Gemeinschaft erleben mit der Schule

Smartphones auf Klassenfahrt? Das meinen Eltern, Lehrer und Experten

handynutzung auf klassenfahrt

Hausaufgaben werden in Whats App-Gruppen besprochen, Bilder von Schulsportfest bei Instagram hochgeladen und Infos fürs nächste Referat bei Youtube gesucht – für zahlreiche Schülerinnen und Schüler ist das Smartphone als Kommunikations- und Informationsmedium nicht mehr wegzudenken. Im Alltag liegt es im Ermessen der Eltern, ob und ggf. wie sehr sie die Handyzeit ihrer Kinder reglementieren. Doch wie sieht es mit der Handynutzung auf Klassenfahrt aus?

Sollen und wollen Lehrer Verantwortung dafür tragen, dass ihre jungen Mitreisenden nicht bis spät in die Nacht am kleinen Bildschirm hängen? Ist es besser, das Smartphone komplett zu verbieten oder müssen Kinder die Möglichkeit haben, jederzeit zuhause anzurufen, wenn das Heimweh kommt? Und welche Erfahrungen machen die Teams der Jugendherbergen mit der Generation Smartphone auf Klassenfahrten. Ich habe mich einmal bei Eltern, Experten und Lehrern  zu diesen Fragen umgehört.

Handynutzung auf Klassenfahrt: Ein Thema, viele Meinungen


Franz-Josef Meyer ist niedersächsischer Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung

„Grundsätzlich ist es falsch, minderjährigen Kindern die Mitnahme eines eigenen Handys bei einer Klassenfahrt zu erlauben. Klassenfahrten sollen die Klassengemeinschaft und das soziale Miteinander stärken. Handys bewirken da genau das Gegenteil. Die Schüler beschäftigen sich statt mit den Mitschülern mit ihren Handys. Zudem besteht die große Gefahr, dass Schüler ihre Mitschüler fotografieren und diese dann unbefugt in sozialen Netzwerken verbreiten. Im schlimmsten Fall betreiben sie auf diese Weise Mobbing. Lehrer sollten in diesem Falle eine klare Vorgabe machen und dies mit den mitreisenden Schülern und deren Eltern auch so kommunizieren. Die Argumente für ein Handyverbot sind dann auch für alle nachvollziehbar.

Dazu gehört auch, dass Telefonieren nur zu bestimmten Zeiten über das Haustelefon erfolgen kann bzw. in dringenden Fällen über das Handy der begleitenden Lehrkraft. So beugt man auch ausufernde Telefonkosten und aufkeimendes Heimweh vor. Nach Absprache mit den Eltern kann auch generell auf das Telefonieren während der Klassenfahrt verzichtet werden. Begleitende Lehrkräfte können täglich bzw. nach Absprache über die Tagesereignisse berichten und dazu die von den Eltern freigegebenen Mailadressen verwenden. Man muss auch bedenken, dass nicht alle Schüler ein eigenes Smartphone besitzen und auf Klassenfahrten gegenüber ihren Mitschülern mit Handy klar die „Verlierer“ sind, da sie sich nicht an der Smartphone-Kommunikation beteiligen können und so ausgegrenzt werden.

Eltern sind entscheidend für die oben beschriebenen Verabredungen. Oft fällt es ihnen schwer, die Kinder für mehrere Tage oder ggf. Wochen in die Obhut der Lehrkräfte zu geben. Sie möchten den ständigen Kontakt zu ihren Kindern. Die Schule muss den Eltern deutlich machen, dass dies auf Klassenfahrten für ihr Kind sich nachteilig auswirken kann. In der Regel sind Eltern einsichtig.“


Maren Weber, Lehrerin am Gymnasium / an der  Oberschule in Bremen

„Bei mir gilt: ich entscheide gemeinsam mit der Klasse. Es stärkt Schüler, wenn sie diskutieren und mitentscheiden können. Beide Fälle (mit/ohne) habe ich schon erlebt.

