Gemeinschaft erleben mit der Schule

Reinhold Messner im Interview

Diesen Berg hat Reinhold Messner schon bestiegen, den Nanga Parbat. Im Interview spricht er über seine Stiftung, Bildung und den Umweltschutz

Er ist der wohl bekannteste Extrembergsteiger der Welt, Museumsbegründer, Buchautor, Umweltaktivist, Stifter der Messner Mountain Foundation, war vorrübergehend Lehrer und strotzt selbst mit 77 Jahren noch so vor Tatendrang. Im Interview haben wir mit Reinhold Messner über seine Stiftung, Bildung und Umweltschutz gesprochen.

Der Alpinist, der niemals müde wird Reinhold Messner wurde 1944 in Südtirol geboren und bestieg bereits als Fünfjähriger seinen ersten Dreitausender. Als erster Mensch erklomm er alle 14 Achttausender der Erde ohne Zuhilfenahme von Flaschensauerstoff, bestieg als erste Person den Mount Everest im Alleingang, durchquerte Eis- und Sandwüsten. Damit setzte er sich immer wieder bewusst den Naturgewalten aus. Heute lässt es Messner in seiner Südtiroler Heimat auf Schloss Juval ruhiger angehen, aktiv ist er aber immer noch. So setzt sich der Alpinist für den Schutz bedrohter Bergvölker und die Umwelt ein und schreibt gerade mal wieder ein neues Buch.

Die Menschen kennen sie als den Alpinisten, vielen ist dagegen kaum bekannt, dass sie auch Begründer der Mountain Messner Foundation sind. aus welchem antrieb heraus ist ihre Stiftung 2003 entstanden?

Der Ansporn dafür war meine tiefe Dankbarkeit den Einheimischen im pakistanischen Diamirtal gegenüber. Sie waren es, die mir 1970 das Leben retteten, nachdem ich zusammen mit meinem Bruder Günter den Nanga Parbat zum ersten Mal überquert hatte. Mein Ziel ist es, diesen Menschen und anderen Bergvölkern, wie im Hindukusch, in den Anden oder im Kaukasus, etwas zurückzugeben – durch den Bau von Schulen, Krankenhäusern und Berghütten.

Zu den realisierten Projekten gehört die Günter Messner School, die nach ihrem verstorbenen Bruder benannt ist. Was zeichnet sie aus?

Die Schule war das erste Projekt, das wir realisiert hatten. Es handelt sich um eine Grundschule, die im Dorf Ser auf etwa 3.000 Höhenmetern am Nanga Parbat steht. Die nächstgelegene Schule befand sich bis dahin knapp fünf Stunden Fußmarsch weit entfernt und war eine reine Jungenschule, das heißt, Bildung war für viele Kinder aus dieser Region, insbesondere für Mädchen, vorher nicht möglich. Für die Realisierung des Projekts brauchte es Geduld, denn dass Mädchen zur Schule gehen ist in vielen muslimisch geprägten Kulturen nicht üblich. Daher ist es sehr wichtig, den Menschen mit Respekt und Feingefühl zu begegnen. Letztlich konnten wir den Ältestenrat von unseren Ideen überzeugen. Inzwischen haben wir vier Schulen am Nanga Parbat errichtet.

„Meine Kraft schöpfe ich aus den Ideen für die Zukunft, nicht aus den Leistungen, die hinter mir liegen.“

Wieso ist Bildung gerade dort so wichtig?

Bildung ist natürlich nicht nur dort, sondern auf der ganzen Welt wichtig. Nur scheint das Vorhandensein von Schulen in unserer westlichen Welt ganz selbstverständlich zu sein, in vielen armen Regionen ist es das jedoch nicht. Bildung ist gerade dort die beste Hilfe zur Selbsthilfe. Durch sie lernen die Einheimischen zum Beispiel, wie sie ihren Getreideanbau verbessern können oder wie sie mit Krisen und Konflikten umgehen. Die Schule ist idealerweise auch ein Ort, an dem Kinder lernen, eine eigene Stimme zu erheben, eigenständig Entscheidungen treffen zu können, um so ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Wenn wir es schaffen, dass die Kinder aus diesen ärmeren Regionen zumindest die Grundschule besuchen, haben wir schon viel erreicht.

Was verbinden sie selbst mit Schule? Wie war ihre eigene Schulzeit?

An meine Schulzeit habe ich positive Erinnerungen, auch wenn ich kein begeisterter Schulgänger war. Da ich mich schon in ganz jungen Jahren fürs Klettern begeistert habe, war ich manchmal drei bis vier Tage am Stück in den Bergen statt in der Schule. Dadurch habe ich den Unterricht oft verpasst und nur mäßige Noten erzielt. Das Abitur habe ich trotzdem geschafft und hinterher sogar ein Technikstudium an der Universität Padua aufgenommen, aber nie beendet. Das Klettern war mir einfach immer wichtiger.

In den 1960er-jahren waren sie selbst Lehrer. Wie kam es dazu und welche Erfahrung war das für sie?

