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Klassenfahrt im Winter: Schneeschuhwandern und Iglubau am Schliersee

„Boah, guck mal. Das wird immer mehr.“ Während die 36 Schülerinnen und Schüler der Grundschule Fraunberg mit dem Bus durch die immer höherwerdenden Schneehügel fahren, ist bei einigen das Staunen nicht zu übersehen. Die Drittklässler sind auf dem Weg ins Skigebiet Spitzingsee-Tegernsee, das unweit der Jugendherberge Schliersee Wintersportlern ideale Rahmenbedingungen bietet. Als Schulklasse kann man hier auf Klassenfahrt zudem etwas ganz Besonderes erleben: einen Iglu bauen und mit Schneeschuhen wandern. Ich habe mir das einmal genauer angschaut und weiß nun: Eine Klassenfahrt im Winter ist nicht weniger spannend als im Sommer.

„Packt euch nach dem Frühstück ein Lunchpaket, das für den ganzen Tag reicht“, appelliert Sportlehrerin Hermine Kraus am ersten Klassenfahrts-Morgen im urigen Speisezimmer der Jugendherberge eindringlich. Bereits zum zweiten Mal hat sie die Jugendherberge Schliersee als Ziel gewählt. Die Anreise mit ihren drei KollegInnen und den SchülerInnen war nicht allzu weit: Weniger als eineinhalb Stunden sind es von Fraunberg an den Schliersee.  „Und bitte zieht Euch richtig warm an. Mütze, Skihose, Handschuhe – ihr braucht alles. Wir werden mehrere Stunden draußen im Schnee sein. Um 9 Uhr gehen wir los und wir sind bis zum frühen Nachmittag unterwegs. Ihr müsst wirklich genug zu essen und zu trinken dabei haben. Und warm angezogen sein. Das ist wirklich wichtig.“

Klassenfahrt in den Schnee: Ab in die Jugendherberge Schliersee

Die Worte zeigen Wirkung. Eifrig werden Lunchpakete gepackt, einige der Schüler präsentieren sie dem Lehrer-Quartett mit der Frage „Reicht das so?“.  Die Lehrkräfte nicken. Oder halten ihrem heranwachsenden Gegenüber noch eine Banane hin. „Steck die auch noch ein. Wir sind wirklich lang draußen.“ Kurz vor 9 Uhr zeigt sich, dass die Kinder gut zugehört haben: Vor dem Schneeweiß rund um die Jugendherberge Schliersee leuchten Winter- und Funktionskleidungsstücke mit bunten Mützen um die Wette.

Eine Handvoll SchülerInnen lässt allerdings auf sich warten. Eine Skihose wird vermisst. Weder im Trockenraum noch im Zimmer der Schülerin war sie zu finden. Die Zeiger der Uhr sind längst über 9 Uhr hinausgewandert, die Zeit drängt, der Bus wartet nicht. Und er fährt nur einmal die Stunde. Hektik bricht aus. „Hat noch jemand eine zweite Skihose, die er ausleihen kann?“, fragt Hermine Kraus in die Runde. Ein „Ja“ tönt aus der farbenfrohen Schülerschar. Flugs flitzen zwei Mädchen rein, das Hosenproblem wird gelöst und dann geht es verspätet schnellen Schrittes zur Bushaltestelle. Noch rechtzeitig – welch ein Glück. Dass die Gruppe an diesem Tag noch ein zweites Mal riesiges Glück an einer Bushaltestelle haben würde, ahnt sie in diesem Moment noch nicht…

Nach gut 10 Minuten voller gespannter Erwartungen auf das, was da im Schnee wohl kommen mag, erreicht die Schulklasse ihr Ziel – und einige Jungs besteigen erst einmal wild die Schneehügel. Die Lehrer geben sich große Mühe, dass sich die Gruppe wieder zusammenfindet und überqueren mit ihnen den großen Parkplatz, an dessen Ende der Blick auf die weiten schneeverwöhnten Skipisten frei wird. Für einen Moment sind alle ganz still, verharren am Rand des Skigebietes und schauen ehrfürchtig in die Weite. Obwohl sie in Bayern wohnend deutlich mehr Weiß sehen als alle Flachlandtiroler – der Anblick scheint auch sie zu beeindrucken.