Bei älteren Schülern ab Klasse 8 kann man das Smartphone bewusst einbinden, z.B. bestimmte Dinge recherchieren, Geocaching machen, kleine Videoclips erstellen. Auf der anderen Seite haben meine Schüler immer verstanden, dass eine Instagram-Story z.B. aus dem Museum nicht angebracht ist und keiner heimlich fotografiert werden will. Wenn ich also das Programm der Klassenfahrt vorlege und wir es in der Klasse gemeinsam besprechen, dann wird auch bei erlaubter Nutzung sehr schnell klar, dass bestimmte Zeitfenster MIT und eben auch OHNE Smartphone vorhanden sind. Und wir legen schriftlich fest, was bei Verstößen passiert.

Es ist also ein wichtiger Teil der Vorbereitung, die Nutzung mit den Schülern und auch deren Eltern beim Elternabend und im Infobrief zu thematisieren. Auch von der Elternseite aus. Zum Beispiel werde ich bei Notfällen zuhause immer zuerst angerufen, nicht das Kind, damit ich die Situation begleiten kann. Damit bin ich in den letzten 11 Jahren immer gut (auf Klassenfahrt) gefahren.“


Sabine Freundt ist Mutter eines Fünftklässlers und PR-Beraterin

„Mein Sohn geht in die 5. Klasse und es haben, bis auf einen Mitschüler, alle ein Smartphone. Ende des Schuljahres geht es auf Klassenfahrt – mit Handyverbot. Und das während der Fußball-WM! Seine Jungs und er empfinden das als Zumutung und ich jubiliere innerlich. Schließlich geht es bei der Tour doch um Zusammenhalt. Die Versuchung, zwischendurch rumzudaddeln ist einfach zu groß und schließlich geht es bei der Tour doch um Zusammenhalt. Sie werden es überleben. Und selber kicken statt vor dem Live-Ticker zu hängen.“


Jule Wöhrle ist Klassenlehrerin einer 6. Klassen an einer Hamburger Stadtteilschule

„Auf Klassenreisen gibt es von mir als Lehrerin bis Klasse 7 einschließlich keine Erlaubnis, das Smartphone mitzunehmen. Eltern begrüßen das in der Regel, die Schüler nehmen es hin. Hintergrund dieses Handyverbotes sind meine Erfahrungen als Mutter UND Lehrerin. Der Sog der internetfähigen Medien und der Spiele-Apps, die darauf zu finden sind, ist so immens, dass die Ablenkung hierdurch die gemeinsame Reise ihres Sinnes befreien würde. Hinzu kommt, dass ich als Lehrerin nicht die Verantwortung für diese kostbaren Geräte übernehmen möchte.

Der Aufenthalt in Jugendherbergen und Schullandheimen stellt für mich eine sehr wertvolle Zeit für die Klasse dar, während der man besondere Orte außerschulischen Lernens kennenlernt. Es gibt wenige Situationen im Schulleben, in denen ich sonst mit meinen Schülern und Schülerinnen die Möglichkeit habe, intensiv ins Gespräch zu kommen und neben dem Lehrplan die wichtigen Dinge des Miteinanders einzuüben und zu genießen. Darum sollte diese wertvolle Zeit nicht geprägt sein vom Einfluss des Mediums Smartphone. Aus diesem Grund würde ich mir eine einheitliche Regelung auf Klassenreisen wünschen, um allen Schülerinnen und Schülern eine erholsame und wirksame Zeit miteinander zu ermöglichen. Stichwort #medienfasten #digitaldetox.“


Michael Weis ist selbstständiger Referent und Trainer im Bereich der Medienpädagogik

„Smartphones auf Klassenfahrt? Aber selbstverständlich! Das Smartphone ist ein wesentlicher Teil der Lebensrealität von Kindern bzw. Jugendlichen und von Erwachsenen. Nur sind sich beide noch nicht ganz einig, was ein vernünftiger Gebrauch ist. Die „sinnvolle Nutzung“ ist natürlich subjektiv und sieht bei Erwachsenen und Jugendlichen jeweils anders aus. Eine Klassenfahrt bietet sich an, genau das zu diskutieren. Natürlich sollten die Eltern mit ins Boot geholt werden. Und natürlich sollte sich niemand extra für die Klassenfahrt ein Smartphone kaufen müssen. Und das Wichtigste: Das Thema kostet Zeit und ist zusätzlich mehr Arbeit.

