Wenn die Ostsee schlafen geht: Mit der „Küstennacht-Erlebnistour“ Nachhaltigkeit neu entdecken

Luftaufnahme der Küste von Prora bei Sonnenaufgang. Die Sonne steht tief am Horizont über Wald, Wasserflächen und Strand, während dunkle Wolken den Himmel prägen.

Wie können Klassenfahrten junge Menschen dabei unterstützen, Nachhaltigkeit nicht nur zu verstehen, sondern aktiv zu erleben? Die Antwort darauf liefern die Jugendherbergen in Mecklenburg-Vorpommern gemeinsam mit ihrem langjährigen Bildungspartner EUCC-D. Seit vielen Jahren entwickeln beide Organisationen Angebote, die Schüler*innen einen unmittelbaren Zugang zu Themen wie Küstenökologie, Artenvielfalt und nachhaltiger Entwicklung ermöglichen.

Mit der neuen „Küstennacht-Erlebnistour“ in der Jugendherberge Prora ist nun ein weiteres Bildungsangebot entstanden, das einen ungewöhnlichen Blick auf die Ostseeküste wirft: Es lädt dazu ein, die Nacht als Lebensraum zu entdecken und die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt neu zu erleben. Im Interview spricht Nardine, Vorstandsvorsitzende bei der Küsten Union (EUCC-D), über die Zusammenarbeit mit den Jugendherbergen, den besonderen Lernort Prora und die Bedeutung von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) auf Klassenfahrten.

Eine Person hält eine zerdrückte, verschmutzte Getränkedose in der Hand. Im Hintergrund ist unscharf ein Beutel mit weiterem gesammeltem Müll zu sehen.
© Kai Herschelmann

Mathis: Wie würdest du die Zusammenarbeit zwischen den Jugendherbergen in Mecklenburg-Vorpommern und der Küsten Union einordnen – und was macht diese Partnerschaft gerade im Bereich BNE so wertvoll?

Nardine: Die Zusammenarbeit hat sich über viele Jahre entwickelt und ist eng mit unserem Bildungsverständnis verbunden. Als Küsten Union beschäftigen wir uns seit unserer Gründung mit nachhaltiger Küstenentwicklung. Dahinter steht die Frage, wie wir Menschen dabei unterstützen können, Zusammenhänge zu verstehen und verantwortungsbewusste Entscheidungen für die Zukunft zu treffen.

Kinder und Jugendliche spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie gestalten die Zukunft mit. Deshalb möchten wir ihnen Themen wie Küstenschutz, Artenvielfalt oder nachhaltige Ressourcennutzung nicht nur nahe bringen, sondern erlebbar machen. Am besten dort, wo sie direkt sichtbar werden.

Die Jugendherbergen an Ostsee und Seenplatte sind dafür ideale Partner. Sie liegen oft direkt am Wasser , bieten Raum für außerschulisches Lernen und ermöglichen Erfahrungen, die im Schulalltag so nicht möglich sind. Schulklassen verbringen mehrere Tage vor Ort, entdecken neue Perspektiven und setzen sich intensiv mit ihrer Umwelt auseinander.

Begonnen hat unsere Zusammenarbeit mit dem Programm „Ostseekiste“. Seitdem sind viele gemeinsame Projekte entstanden – von Bildungsangeboten rund um die Ostsee bis hin zu Coastal Cleanups. Unser brandneues Programm ist die „Küstennacht-Erlebnistour“ in Prora, die von Anfang an gemeinsam entwickelt wurde. Diese Verbindung aus fachlicher Expertise, pädagogischer Erfahrung und starken Lernorten macht die Partnerschaft für uns so wertvoll.

Mathis: EUCC-D ist als BNE-zertifizierte NGO ein sehr erfahrener Partner. Was bedeutet dieser hohe fachliche Anspruch für die Entwicklung eurer Klassenfahrtenprogramme?

Nardine: Für uns bedeutet das vor allem, Bildung nicht auf reine Wissensvermittlung zu reduzieren. Natürlich arbeiten wir eng mit Forschungseinrichtungen und wissenschaftlichen Partnern zusammen, damit aktuelle Erkenntnisse in unsere Angebote einfließen.

