Interview mit Erlebnispädagoge Falk Zipperling

Eine Luftaufnahme des Küstenwalds in Heringsdorf.

Falk Zipperling ist systemischer Erlebnis- und Umweltpädagoge der seit vielen Jahren in den unterschiedlichsten Regionen Mecklenburg-Vorpommerns arbeitet. Seit diesem Jahr bietet er in den DJH-Jugendherbergen in M-V mit seinem Team erlebnis- und umweltpädagogische Klassenfahrten an. Hierzu gehört auch die pädagogische Betreuung der „OstseeKiste“, eine erlebnispädagogische BNE-Werkstatt zum Ökosystem Ostsee.

Was fasziniert dich persönlich an der Natur und der Umgebung hier in Mecklenburg-Vorpommern, und wie baust du sie in dein pädagogisches Programm für Klassenfahrten ein?

Mecklenburg-Vorpommern ist wirklich eine Schatzkiste. Als jemand, der aus Mitteldeutschland stammt und sich erst 2008 im Norden niedergelassen hat, entdecke ich immer wieder Neues. Mich faszinieren zum Beispiel die Spuren der letzten Eiszeit in der Landschaft, die Moore, die Vielfalt der Vögel an der Küste und an den zahlreichen Seen sowie die Überreste slawischer Kultur. Zwar gibt es für meinen Geschmack zu wenig Felsen zum Klettern, doch dafür haben wir Bäume, an denen wir mit mobilen Klettergriffen spannende Routen schaffen können. In unseren erlebnispädagogischen Programmen für Schulklassen schaffen wir stets einen Bezug zur Natur. Wir führen die Schüler*innen meist in eine ihnen ungewohnte Umgebung, wodurch sie neue Verhaltensweisen und Herangehensweisen an sich selbst entdecken können. Diese Erfahrungen sollen sie idealerweise in ihren Alltag, in der Schule oder zu Hause integrieren.

Jugendliche im Niederseilparcour

Wie beeinflusst deine persönliche Verbindung zur Region deine Herangehensweise, um den Schüler*innen die lokale Umwelt näherzubringen?

Durch die Aufträge unserer Kund*innen bereise ich die vielfältigen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns und nehme die Schüler*innen auf diese Entdeckungsreisen mit. Da die Naturzusammenhänge im Alltag vieler Kinder und Jugendlicher kaum eine Rolle spielen, versuche ich, Brücken zu bauen. Mein Ziel ist es, dass die Schüler*innen die Erlebnisse aus Mecklenburg-Vorpommern mit in ihren Alltag nehmen und dort erkennen, was sie für eigene Naturerlebnisse tun können. Denn selbst auf dem kleinsten Streifen Grünfläche, beispielsweise auf großen Parkplätzen, lassen sich spannende Beobachtungen machen. Ich sage den Kindern und Jugendlichen gerne: Jedes Abenteuer beginnt direkt vor eurer Haustür!

Die Jugendherberge Prora und das weitläufige Außengelände.

Kannst du uns etwas über die Aktivitäten und Workshops verraten, die du speziell für die Jugendherbergen in Heringsdorf und Prora an der Ostsee entwickelst?

Die Aktivitäten und Workshops, die ich speziell für die Jugendherbergen in Heringsdorf und Prora an der Ostsee entwickle, sind sehr spannend, da beide Standorte ihre Besonderheiten haben. In Heringsdorf ist der Platz für Gruppenaktivitäten begrenzt, weshalb wir in Absprache mit der Gemeinde Parkflächen der Stadt und Flächen im Kur- und Heilwald nutzen. Dort planen wir Programme im Hoch- und Niedrigseilgarten, Bogenschießen und Teambuilding-Aktionen mit kooperativen Abenteuerspielen. Das Gelände der Jugendherberge in Prora ist dagegen weitläufig, was es uns ermöglicht, fast alle unsere Programmbausteine umzusetzen, vom Feuer-Workshop bis zum Niedrigseilgarten-Parcours. Dort beleben wir auch ein exklusives Umweltbildungsprogramm neu – die “Ostseekiste”.  Mit ihr erforschen wir gemeinsam mit den Teilnehmenden das Ökosystem Ostsee und verdeutlichen die Zusammenhänge zwischen Hydrologie, Flora, Fauna und den geografischen Gegebenheiten dieses einzigartigen Lebensraumes.

Die Ostseekiste ist eine BNE-Werkstatt (Bildung für nachhaltige Entwicklung), die man nur in den Jugendherbergen in Mecklenburg-Vorpommern als 5-Tages-Klassenfahrt buchen kann. Könntest du uns mehr darüber erzählen und wie es den Schüler*innen hilft, das Ökosystem der Ostsee besser zu verstehen?

Die erlebnispädagogische Werkstatt Ostseekiste wurde von der Küsten Union Deutschland e.V. (EUCC-D)  entwickelt, eine NGO die sich für die nachhaltige Entwicklung von Küste & Meer einsetzt. Das Programm, dass man aktuell in der Jugendherberge Prora auf Rügen buchen kann, besteht aus einer großen Auswahl aufeinander aufbauender, interaktiver  Spiele, Experimente und Aufgaben zum Ökosystem Ostsee. Alle Aktionen sind so aufgebaut, dass die Klasse selbstständig und gemeinschaftlich zur Lösung kommt. Durch forschend-entdeckendes Lernen und Kooperation setzt sich das Gelernte nachhaltig fest und die Klassengemeinschaft wird gestärkt. Das bedeutet, es werden sozusagen „nebenbei“ wesentliche Schlüsselqualifikationen und Werte vermittelt, die zu nachhaltigem Handeln befähigen. Natürlich immer unterstützt von uns Erlebnispädagog*innen & Reflexionsrunden.

