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MC Goethe und DJ Schiller: „Rap macht Schule“ in Weimar

„Na, wen von Euch kotzt das jetzt schon an hier in Weimar?“ Verblüffte Gesichter. Mit dieser unverblümten Frage von Christian Weirich alias Doppel U haben die Achtklässler nicht gerechnet. Sie sind gerade auf Klassenfahrt, Gäste der Jugendherberge Germania und: mitten in der Pupertät. Wie es sich für diese Lebensphase gehört, finden sie alles, was mit Lernen zu tun hat, uncool. Und selbst wenn es anders ist, dürfen sie es sich natürlich nicht anmerken lassen. Dementsprechend fallen die Antworten auf Christians Frage auch aus: die Mutigen antworten lautstark mit „Miiiich“, die Schüchternen gucken beschämt zu Boden, andere kirchern in sich hinein. Für sein Vorhaben beneide ich Christian in diesem Moment nicht: In gut eineinhalb Stunden möchte er die 107 Schülerinnen und Schülern für Goethe und Schiller begeistern. Gleichzeitig merke ich bei seiner provokanten Begrüßung sofort: Wenn es einer schaffft, dann wohl er.

„Rap macht Schule“ – ein Klassenfahrtsprogramm der Jugendherberge Weimar

Wo einst große Dichter und Denker zu Hause waren, sind reisende Schulklassen heute nicht weit. Weimar gehört nicht nur bei Deutschlehrern zu den beliebten Zielen für eine Klassenfahrten. Ein anderer Pluspunkt, den ich sofort selbst bei meiner Ankunft am Bahnhof Weimar erlebe: Die Jugendherberge liegt nur wenige Schritte entfernt. Die Eingabe der Adresse in meine Navigations-App hätte ich mir getrost sparen können, man kann sich gar nicht verlaufen. Raus aus dem Bahnhof, hundert Meter geradeaus, fertig.

Ich komme am Nachmittag an, die Schulklassen aus Riesa und Recke sind zurück von ihrem Vormittagsausflug und erobern die Flure. Türen knallen, Chipstüten werden umhergereicht und mobile Musikstation versorgen jeden mit aktuellen Beats. Die Wortwahl ist betont lässig, die Kleiderauswahl ebenfalls. Kurz gesagt: Es ist so, wie wir es wohl alle noch von unseren eigenen Klassenfahrten kennen. Laut und lebendig. Und alles andere als langweilig, auch wenn man das als Jugendlicher nach seiner Rückkehr natürlich niemals zuhaue zugeben würde. „War voll öde. Ausstellungen, Theatervorfürung, Geschichtsvorträge – äääätzend.“ Pupertät ist eben die Zeit, in der alles, was nicht in der eigenen Altersgruppe Trend ist, von Vorherein nervt. Die Eltern oder Lehrer halten etwas sogar für sinnvoll und wichtig? Noch viel nerviger.

Plakat Doppel U Weimar

Als ich mich nach dem Abendessen auf den Weg zum Kasseturm mache, wo „Rap macht Schule“ in gut einer Stunde starten wird, bin ich entsprechend gespannt, wie der Abend wohl verlaufen wird. Und was sich hinter dem Format überhaupt versteckt, denn so richtig kann ich mir den jungen Werther mit Beats und Baseballcap nicht vorstellen.

Wie im Kasseturm an anderen Abend Konzerte und Parties stattfinden, hingegen sehr gut. Ein Studentenklub ist das tolle Türmchen nämlich und meiner Ansicht nach eine idealer Ort für „Rap macht Schule“. Nicht nur, weil die Personenzahl gut hineinpasst, nein. Vielmehr atmet der Ort die Coolness hipper Leute Anfang zwanzig, von der Achtklässler gern auch eine Prise hätten. Eine Schulaula, ein Veranstaltungsraum im Museum oder ähnliches wäre nicht halb so gut geeignet, um das Eis zwischen Künstler und Publikum zu brechen. Hier ist das durchaus möglich, denke ich, während ich mich von der Theke aus im Clubraum unterm Dach umschaue.

Christian steht währenddessen zum Soundcheck auf der Bühne. Hin und wieder wird ein Regler und eine Lautsprecherbox verschoben, auf dem Laptop ist schon die Songliste für den Abend zu sehen: „Pilgrim“, „Nacht und Nebel Part II“, „Totenklage“. Nicht gerade Titel, die man aktuell aus den Charts kennt.

Als Christian fertig ist, nutze ich die Ruhe vor dem Sturm, um ihn nach dem Ursprung seines Goethe und Schiller-Programms zu fragen. „Mir ging es natürlich früher auch so wie den Schülern heute: Deutschunterricht, alte Klassiker, Gedichte, das alles hat mich nicht erreicht“, erinnert sich der Rapper. „Irgenwann hatte ich dann Kontakt zu Lesezeichen e.V. in Jena und Dr. Martin Straub. Das war ein echter Wendepunkt. Plötzlich verstand ich, was hinter den alten Texten stand. Welche Botschaften darin steckten. Fing an, mich mit den Texten von Schiller zu beschäftigen und fand mich darin wieder. Und ich fragte mich eins: Wieso verdammt hat mir nie zuvor jemand die Gedichte emotional nahegebracht?“

„Ey Alter, das drückt!“

Seit 2005 übernimmt er das daher mit der emotionalen Vermittlung. Begibt sich auf Augenhöhe mit seinem jugendlichen Gegenüber. Unterlegt alte Gedichte mit neuem Hiphop. Was das konkret bedeutet, erlebe ich, nachdem sich die Schüler mit ihren Lehrern im Kasseturm versammelt habe. Mit angesagten Sportschuhen und Cap steht Christian lässig auf der Bühne. Ich kann es in den Gesichtern der Jungs sehen: Sie wären auch gern so wie er. Christian benutzt Sätze wie „Ey Alter, das drückt!“ oder „Ich find´s echt nice!“, es wirkt authentisch und echt.