Entscheidend ist aber, was Kinder und Jugendliche aus diesen Erfahrungen mitnehmen. Unser Ziel ist es, sie zu befähigen, Zusammenhänge zu erkennen, eigene Ideen zu entwickeln und Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen.

Deshalb setzen wir auf praxisnahe Methoden und Erlebnisse, die im Gedächtnis bleiben. Die jungen Menschen sollen Themen nicht nur kennenlernen, sondern selbst entdecken, hinterfragen und diskutieren.

Klassenfahrten bieten dafür ideale Voraussetzungen. Sie ermöglichen Lernen außerhalb des Klassenzimmers und schaffen Raum für unmittelbare Begegnungen mit Natur, Umwelt und gesellschaftlichen Fragestellungen. Aus unserer Sicht entstehen die nachhaltigsten Lernerfahrungen dort, wo Wissen mit eigenen Erfahrungen verbunden wird.

Programme wie die „Ostseekiste“ oder die „Küstennacht-Erlebnistour“ verbinden fundierte fachliche Inhalte mit konkreten Erlebnissen vor Ort. Genau darin sehen wir den Kern guter Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Luftaufnahme eines Zeltplatzes in Prora bei Sonnenuntergang. Zwischen Ostsee, Wald und den langen Gebäuden stehen mehrere Zelte auf einer großen Wiese.
© Felix Gänsicke

Mathis: Aktuell liegt der Schwerpunkt eurer gemeinsamen Arbeit auf der Jugendherberge Prora. Was macht diesen Standort besonders geeignet für BNE-Klassenfahrten?

Nardine: Prora vereint viele Voraussetzungen für Bildung für nachhaltige Entwicklung. Die unmittelbare Nähe zur Ostsee ermöglicht einen direkten Zugang zu Themen rund um nachhaltige Küstenentwicklung.

Für die „Küstennacht-Erlebnistour“ war besonders wichtig, dass die Nacht hier noch gut erlebbar ist. Das schafft ideale Bedingungen, um sich mit Themen wie Sternenhimmel, Dunkelheit oder Lichtverschmutzung auseinanderzusetzen.

Gleichzeitig werden vor Ort unterschiedliche Interessen und Nutzungskonflikte sichtbar. So lässt sich anschaulich zeigen, wie menschliche Aktivitäten Natur und Umwelt beeinflussen. Hinzu kommen die besondere Geschichte des Ortes, die Nähe zum Strand und naturnahe Bereiche wie die Fledermausquartiere in einigen historischen Gebäuden.

Dadurch verbindet Prora ökologische, gesellschaftliche und historische Perspektiven auf besondere Weise – und wird zu einem spannenden Lernort für Schulklassen.

Eine Gruppe Jugendlicher und Erwachsener steht bei Dämmerung auf einem Platz und bereitet sich auf eine geführte Erlebnistour vor. Einige tragen Taschen, im Hintergrund sind Bäume und weitere Teilnehmende zu sehen.
© DJH MV

Mathis: Ein spannender Aspekt des Programms ist der Fokus auf die Nacht. Welche besondere Lernerfahrung entsteht dadurch für Kinder und Jugendliche?

Nardine: Viele Kinder und Jugendliche erleben Dunkelheit heute kaum noch bewusst. Künstliches Licht und digitale Medien sorgen dafür, dass die Bedeutung der Nacht oft in den Hintergrund rückt. Das ist schade, denn die Nacht eröffnet einen ganz besonderen Zugang zur Umwelt. Wenn es dunkel wird, verändert sich unsere Wahrnehmung: Geräusche treten stärker hervor, Orientierung funktioniert anders und viele Dinge werden bewusster wahrgenommen.

Wer den Sternenhimmel beobachtet, nächtliche Tierstimmen hört oder sich mit Lichtverschmutzung beschäftigt, entwickelt häufig einen neuen Blick auf die Beziehung zwischen Mensch und Natur.

Die „Küstennacht-Erlebnistour“ lädt dazu ein, genau diese Erfahrungen zu machen und gewohnte Perspektiven zu verlassen. Die Nacht wird dabei nicht nur zum Thema, sondern zum Lernraum selbst.

Mathis: Die „Küstennacht-Erlebnistour“ deckt nur einen Teil des Aufenthalts ab. Warum kann die Kombination mit dem Programm „Ostseekiste“ eine sinnvolle Erweiterung sein?

