Gemeinschaft erleben mit der Schule

Auf den Spuren des Bauhauses in Dessau

Bei der Planung von Klassenfahrten ist das DJH flexibler als jeder Stundenplan: Lehrer*innen können in einer Jugendherberge nämlich nicht nur Programme für alle Tage des Aufenthalts buchen, sondern auch auf einzelne Programmbausteine zurückgreifen. Diese „Programmhäppchen“ sind vor allem dann ideal, wenn nur wenig Reisebudget zur Verfügung steht oder der Aufenthalt keine ganze Woche, sondern nur wenige Tage dauert. So wie jüngst die Projektfahrt der Marguerite Friedlaender-Gesamtschule aus Halle. 23 Acht- und Neuntklässler waren zusammen mit ihren Lehrerinnen Sigrun Schramm und Heike Thiele in die Jugendherberge Dessau gereist, um in drei Tagen und mit vier Programmbausteinen die Geschichte des Bauhauses zu erkunden.

Montagabend im Seminarraum 3 der Jugendherberge Dessau. Fünf Gruppen sitzen im Raum verteilt an je zwei zusammengeschobenen Tischen. Es wird geschnitten, gebastelt, gemalt, gefaltet und geschrieben. Schwarz-Weiß-Fotografien liegen unter Scheren, Klebestifte auf auseinandergerissenen Museumsprospekten. Hier entstehen gerade 23 Tagebücher, die in den nächsten drei Tagen mit Infos, Erinnerungen und eigener Kreativität gefüllt werden sollen. Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt, dem Thema schon: Alles wird sich mit dem Bauhaus beschäftigen. Mit der berühmten Designschule, die vor genau 100 Jahren damit begonnen hatte, Kunst und Handwerk zu vereinen. Die davon überzeugt war, dass sich die Form der Funktion unterzuordnen habe und dass Produkte auch in Masse hergestellt werden können.

Ein Thema, unterschiedliche Umsetzungen: Die Tagebücher der Schüler*innen

Dass die Schüler*innen aus Halle das Bauhaus in den Blick nehmen, hat einen guten Grund. Ihre Schule erhielt gerade erst ein neues Gebäude – und dieses eine neuen Namen: „Marguerite Friedlaender-Gesamtschule“. Und eben diese Marguerite Friedlaender war Vertreterin des Bauhause und etablierte sich im Laufe ihres Lebens zu einer anerkannten preisgekrönten Keramikerin, die auch in Halle an der Burg Giebichenstein Station machte. Diese erfolgreiche berufliche Laufbahn war für Frauen jener Zeit alles andere als selbstverständlich.

Bauhaus Dessau: Jugendherberge bietet zehn Programmbausteine an

Originalaufnahmen studieren, um dann…

Dass das Bauhaus entgegen der damaligen Strömungen auch viele Frauen zum Studium zuließ, ist eine von vielen wertvollen Informationen, die Kunstpädagogin Rebecca Fleckeisen den Schüler*innen am nächsten Vormittag in ihrer interaktiven Führung durchs Bauhaus gibt. Ihre Experten-Führung ist einer der derzeit zehn Programmbausteine, die die Jugendherberge Dessau zum Bauhaus anbietet. Und sie hält in den nächsten eineinhalb Stunden, was sie im Ankündigungstext verspricht: Die Schüler*innen lernen in Zweierteams oder Kleingruppen durch verschiedene Aufgaben eine ganze Menge über die Idee des Bauhauses.

… Körperhaltungen nachzuahmen.

Dass es beim Bauhaus nicht nur um Architektur und Produktdesign geht, sondern auch künstlerische Disziplinen wie Theater und Musik beeinflusst waren, vermittelt die erste Übung in der Aula: Vor der schwarzen Theaterbühne stellen die Acht- und Neunklässler Szenen aus den „Bauhaustänzen“ von Oskar Schlemmer nach. Er hatte hier in der Aula nämlich früher seine Theaterwerkstatt.

Ein historisches Foto liefert den Zweierteams die Vorlage für ihre Aufgabe: eine Person ahmt eine Körperhaltung nach, die andere tastet sie mit verschlossenen Augen ab und versucht sie anschließend der richtigen Figur auf dem Foto zuzuordnen. Eine spielerische Beschäftigung mit den Werk Oskar Schlemmers, das sich vor allem mit der menschlichen Figur im Raum auseinandersetzte.