Und er erzählt von sich und dass es ihm früher genauso ging wie seinen heutigen Zuhörern. Dass auch er mit Abwehr auf Gedichte reagiert hat. „Aber wisst ihr was? Ihr findet das eigentlich nur scheiße, weil ihr eine andere Sprachverwendung habt. Auf Unbekanntes reagiert man oft mit Abwehr oder sogar Gewalt. Aber wenn man mal von der Wortwahl absieht, waren Goethe und Schiller voll die Rapper. Denn beim Rap geht´s doch immer um drei Sachen: Reime, Rhythmus und Gefühl.“

Was mit einem selbst geschehen kann, wenn man sich auf alte Klassiker einlässt, berichtet er auch. „Leute, als ich angefangen habe zu rappen, war ich echt schlecht. Ehrlich, Freunde haben zu mir gesagt, ich solle das lieber lassen. Im Normalfall lässt man das bei solchen Rückmeldungen auch. Aber ich habe beim Lesen seiner Gedicht gemerkt, dass es Schiller mit dem Schreiben auch so ging. Und hey, heute blickt man ehrfürchtig auf den zurück. Schiller hat mich echt dazu gebracht, weiter an mich zu glauben und mich auszuprobieren.“

Textkarte von Rap macht Schule

À propos ausprobieren: Während Christian zwei Drittel der Zeit mit Geprächen und seinen Raps füllt, sind am Ende die Schüler selbst dran. Die non-verbalen Reaktionen auf das Austeilen der vorbereiteten Textkarten sprechen Bände: „Singen? Voll peinlich! Rappen? Kann ich nicht! Voll kein Bock, blöde Idee.“ Christian kennt das schon, lässt sich aber nicht beirren. „Ey, ich hab es 2010 mit dem größten Rap aller Zeiten ins Guinessbuch der Rekorde geschafft. 519 Schülern haben mitgemacht. Lasst Euch einfach mal ein, weg mit den Vorurteilen.“

Die Musik läuft, Christian beginnt mit den Vocals. Die Achtklässler vergraben sich nahezu in den Kärtchen und murmeln fast lautlos die Worte runter. Christian gibt nicht auf, setzt nach. Und tatsächlich werden die Stimmen der Schüler etwas lauter, die Gesichter etwas freundlicher.

„Okay, alles klar, das geht doch schon mal in die richtige Richtung. Aber ihr müsst echt mal an Eurer Mimik und Gestik arbeiten.“ Christian stellt sich mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern schlapp an den Rand der Bühne. Er flüstert monoton ein paar Sätze. „“Gelingt Euch so ein Referat, ein Vortrag, eine müdliche Prüfung? Wohl nicht.“ Er wiederholt seine Sätze, dieses Mal laut und kraftvoll. Mit geschwellter Brust und Blick ins Publikum. „So geht das.“Rapper Doppel U vor achter Klasse

Seine Worte finden Gehör. Die Kids trauen sich. Ein bißchen.

Zwischen der Stimmung zu Beginn des Abends und der des Ende liegen dann Welten. Aus betont gelangweilten Jungs und Mädels sind ledendige Zuhörer geworden. Einige von ihnen wollen am Ende noch ein Selfie mit Christian. Und ein Autogramm. Manch einer kauft sogar seine CD. Über Goethe und Schiller haben sie in den eineinhalb Stunden außer ein paar biografischen Daten nicht allzu viel gelernt. Fürs Leben umso mehr. Und genau darum geht es bei „Rap macht Schule“.

Die Jugendherberge Germania in Weimar bietet für Schulklassen zwei Möglichkeiten, „Rap macht Schule“ zu erleben:  in Form einer eineinhalbstündigen Abendveranstaltung oder als mehrtägigen Workshop, in dem die Schüler selbst Raptexte verfassen und darbieten. Weitere Information findet Ihr auf der Website der Jugendherberge sowie auf der Website von Doppel U.

Sandra Lachmann

Mit der Patchwork-Familie im Grünen, mit einem Workshop auf einer Nordsee-Insel oder mit Freundin in der Großstadt: Sandra hat bereits in ganz unterschiedlichen Situationen in einer Jugendherbergen eingecheckt. Die Vielfalt hat die Bloggerin so begeistert, dass sie noch mehr über die Jugendherbergen von heute erfahren wollte. Daher tourt sie nun durch Deutschland und schreibt hier über ihre Erlebnisse und Aufenthalte. Weitere DJH-Stories liefert die 36-jährige Bremerin auch für heiterbisstuermisch.de.

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