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Mehr Medienkompetenz: Klassenfahrt sensibilisiert für Cyber-Mobbing und Datenklau

„Mama! Papa! Kann ich ein Handy haben?“ Bei den meisten Eltern löst diese Frage vor allem eins aus: großes Unbehagen. Zu undurchsichtig und gefährlich erscheint die Welt, die sich Kindern und Jugendlichen mit einem internetfähigen Smartphone in der Hand eröffnet. Aber man kann Teenager schützen – indem man ihre Medienkompetenz verbessert. Genau das passiert in der Jugendherberge Osnabrück. Bei Klassenfahrten in der bundesweit ersten Jugendherberge für Digitalisierung lernen Schüler*innen, wie sie im Web und den sozialen Medien ihre Daten schützen. Und sie werden auch dafür sensibilisiert, dass aus einem Social Media-Scherz schnell eine leidvolle Mobbing-Situation werden kann.

Es ist ein Bild, das im ersten Moment irritieren kann:  Rund zwei Dutzend Fünftklässler sitzen an diesem Mittwochvormittag in der Jugendherberge Osnabrück vor Computerbildschirmen oder scrollen über Tablets. „Früher hätte es das nicht gegeben, eine Klassenfahrt mit solchen Geräten“ möchte manch einer da beim Vorbeigehen vielleicht murmeln. Doch genau das ist eine Haltung, die die Jugendherbergen zwischen Nordsee und Sauerland schon lange nicht mehr einnehmen. Sie setzen statt dessen auf digitale Bildung und haben mit der Jugendherberge Osnabrück einen Ort geschaffen, an dem Familien und Schulklassen ihre Medienkompetenz erweitern können.

Klassenfahrt „Digitale Selbstverteidigung“: Mit Tablet im Makerspace

Die Jugendherberge ist deutschlandweit die einzige, die sowohl ihren Programmbereich als auch ihre Ausstattung auf die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung ausgerichtet hat. Ihr Herzstück: Der „Makerspace“ – sozusagen der Hobbykeller des digitalen Zeitalters. Es handelt sich bei ihm um offene Räume, in denen sich Ideen und Projekte der Reise-Programme umsetzen lassen. Drei Arbeitsbereiche gibt es: eine Kreativwerkstatt mit 3D-Druckern und Lötkolben, ein Social Media Lab sowie eine Games-Werkstatt.

Die fünfte Klasse, die sich heute im Makerspace ausgebreitet hat, absolviert derzeit das dreitägige Programm „Digitale Selbstverteidigung“. In verschiedenen Workshops und Diskussionsrunden nehmen die Fünftklässler gemeinsam mit Jan Schmale vom Helden e.V. die Risiken der digitalen Medien in den Blick – konstruktiv, lösungsorientiert und praktisch. Wie das konkret aussieht, kann ich mir heute einmal anschauen.

Klassenfahrt für mehr Medienkompetenz: Wie entsteht Mobbing?

„Ich habe Euch zwei ganz unterschiedliche Situationen mitgebracht, die im echten Leben tatsächlich häufig vorkommen“, erklärt Jan den neugierigen Fünftklässlern zu Beginn ihres ersten Workshops. Ich kann es an den Gesichtern der 10 bis 12-jährigen ablesen: eine Klassenfahrt, bei der sie ein Tablet in die Hand bekommen und einen Workshop-Leiter haben, der alles andere als spießig daherkommt – das finden sie alle ziemlich cool. „Eure Aufgabe ist es, anhand von Hinweisen zu entschlüsseln, wie es zu der Situation kommen konnte“, so Jan weiter.

Szenario 1: Ein Mädchen wird gemobbt, weil sie Bilder in Unterwäsche und Bikini verschickt hat. Szenario 2: Ein Junge wird gemobbt, weil er Gerüchten zufolge schwul ist.

Die Schüler*innen werden in Gruppen aufgeteilt und widmen sich ihrem jeweiligen Fall. Dazu bekommen sie Boxen, in denen unter anderem Tagebücher und Fotoalben zum Vorschein kommen. Persönliche Materialien, die den Fünftklässlern Hinweise darauf geben, was zum Mobbing führte. In kürzester Zeit versinken die Kinder in ihrer Aufgabe und entschlüsseln nach und nach auch die kleinsten Details. Was auffällt: technisch sind sie bereits mehr als fit und haben keine Probleme damit, diverse Apps für ihre Recherche zu nutzen. 

Auswertungsrunde. Die Schulklasse präsentiert ihre Ergebnisse. Wie ist beispielsweise das Gerücht um den vermeintlich schwulen Jungen entstanden? Die Arbeitsgruppe weiß es inzwischen: ein Fake-Account brachte den Stein ins Rollen. Der Junge war in ein Mädchen verliebt, Mitschüler haben für dieses Mädchen einen Fake-Account erstellt und von diesem eine Bitte an den Jungen geschickt: dass er mal ein Bild schickt, auf dem er geschminkt ist. Der Junge macht bei diesem als Spaß getarnten Bilderklau mit – die Mitschüler brachten sie dann zusammen mit dem Gerücht in Umlauf.

