und schreibt hier über ihre Erlebnisse und Aufenthalte. Weitere DJH-Stories liefert die 39-jährige Bremerin auch für heiterbisstuermisch.de.

2 Kommentare zu “Anders als ich dachte: Über Vorurteile und Überraschungen

  1. Auch mit sämtlichen Grunderkrankungen sollte man eigentlich Teil dieser Gemeinschaft sein können. Dies ist allerdings begrenzt, es ist häufig laut in Jugendherbergen durch die vielen Gruppen, Familien und Cliquen.

    Sehr schöner Blogg!

    • Sandra Lachmann
      Sandra Lachmann

      Hallo Hanna, ja, unterhalb der Woche ist in den typischen „Klassenfahrt-Jugendherbergen“ oft ordentlich Leben in der Bude. Ich empfehle Dir, die Beratung der DJH-Service-Hotlines in Anspruch zu nehme, die einige Landesverbände anbieten. Wenn Du weißt, in welche Region du reisen möchtest, können Die die Kolleg*innen gut Auskunft geben, zu welcher Zeit welche Jugendherberge ideal für Dich ist.

      Viele Grüße
      Sandra

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