Klassenfahrt in den Schnee: Iglubau in Bayern

In der Ferne winkt Markus Stehböck. Er uns seine Kollegin Sabrina betreuen in den nächsten Stunden die Schülerinnen und Schüler. Dafür wird die Klasse in zwei Gruppen aufgeteilt: eine wird zunächst mit Sabrina eine Schneeschuhwanderung unternehmen, während die andere damit beginnt, den Iglu zu bauen. Dann wird gewechselt: die Schneeschuhwanderer übernehmen den Iglubau, die bisherigen Bauherren die Schneeschuhe.

„Ihr geht bitte nur dort entlang durch den Schnee, wo ich euch gleich langführe“, erklärt Markus seiner Gruppe. „Wenn ihr quer über die Tiefschneefläche lauft, dann können wir dort keine Schneeblöcke mehr für den Iglu ausheben.“ Die Iglubauer versammeln sich mit Markus einer noch unberührten Schneedecke. „Das erste, was ihr machen müsst: Einen Kreis bilden und dann fest aufstampfen.“ Fragende Blicke. „Das wird das Fundament für unseren Iglu. Also, los geht´s.“

Der bunte Kreis setzt sich in Bewegung, die Kinder drücken ihre Schneeschuhe fest in den Boden. Immer wieder. Nach einigen Minuten ist der Boden fest genug und der Radius für den nun zu errichtenden Iglu festgelegt. Markus erklärt, wie es nun weiter geht: „Beim Iglubau ist eines total wichtig: jeder hat eine festgelegte Funktion. Die einen heben die Schneeblöcke aus, die anderen transportieren sie zum Igluplatz und dort gibt es einen Hauptverantwortlichen, der die Bausteine aufeinanderschichtet. Also, überlegt euch mal, was ihr machen wollt. Hier sind Schaufeln, wer möchte die haben?“

Die kommende Stunde zeigt: Selbst bei gutem Teamwork wächst ein Iglu  nur langsam. Obwohl fast alle fleißig mit anpacken, die schweren Schneeblöcke oft sogar zu dritt oder zu viert tragen und Markus sowie die Lehrer mithelfen, stehen erst zwei „Mauerreihen“ als die Schneeschuhwandertruppe in der Ferne wieder zu erkennen ist. Ein Nachwuchs-Eskimo, er muss geduldig sein. Und Kondition haben.

Klassenfahrt im Winter: Schneeschuhwandern im Tiefschnee

Die Ablösung ist da und befreit sich erstmal von ihren Schneeschuhen. Groß sind sie, die Hartplastikflächen, die um die Schuhe geschnallt werden und an der Unterseite mit steigeisenartige Zacken versehen sind. Lässt die Ansicht von oben auf die angebrachten Schneeschuhe vermuten, dass man auf einer Steigung ins Rutschen gerät, ist genau das Gegenteil der Fall: Man ist fest im Schnee verankert.

Seit Mitte der 1990er ist das Laufen und Wandern mit Schneeschuhen eine Trendsportart geworden. Es bietet sich in erster Linie für Menschen an, die nicht Ski fahren wollen oder können und denen es auf schnelle Abfahrten nicht ankommt. Der Clou: Man kann bei jeder Schneedicke und Schneeart Schneeschuhwandern. Benötigt man Vorkenntnisse? Nein. Einfach umschnallen und los geht´s.

Genauso handhaben es auch die Schülerinnen und Schüler, die jetzt mit Sabrina losziehen. Zunächst muss man einen kleinen Sprung auf die Skipiste absolvieren bzw. von einem kleinen Hang herabrutschen, dann geht es in Richtung Piste. „Zwei Regeln gibt es für euch“, verkündet Sabrina. „Ich gehe immer voraus und niemand überquert die Piste, bevor ich es sage.“ Auf der Piste und auf den Skiliften ist Betrieb. Einige Skifahrer sausen durch den Schnee, während die anderen sich entspannt wieder nach oben ziehen lassen. Die bunte Schülerreihe, sie sorgt bei einigen von ihnen für schmunzelnde Gesichter. Wie kleine Farbtupfen wirken die Drittklässler in der Weite des Skigebietes.