Interaktive Führung mit vielen Übungen

Es geht die Treppe hinauf. „Walter Gropius konnte nicht besonders gut zeichnen und hat daher seinem Assistenten Carl Fieger immer Formen beschrieben, die dieser zu Papier bringen sollte“, berichtet Rebecca Fleckeisen. Genau das gleiche dürfen jetzt die Schüler*innen in Zweierteams probieren. Wird es ihnen gelingen, den Grundriss des Bauhaus-Gebäudes, den sie sich zuvor an einem Exponat eingeprägt haben, gemeinsam zu Papier zu bringen? Es entpuppt sich als schwieriger als zuvor angenommen…

Dann verteilt Rebecca Fleckeisen Aluminiumrohre, Holzblöcke und Glasschreiben an die Gruppe: „Versucht mal, aus diesen Bestandteilen ein Objekt anzufertigen, bei dessen Anblick man als Betrachter das Gefühl hat, es würde schweben.“ Alle machen sich an die Arbeit, Lehrerinnen inklusive.

„Ich bin überhaupt nicht kreativ“, höre ich Fynn sagen. Ich blicke auf das, was er gerade aus wenigen Teilen geschaffen hat. Sieht alles andere als langweilig aus. Wie er auf die Idee kam, frage ich ihn. „Ich musste an den schwingenden Bauhausstuhl denken, den wir gestern im Bauhaus-Museum gesehen haben. Den man auch aus Arztpraxen kennt.“ Eindeutig: Die Schüler*innen tauchen immer weiter in die Welt des Bauhauses ein – auch wenn es ihnen selbst noch gar nicht aufzufallen scheint.

Bauhaus Dessau: Lehrer sparen bei Klassenfahrt Vorbereitungszeit

Nach eineinhalb Stunden Selbermachen und Ausprobieren laufen wir zurück zur Jugendherberge. Die Strecke könnte schöner nicht sein – sie führt direkt an den Meisterhäusern vorbei. Und weit ist sie auch nicht: rund 25 Minuten dauert sie zu Fuß. Ein guter Zeitrahmen, um mit Sigrun Schramm und Heike Thiele mal über die Organisation von Klassenfahrten zu sprechen.

25 Minuten Fußweg sind es von der Jugendherberge Dessau bis ins Bauhaus.

„Früher mussten wir vor einer Klassenfahrt an den Ort fahren, an dem sie später stattgefunden hat, um uns einen Überblick über Laufwege, Bushaltestellen, mögliche Ausflugsziele und so weiter zu machen“, erinnert sich Sigrun Schramm. „Das ist inzwischen dank der vorbereiteten Programme viel viel einfacher. Das nimmt uns eine Menge Arbeit im Vorfeld ab.“

Heike Thiele unterrichtet eigentlich Chemie und Mathe.

Dieses Mal hätten sie sich für die Baustein-Variante entschieden, weil sie bereits am Donnerstag wieder abreisen, um am Freitag – beim Tag der offenen Tür in ihrer Schule – die Ergebnisse der gemeinsamen Zeit in Dessau vorzustellen. „Solche Bausteine sind aber auch gut, wenn man beim Budget eingeschränkt ist. Für Eltern können bei Klassenfahrten ganz schön hohe Kosten entstehen, gerade wenn die Kinder bei ihrer Abschlussfahrt ins Ausland wollen“, erzählen die beiden. „Wir gucken schon, dass die Kosten für die Eltern nicht zu hoch ausfallen.“

Lichtdurchflutete Jugendherberge am Waldrand

Jugendherberge Dessau: 159 Betten verteilt auf 39 Zimmer, alle mit Dusche/WC

Wir kommen in der Jugendherberge Dessau an. Sie ist ein lichtdurchflutetes Haus, direkt am Waldrand gelegen. Wusstet Ihr, dass die von Wiesen und Wäldern an den Flüssen Elbe und Mulde geprägte Landschaft von der UNESCO als Biosphärenreservat Mittelelbe unter Schutz gestellt wurde? Ich wusste es nicht, merke aber die wohltuende Wirkung der vielen Bäume rund ums Haus, die derzeit ihre letzten bunten Blätter verlieren. „Weit ab vom Schuss“ , wie es so schön heißt, ist man allerdings nicht, wenn man in der Jugendherberge Dessau-Roßlau übernachtet – direkt vor dem Haus gibt es eine Bushaltestelle und ein entspannter Fußmarsch in die Innenstadt dauert wie bereits erwähnt nicht mal eine halbe Stunde.

Es gibt Königsberger Klopse mit Salat zum Mittagessen. Pudding zum Nachtisch. Die Stärkung tut gut. Manche Schüler*innen ziehen sich anschließend kurz auf ihr Zimmer zurück, andere schnappen hinterm Gebäude zwischen Spielplatz und Terrasse frische Luft. Heike Thiele und Sigrun Schramm verschnaufen bei einem Cappuccino, den DJH-Mitarbeiterin Anita Tutschek an der Rezeption gezaubert hat, in den roten Sesseln der Lobby.

Eine halbe Stunde später versammeln sich auch die Schüler*innen wieder im Eingangsbereich. Mit im Gepäck haben sie ihre vorbereiteten Bauhaus-Tagebücher. Denn gleich, beim zweiten Programmbaustein an diesem Tage, wollen sie dort Arbeitsergebnisse eingkleben.