Eine tolle. Mein Vater war bereits mit Begeisterung Lehrer und auch mein ältester Bruder hatte diese Richtung eingeschlagen und wurde Professor für Pädagogik in der Schweiz. Die Pädagogik liegt also gewissermaßen in der Familie. Nach einer Schulreform 1966 fehlten bei uns in Südtirol etliche Mittelschullehrer. So kam es, dass plötzlich jede Person ohne eine entsprechende Ausbildung Hilfslehrer werden konnte. Also unterrichtete ich eine Weile lang Mathematik und Naturkunde. Das habe ich mit Begeisterung gemacht und dabei immer versucht, eine Prise Humor in den Unterricht einzubauen. Meiner Meinung nach ist das der Schlüssel, um (junge) Leute für etwas zu packen.

In Deutschland wird aktuell über „Schule im Freien“ diskutiert – was halten sie davon?

Ich sehe das gemischt. In Südtirol gibt es einige Waldorfschulen, in denen zum Teil auch draußen unterrichtet wird, wo das gut funktioniert. In der Natur zu sein, ist wunderbar und gesund – gerade, wenn man bedenkt, wie viel Zeit junge Menschen heute drinnen am PC oder mit dem Smartphone verbringen. Auf der anderen Seite ist es auch wichtig, dass Kinder Disziplin und Strukturen vermittelt bekommen, und das funktioniert für mich in festen Räumen wie einem Schulgebäude immer noch am besten. Eine Mischform wäre sicher gut.

Reinhold Messner im Portrait.

„der Weg in eine grünere zukunft ist der Verzicht. Dies gelingt nur, wenn wir aufhören, das Wort negativ zu besetzen.“

Was können Schülerinnen und Schüler von der Natur lernen?

Jede Menge. Wer in der Natur ist, sollte alles beobachten, um wichtige Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen, warum wir beispielsweise von fossilen Brennstoffen weg müssen, die dem Klima nur schaden, oder welche Spuren der Klimawandel hinterlässt. An den Bergen hier unten lässt sich beispielsweise gut beobachten, wie der Permafrost zusehends verschwindet als Folge der Klimaerwärmung. Wichtig für mich ist, dass die Menschen dabei begreifen, dass all die Zustände und die krassen Wetterphänomene alleine auf unser Handeln der letzten 200 Jahre zurückzuführen sind. Wir müssen also endlich umdenken, nur leider kommt die Erkenntnis bei vielen viel zu spät.

Wie kann der Weg in eine grünere Zukunft aussehen?

Unsere Ressourcen sind endlich. Ein wesentlicher Faktor für mich ist deshalb der Verzicht – 
ein Prinzip, dem ich übrigens auch meinen eigenen Erfolg zu verdanken habe. Nur dadurch, dass ich meine Ausrüstung beim Klettern auf ein Minimum reduzierte, wurde ich so erfolgreich, denn alles, was zu viel ist, ist Ballast. Dies lässt sich auf das ganze Leben übertragen. Wenn wir alle auf einen Teil dessen, was wir besitzen, was wir nutzen und was wir genießen, verzichten können, wäre der Weg in eine grünere Zukunft geebnet. Das funktioniert aber nur, wenn wir es freiwillig tun und solange das Wort „Verzicht“ nicht negativ besetzt ist. Wir sollten den Begriff in etwas Positives umkehren.

Sie engagieren sich heute mehr denn je für die Umwelt. Vermissen Sie die Zeit des Bergsteigens auch manchmal?

Nein. Ich musste in meinem Leben schon oft umdenken. Nachdem ich nach der Überquerung des Nanga Parbat sieben Zehen verlor, wurde ich Höhenbergsteiger. Danach bin ich in die Horizontale umgestiegen, durchquerte die Antarktis, die Wüste Gobi, Grönland und Tibet. Nach dieser Zeit machte ich es mir zur Aufgabe, die Berge auf kulturelle Weise zu erleben, und gründete die „Messner Mountain Museen“, die eine Gesamtheit des Alpinismus vermitteln. Diese Aufgaben erfüllen mich heute so sehr, sodass ich nichts hinterhertrauere. Außerdem muss man auch einsehen, dass man ab einem gewissen Alter körperlich einfach nicht mehr an die Erfolge, die man als junger Mensch hatte, anknüpfen kann. Mit 77 muss ich keine hohen Gipfel mehr erklimmen.

Ihr Antrieb sind ihre Ideen. Was haben sie für die Zukunft geplant?

Ich schreibe aktuell an einem neuen Buch über den „Inhalt des Verzichts“. Im Rahmen der Stiftung arbeiten wir an einem Museum im Himalaya, dem „Sherpa Himal“. In diesem möchte ich die Geschichte der Sherpas erzählen, wie sie nach Nepal kommen, wie sie ihr Land erobern und wie sie sich über die Jahre entwickeln – und das immer in Bezug zu den Bergen um sie herum. Ein weiteres großes Projekt, das ich plane, ist die „Final Exhibition“. Bei dieser Vortragsreihe werde ich ein letztes Mal um die Welt reisen, um Menschen den traditionellen Alpinismus näherzubringen. Das ist meine Chance, um mein Erbe, mein Wissen, an die Generationen weiterzugeben.   

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Fotos: DJH / Ronny Kiaulehn

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