Klassenfahrt für mehr Medienkompetenz: Zivilcourage ist cool

„Könnt ihr euch vorstellen, wie sich der Junge gefühlt hat?“ fragt Workshop-Leiter Jan die Kinder. Ja, sie können es: „Der hat sich furchtbar gefühlt und war total traurig.“ Auch die Gefahr, dass ein Mobbing-Opfer sich umbringt, wird offen besprochen. Die zweite wesentliche Frage folgt: „Wer hätte das verhindern können?“ Die Antworten hier: „Der Junge bzw. das Mädchen selbst“ und „Die anderen, man sollte solche Bilder nicht weiterschicken“. Sich in die Rolle eines Mobbing-Opfers hineinzuversetzen und sich seiner Verantwortung dafür, dass so etwas nicht geschieht, bewusstwerden – darum geht es jetzt. Die Atmosphäre ist konzentriert. Und sehr nachdenklich.

Während Jan mit der Schulklasse spricht, erinnere ich mich zurück an eine andere Klassenfahrt: In Bad Driburg durfte ich vor gut eineinhalb Jahren schon einmal beobachten, wie der Helden e.V. mit einer Schulklasse arbeitet. „Heldenakademie“ – diese Klassenfahrt findet dort regelmäßig statt. Ein Format, das es in der Jugendherberge Osnabrück ebenfalls gibt und das noch viel ausführlicher die Strukturen und Dynamiken beim Mobbing offenlegt.

Falls Euch dieses Klassenfahrtenprogramm interessiert, lest gern einmal meinen damaligen Blogbeitrag: Klassenfahrt für mehr Zivilcourage. Und wenn Ihr mehr über die Arbeit von Helden e.V. und ihre Mission erfahren wollt, dann könnte dieses Interview, das ich mit Co-Gründer Sven geführt haben, spannend für Euch sein: Klassenfahrten gegen Mobbing

Klassenfahrt für mehr Medienkompetenz: Cookies und Datenklau

Bei der heutigen Klassenfahrt „Digitale Selbstverteidigung“ geht es dann aber sehr handfest und praxisnah weiter. Was heißt es denn nun konkret, sicher im Netz unterwegs zu sein? Das erleben die Fünftklässler erneut in Form einer Übung. Sie alle sollen ein beliebiges Produkt googeln und dann darauf achten, wie sich Cookie-Einstellungen und die Suchanfragen auf die Werbeanzeigen auswirken, die ihnen danach ausgespielt wird.

„Keks-Spuren“ nennt Jan das, was jeder von uns unbewusst auslegen, wenn wir auf Webseiten unterwegs sind, ohne die Cookies auszustellen. Spielerisch vermittelt er, wieviel wir über uns preisgeben, wenn wir ganz normal durchs Web surfen. Das Ergebnis ist erwartbar: richtig richtig viel.

Mittagspause für die Schüler*innen, Ende des Mäuschenspielens für mich. Auf dem Weg nach Hause denke ich darüber nach, wie ich wohl reagieren werde, wenn mein jetzt vierjähriger Sohn mich irgendwann einmal nach einem Handy fragt.

Meine Antwort hängt vermutlich ganz stark davon ab, wie viele schulische und außerschulische Angebote es dann gibt, die wie das Format „Digitale Selbstverteidigung“ früh für Chancen und Risiken von digitalen Medien sensibilisieren. Auch wenn das dann vermutlich andere als Smartphones und Gaming-Konsolen sein werden – ich würde mich deutlich sicherer fühlen, wenn die Vermittlung von Medienkompetenz auch außerhalb des Elternhauses dann überall ein selbstverständliches Thema im Unterricht und auf Klassenfahrten wäre. Nutzen werden unsere Kinder die modernsten Medien nämlich in jedem Fall – gut, wenn sie darauf bestmöglich vorbereitet sind.

Empfehlenswerte Links:

Sandra Lachmann

Mit der Patchwork-Familie im Grünen, mit einem Workshop auf einer Nordsee-Insel oder mit Freundin in der Großstadt: Sandra hat bereits in ganz unterschiedlichen Situationen in einer Jugendherbergen eingecheckt. Die Vielfalt hat die Bloggerin so begeistert, dass sie noch mehr über die Jugendherbergen von heute erfahren wollte. Daher tourt sie nun durch Deutschland und schreibt hier über ihre Erlebnisse und Aufenthalte. Weitere DJH-Stories liefert die 39-jährige Bremerin auch für heiterbisstuermisch.de.

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