Die Gruppe wird im Workshop „Vorkurs: Werke aus Papier“ nämlich in die Rolle von Bauhaus-Student*innen schlüpfen. Ein Vorkurs musste früher verpflichtend besucht werden. In ihm wurde mit verschiedenen Materialien experimentiert und dabei galt immer: Mit so wenig Materialeinsatz und Bearbeitung wie möglich soll der größtmögliche Effekt erreicht werden.

Bauhaus Dessau: Experten-Workshops beleben Klassenfahrt

Also noch einmal zu Fuß ins Bauhaus. Noch einmal Rebecca Fleckeisen begrüßen. Noch einmal Platz nehmen an großen Tischen – dieses Mal im Untergeschoss. Die Jungen und Mädchen bekommen Scheren und Papier. Mehr braucht es nicht, um ein Bauhaus-Künstler zu sein.

„Eure erste Aufgabe ist es, aus dem vor Euch liegenden Papier mit höchsten zwei Schnitten und einer Knickung ein Objekt zu kreiieren, das bei Lichteinfall einen spannenden Schatten wirft“, eröffnet Rebecca die kreative Stunde. Fragende Gesichter. Nach und nach probieren die Schüler*innen etwas aus. Manche machen es sich leicht, andere tüfteln etwas länger. Wie schon am Vormittag wird schnell deutlich: Einfach ist es nicht, aus wenig viel zu machen. Aber es ist möglich. Wer nicht die naheliegendste Lösung wählt, kommt auf gute Ideen.

Wer hat den Durchblick im Vorkurs?

Gilt auch für die zweite Übung: „Baut aus dem Papier vor Euch einen hohen Turm, der nicht umfällt. “ Hier hat die Nase vorn, wer sein Papier zunächst einmal in viele gleichmäßige Stücke auseinanderschneidet und daraus Formen bildet, die aufeinandergestapelt werden.

Hoch hinaus mit nur einem Blatt Papier.

Die dritte und letzte Übung ist dann Bauhaus pur. Rebecca hält ein fächerartig gefaltetes weißes Papier in die Höhe „Aus mehreren solcher Stücke wurde früher schon mal ein ganzer Lampenschirm entworfen.“ Sie zeigt der Schulklasse, wie es geht. Einigen gelingt es sofort, es ihr gleich zu tun, anderen lange Zeit nicht. Papierkünstler*in sein – Spaß für die einen, Herausforderung für den anderen.

Gefaltete Lampenschirme – echt Bauhaus!

Nach dem Workshop schwärmen die Acht- und Neunklässler aus. Manche gehen skaten, andere ein bißchen bummeln, wieder andere in einen Tierpark. Für heute wurde genug gelernt. Morgen geht es weiter, mit dem nächsten Programmbaustein: Einer Führung durch die Meisterhäuser.

Hier geht´s an Tag 3 rein: in eines der Dessauer Meisterhäuser.

Bauhaus Dessau: So bucht Ihr Programmbausteine

Seit mehr als zehn Jahren gibt es zusätzlich zu den einwöchigen Klassenfahrtsprogrammen die sogenannten „Programmbausteine“. Sie sind wie alle Reiseangebote aufgeteilt in die Rubriken „Umwelt & Natur“, „Kultur & Gesellschaft“ sowie „Gesundheit & Sport“. Die Bausteine reichen von kurzen Aktivitäten wie Kino- oder Museumsbesuchen bis hin zu mehrstündigen, erlebnispädagogischen Unternehmungen wie begleiteten Paddeltouren oder Theaterworkshops.

Eine Übersicht über die Programmbausteine am Ort Eurer Wahl findet Ihr auf der Websites der jeweiligen Jugendherberge unter „Klassenfahrten“. Die Programmbausteine können bei einer Onlinebuchung den Übernachtungen unkompliziert hinzugefügt werden.

Auf der DJH-Website findet Ihr übrigens super Planungshilfen für Klassenfahrten. Eine Checkliste für die organisatorische Vorbereitung gibt´s hier: CHECKLISTE KLASSENFAHRT

Sandra Lachmann

Mit der Patchwork-Familie im Grünen, mit einem Workshop auf einer Nordsee-Insel oder mit Freundin in der Großstadt: Sandra hat bereits in ganz unterschiedlichen Situationen in einer Jugendherbergen eingecheckt. Die Vielfalt hat die Bloggerin so begeistert, dass sie noch mehr über die Jugendherbergen von heute erfahren wollte. Daher tourt sie nun durch Deutschland und schreibt hier über ihre Erlebnisse und Aufenthalte. Weitere DJH-Stories liefert die 39-jährige Bremerin auch für heiterbisstuermisch.de.

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