Mühelos laufen, springen und rennen die Kids über die Schneedecke. Als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Das Schlusslicht bildet eine ihrer Lehrerinnen. „Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass man nicht wegrutscht“, sagt sie, die deutlich zögerlicher einen Fuß vor den anderen setzt als ihre Schüler. „Das ist reine Kopfsache, die Kleinen sind da viel unbedarfter.“

Das beweist sich einige Minuten später erneut. An einem hohen Hang mit einigen Bäumen hält Sabrina die Gruppe an. „Hier dürft Ihr Euch jetzt nochmal so richtig austoben“, ermutigt sie die Gruppe, den Hang hinaufzulaufen und durch die unberührte Schneepracht zu toben. Einige tun es, andere warten lieber.

Kehrtwende nach gut zehn Minuten, es geht zurück in Richtung Iglubauplatz. Als die Schneehschuhwanderer dort ankommen die ernüchternde Erkenntnis: Der Iglu ist noch immer nicht fertig. Ganz im Gegenteil. Gerade mal bis zur Hüfte der Lehrer reichen die eiskalten Mauern.

Motivation und Ausdauern, sie neigen sich dem Ende zu. Die Gruppe macht sich erst einmal um die Reste der bereits direkt nach der Ankunft angebrochenen Lunchpakete her. Hermine Kraus berät sich währenddessen mit ihren KollegInnen – aufhören oder weitermachen? Der Blick geht auf die Uhr. „Wenn wir uns sputen, bekommen wir den Bus, der eine Stunde vorher als der ursprünglich geplante fährt.“

Die Erwachsenen entscheiden sich dafür. Ruckzuck werden alle und alles zusammengesammelt, herzlich und hurtig Markus und Sabrina verabschiedet und die Beine in die Hand genommen. Pünktlich steht die Gruppe an der Haltestelle. Wartet. Und wundert sich, dass kein Bus kommt.

Der Blick auf den ausgehängten Fahrplan erklärt, warum: Der Bus fährt um die Mittagszeit nicht stündlich. Enttäuschte Gesichter mit kaltgefrorenen Wangen. Ratlosigkeit. Einige Schülerinnen und Schüler wollen erst einmal auf die öffentliche Toilette. Gefragt, getan. Hermine Kraus läuft währenddessen zur Gaststätte, um nachzuschauen, ob die Gruppe vielleicht dort Unterschlupf finden kann. Eher nicht, berichtet sie bei ihrer Rückkehr. „Tja, dann laufen wir wohl noch mal zurück zum Iglu und sind noch mal eine Stunde fleißig“, entscheidet sie gerade, als plötzlich ein Bus um die Ecke biegt.

Na nu? Der Bus hält und alle sind gespannt: Was für eine Linie ist das, darf man mitfahren und kommt man mit ihm auch wieder zurück in die Jugendherberge? Die Türen öffnen sich mit lauten Getöse und der Busfahrer blickt der Gruppe fröhlich entgegen. „Na klar, Ihr könnt mitfahren, ich nehm Euch mit runter.“ Warum er überhaupt da sei, wird er gefragt. „Ach, ich hab unten diese kleine Gruppe Skifahrer stehen sehen, die sich auch in der Zeit vertan haben. Die hab ich eben hochgebracht, sonst hätten die ja auch ne Stunde warten müssen, während ich nur rumstehe.“

Und so geht es dann doch zurück zur Jugendherberge Schliersee. In das heimelige Holzgebäude, wo alle sich erst einmal ordentlich aufwärmen. Manchmal braucht man als Schulklasse einfach ein kleines Winterwunder. Oder einen Busfahrer, mit dem Herz am rechten Fleck.

Alle Informationen zu Klassenfahrts-Angebot der Jugendherberge Schliersee findet ihr hier: Klassenfahrten am Schliersee.

Ihr möchtet wissen, welche Jugendherbergen in Schneegebieten liegen? Dann bitte hier entlang: Wintersport und Jugendherbergen.

Sandra Lachmann

Mit der Patchwork-Familie im Grünen, mit einem Workshop auf einer Nordsee-Insel oder mit Freundin in der Großstadt: Sandra hat bereits in ganz unterschiedlichen Situationen in einer Jugendherbergen eingecheckt. Die Vielfalt hat die Bloggerin so begeistert, dass sie noch mehr über die Jugendherbergen von heute erfahren wollte. Daher tourt sie nun durch Deutschland und schreibt hier über ihre Erlebnisse und Aufenthalte. Weitere DJH-Stories liefert die 39-jährige Bremerin auch für heiterbisstuermisch.de.

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