Eine Gruppe Jugendlicher sitzt am Strand von Prora im Sand und untersucht gemeinsam eine Wasserprobe. Im Hintergrund sind die Ostsee, Dünen und Wald zu sehen.
© DJH MV

Nardine: Die „Küstennacht-Erlebnistour“ und die „Ostseekiste“ setzen unterschiedliche Schwerpunkte, ergänzen sich aber hervorragend.

Während die „Küstennacht-Erlebnistour“ mit einem Methodenmix aus Audiotour, Schnitzeljagd und Spielen Themen wie Dunkelheit, Wahrnehmung und Lichtverschmutzung in den Mittelpunkt stellt, vermittelt die „Ostseekiste“ durch Experimente und zu lösende Forschungsfragen grundlegendes Wissen über die Ostsee, ihre besonderen Ökosysteme und die vielfältigen Nutzungen im Küstenraum. 

Viele Fragestellungen begegnen den Kindern und Jugendlichen in beiden Programmen aus unterschiedlichen Perspektiven. Dadurch entsteht ein umfassenderes Verständnis für die Zusammenhänge zwischen Mensch und Umwelt.

Besonders interessant ist die Kombination in der Nebensaison, also von Oktober bis März. Dann wird es früher dunkel und die Tour lässt sich vielfältig in den Tagesablauf einer Klassenfahrt integrieren. Gleichzeitig erleben die Gruppen die Jugendherberge und ihre Umgebung in einer ruhigeren Atmosphäre: Man hat das Haus mehr für sich, der Touristentrubel im Ostseebad lässt nach. Das schafft zusätzliche Freiräume für Naturerlebnisse und bewusste Wahrnehmung.

Beide Angebote funktionieren unabhängig voneinander, ergänzen sich aber ideal zu einem vielseitigen Klassenfahrterlebnis.

Mathis: Welche Rückmeldungen bekommt ihr von Kindern und Jugendlichen oder auch von Lehrkräften zu euren Programmen?

Nardine: Feedback spielt für uns eine wichtige Rolle. Die „Küstennacht-Erlebnistour“ wurde vor ihrer Einführung mit rund 150 Kindern und Jugendlichen unterschiedlicher Altersgruppen getestet. Die Rückmeldungen haben uns geholfen, das Programm gezielt weiterzuentwickeln.

Besonders positiv wird wahrgenommen, dass die Audiotour von jungen Freiwilligen gestaltet wurde, die bei uns ihr FÖJ absolviert haben. Die drei Guides sind keine professionellen Sprecherinnen oder Sprecher, sondern junge Erwachsene, die ihre eigenen Erfahrungen und Perspektiven in Form einer abwechslungsreichen Unterhaltung einbringen. Dadurch wirkt die Tour authentisch und schafft einen Zugang auf Augenhöhe.

Viele junge Menschen können sich mit den Gedanken und Fragen der drei Freiwilligen identifizieren. Das erleichtert den Einstieg in die Themen und macht die Inhalte greifbar.

Auch Lehrkräfte schätzen die Verbindung aus fachlichen Impulsen, eigenständigem Entdecken und unmittelbaren Naturerfahrungen. Genau diese Mischung sorgt dafür, dass viele Eindrücke noch lange über die Klassenfahrt hinaus nachwirken.

Weiterhin spielt das Preis-Leistungsverhältnis für Lehrer eine Rolle: Die einstündige Audiotour und die Spielmaterialien, mit denen man 1-2 Stunden füllen kann kosten pro Schüler*in dank Förderung durch die Deutsche Postcode Lotterie nur 6 €. Man kann also auch mit kleinem Fahrtenbudget einen Halbtag der Klassenfahrt mit hochwertigem Programm füllen.

Eine Gruppe Jugendlicher und Erwachsener steht bei Dämmerung vor der hell erleuchteten Jugendherberge Prora und bereitet sich auf eine gemeinsame Erlebnistour vor.
© DJH MV

Mathis: Wenn du einen Wunsch freihättest: Wie sollten BNE-Klassenfahrten in Zukunft aussehen?

Nardine: Ich wünsche mir vor allem, dass es noch mehr BNE-Klassenfahrten gibt. Kinder und Jugendliche sollten Nachhaltigkeit nicht nur im Unterricht kennenlernen, sondern sie auch unmittelbar erleben können.