Welche besonderen Herausforderungen oder Chancen siehst du bei der Arbeit mit Schüler*innen in einem Umfeld wie der Küstenlandschaft oder den Dünen?

Die Arbeit mit Schüler*innen in der Küstenlandschaft oder den Dünen birgt sowohl Herausforderungen als auch Chancen. Die Ostseeküste ist ein empfindliches Ökosystem, das durch menschliche Nutzung stark beeinflusst wird. Die Notwendigkeit von Kompromissen zwischen Nutzung und Schutz der Ostsee wird unter anderem am Ausbau des LNG-Terminals deutlich. Die Komplexität dieses Themenfeldes ist herausfordernd, bietet aber auch die Chance, zu erkennen, dass komplexe Fragen keine einfachen Antworten zulassen. Es ist wichtig, sich zu informieren, eigene Erkundungen anzustellen und sich eine fundierte Meinung zu bilden. Dies fördert den Austausch und die Diskussion mit anderen und ist eine praktische Demonstration von Demokratie.

Outdooraktivitäten

Wie vermittelst du den Kindern ein Bewusstsein für die Bedeutung des Umweltschutzes und der Nachhaltigkeit während deiner Programme?

In meinen Programmen vermittele ich den Kindern und Jugendlichen, wie wichtig Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind. Der Grundsatz “Man kann nur das schützen, was man kennt” ist heute relevanter denn je. In einer Welt, die von Informationen überflutet wird, gerät das elementare Wissen über die Natur oft in den Hintergrund. Ich möchte den Teilnehmenden zeigen, wie jeder einzelne einen Beitrag zum Schutz unserer Umwelt leisten kann. Mit den Programmen schaffen wir die erste wichtige Verbindung zur Natur, die oft verblüffend “abgefahren” ist.

Gibt es besondere Projekte oder Erfahrungen, die du hervorheben möchtest, die gezeigt haben, wie deine Arbeit die Wahrnehmung der Schüler*innen zur Umwelt beeinflusst hat?

Besondere Projekte oder Erfahrungen zeigen immer wieder, wie schnell sich durch Bewusstsein das Verhalten ändern kann. Ein Beispiel ist die Wahrnehmung von Mücken. Viele betrachten sie als lästige Plagegeister, doch wenn klar wird, dass sie für Zwergfledermäuse, die bis zu 1000 Mücken pro Nacht verzehren, eine wichtige Nahrungsquelle darstellen, ändert sich die Einstellung. Die Kinder lernen, die Tiere zu respektieren, statt sie zu erschlagen. Ich hoffe, dass wir eine ähnliche Einstellungsänderung bei den Glattnattern auf dem Gelände der Jugendherberge in Prora erreichen können.

Wie unterstützt du die Pflege der Schlangennester auf den Jugendherbergs-Geländen und wie nutzt du diese Gelegenheit, um den Schülern Verantwortung und Respekt gegenüber der Natur zu vermitteln?

Die Pflege der Schlangennester auf den Jugendherbergs-Geländen ist eine hervorragende Gelegenheit, den Schüler*innen Verantwortung und Respekt gegenüber der Natur näherzubringen. Ich freue mich darauf, mit den Glattnattern ein Beispiel für den gelungenen Kompromiss zwischen der Nutzung und dem Schutz der Natur aufzuzeigen. Wir werden uns den Nestern behutsam nähern, um ein Bewusstsein für diese Tiere zu schaffen, auch wenn es aufgrund ihrer hohen Fluchtdistanz schwierig sein kann, sie zu entdecken.

Wald und Meer in Prora

Welche Rolle spielen handlungsorientierte Lernmethoden in deiner Arbeit, insbesondere wenn es um das Verständnis komplexer Ökosysteme wie die Ostsee geht?

Handlungsorientierte Lernmethoden sind in meiner Arbeit zentral, besonders beim Verständnis komplexer Ökosysteme wie der Ostsee. Komplexe Zusammenhänge lassen sich durch aktives Tun erfahrbar machen. Wie zum Beispiel, wenn wir mit Gruppen die verschiedenen Wasserschichten der Ostsee in einem durchsichtigen Behälter simulieren. Die Kinder fügen selbst angerührtes und eingefärbtes Wasser zu normalem Trinkwasser hinzu, wodurch die Trennung zwischen Süß- und Salzwasser unmittelbar sichtbar wird.

Abschließend danke ich für die Möglichkeit, dieses Interview zu führen, und freue mich darauf, dass unsere Teamer und ich bald mit vielen Schüler*innen spannende Abenteuer in Prora und Heringsdorf erleben werden.

Erlebnis- & Umweltbildung mit Falk könnt ihr in den Ostseejugendherbergen Prora & Heringsdorf flexibel als Baustein dazu buchen: Vom halbtags- bis zum wochenfüllenden 3-Tages-Baustein:

Zum Baustein in Prora

Zum Baustein in Heringsdorf

Zum 5-tägigen Pauschalprogramm “Ostseekiste” in Prora

Fotos: DJH-MV (Felix-Gänsicke), DJH (Kay-Herschelmann), DJH (Danny Gholke)

Du musst angemeldet sein, um Kommentare sehen und verfassen zu können

Ähnliche Beiträge