Aus meiner Sicht sollten solche Fahrten noch stärker auf eigenes Entdecken und Ausprobieren setzen. Es geht darum, draußen unterwegs zu sein, Natur mit allen Sinnen wahrzunehmen und sich mit realen Fragestellungen auseinanderzusetzen. Wer etwas selbst erlebt, entwickelt häufig ein tieferes Verständnis als durch reine Wissensvermittlung.

Gleichzeitig sollten BNE-Klassenfahrten zeigen, dass Nachhaltigkeit viele Perspektiven umfasst. Besonders spannend wird es dort, wo unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen und gemeinsam nach Lösungen gesucht wird.

Wichtig ist außerdem, jungen Menschen Raum für Austausch und Mitgestaltung zu geben. Sie lernen viel voneinander und entwickeln oft überraschende Ideen, wenn man ihnen die Möglichkeit dazu gibt.

Mein Wunsch wäre deshalb, dass Klassenfahrten auch künftig Orte bleiben, an denen junge Menschen Zusammenhänge entdecken, eigene Erfahrungen sammeln und Vertrauen in ihre Fähigkeit entwickeln, Zukunft aktiv mitzugestalten.

Weitere Infos zum Thema

„Küstennacht-Erlebnistour“ in Prora – Podcast & Spielesammlung (1-3 Stunden)

Die „Küstennacht-Erlebnistour“ ist ein neues BNE-Angebot in der Jugendherberge Prora auf Rügen. Herzstück des Programms ist eine einstündige interaktive Audiotour, bei der Schüler*innenden Küstenwald und Strand rund um die Jugendherberge mit allen Sinnen erkunden.. Drei junge Menschen führen mit Witz & Wissen im Podcaststil durchs Programm. Wie entsteht Meeresleuchten, warum stören Bojenleuchten Robben beim Schlafen und wieso gelten Steinböcke als stur? Spielerisch werden der Sternenhimmel, Lichtverschmutzung, die nächtliche Tierwelt und die Bedeutung von Dunkelheit für Mensch und Natur diskutiert. Vor oder nach der Tour können über 1-2 Stunden hinweg Bildungsmaterialien und Spiele in Form von Gruppen- und Stationsarbeit genutzt werden, um die Thematik zu vertiefen und Anstöße zum Diskutieren zu geben.

Tipp: Dieses Angebot ist für Klassenfahrten in der Nebensaison besonders geeignet. Dann wird es früher dunkel und die Tour lässt sich optimal in den Tagesablauf integrieren. Gleichzeitig erleben Schulklassendie Jugendherberge und das Ostseebad Prora in einer ruhigeren Atmosphäre und können die Natur intensiver wahrnehmen.

Die „Ostseekiste“ – erlebnispädagogische Klassenfahrt (5 Tage) 

Im Programm Ostseekiste“ können Schüler*innen an zwei Tagen interaktiv das Ökosystem Ostsee erforschen und sich mit seinen aktuellen Herausforderungen befassen: Mit Experimenten, Spielen und Forschungsaufgaben steht das selbstständige Lernen im Mittelpunkt. Zugleich wird das Programm von einem erfahrenen Erlebnispädagogen betreut, der mithilfe von Reflexionen und Faktenchecks dafür sorgt, dass sich das Gelernte nachhaltig festsetzt und die Klassengemeinschaft in der Zusammenarbeit gestärkt wird. Im Programm ebenfalls enthalten ist ein Ausflug zum Nationalpark-Zentrum Königsstuhl mit interaktiver Ausstellung und begleiteter Wanderung entlang der malerischen Kreidefelsen, dem Wahrzeichen Rügens.

Die Küstennacht-Erlebnistour kann in das fünftägige Ostseekistenprogramm eingebaut werden. Gemeinsam ermöglichen beide Angeboteeinen vielseitigen Zugang zu den Themen Nachhaltigkeit, Küstenentwicklung und Mensch-Umwelt-Beziehungen.

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)

Bildung für nachhaltige Entwicklung befähigt Menschen dazu, die Auswirkungen ihres Handelns zu verstehen und verantwortungsvolle Entscheidungen für die Zukunft zu treffen. Ziel ist es, ökologische, soziale und wirtschaftliche Zusammenhänge sichtbar zu machen und Handlungskompetenzen für eine nachhaltige Entwicklung zu fördern.

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