Der/die Klassenlehrer/in kann die Eltern fragen, was sie von Smartphones auf Klassenfahrt halten, aber natürlich auch die Schülerinnen und Schüler. Stimmt die Mehrheit für Smartphones, sollten sowohl die Schülerinnen und Schüler Regeln für den Umgang mit Smartphones erstellen, als auch Eltern und Lehrkräfte. Aus den Notizen kann dann ein Gesamtwerk für den Ausflug entstehen.

Weitere Fragen, die zur Handynutzung auf Klassenfahrt im Raum stehen könnten:

• Dürfen die Kinder eigene Apps für den Ausflug installieren?
• Haben die Kinder eigenes Datenvolumen? Wenn ja, wie viel?
• Wer darf wen fotografieren? Einverständniserklärungen müssen erstellt werden
• Wie gehen wir denen um, die kein Smartphone haben?

Diese Situation ist ein guter Anlass, sich mit den Thema Fotos und Videos auseinanderzusetzen. In einer Schulstunde könnte das mit der Klasse besprochen werden, damit jeder weiß, was erlaubt ist und was nicht. Material für Lehrkräfte gibt es zum Beispiel bei den Kreismedienzentren, Kreisbildstellen, Klicksafe oder Saferinternet.at. Bei einer Klassenfahrt außerhalb Deutschlands kommen Themen wie Roaming, mobile Daten und WLAN-Verfügbarkeit auf den Tisch. So lernt man wunderbar seinen eigenen Mobilfunktarif kennen.

Die Klassenfahrt kann also ein guter Anlass sein, um das Smartphone eine Woche lang als Werkzeug zu betrachten. So kann z.B. überlegt werden, ob und wie die Klassengruppe in der Zeit genutzt werden kann. Weil Lehrer und Lehrerinnen nicht über WhatsApp mit der Klassen kommunizieren dürfen, könnte ja auch überlegt werden, warum das so ist und welche Alternativen es dafür gäbe. Das Thema Messenger am Beispiel WhatsApp kann z.B. in 2 Stunden mit dem Online-Workshop von digitale-helden.de bearbeitet werden. Bei diesem Kurs werden sowohl die positiven als auch die negativen Seiten von WhatsApp-Gruppen beleuchtet.

Wenn in den Regeln feste Ruhezeiten vereinbart wurden, kann gemeinsam überlegt werden, wie die umgesetzt werden können. Gibt es in der Unterkunft einen festen Platz für alle Geräte? Kennen alle Boardmittel wie Ruhemodus und Nicht-Stören-Modus oder werden Apps wie Quality Time oder Offtime genutzt?

Während des Aufenthalts können Foto und Videodokumentationen erstellt werden. Es könnte z.B. jeden Tag ein Team geben, das den Tag dokumentiert, in der Form ihrer Wahl. Allerdings sollte darauf geachtet werden, dass die Videos lokal gepeichert werden oder – wenn es z.B. Snapchat-Gruppen-Storys sein sollen – die Einverständnisse von allen eingeholt wurden. Es gibt auch spezielle Apps – einen Einblick bietet z.B. Heise Online.

Alles in allem kann eine Klassenfahrt als gute Möglichkeit genutzt werden, um sich intensiver mit dem Smartphone zu beschäftigen. Die Geräte werden nicht mehr verschwinden und es braucht tägliche Übung und auseinandersetzung mit dem Gerät, damit jeder für sich eine eigene sinnvolle Nutzungsvariante findet und auch selbstbestimmt mit dem Gerät umgehen kann. Und das kann nur erlernt werden, wenn das Gerät auch regelmäßig genutzt werden kann.“


 

Was denkt ihr zur Handynutzung auf Klassenfahrt?

Handyfreie Zone oder ideale Gelegenheit, sich sinnvoll mit dem Medium Smartphone auseinanderzusetzen – was denkt Ihr zur Handynutzung auf Klassenfahrt? Welche Erfahrungen habt Ihr selbst mit der Handynutzung auf Klassenfahrt gesammelt und wie geht Ihr als Eltern damit um? Ihr seid Lehrer und habt Tipps zum Umgang? Immer her damit! Wir freuen uns über einen regen Meinungsaustausch.

In einigen unserer Jugendherbergen gibt es übrigens Klassenfahrts-Angebote, die sich gezielt mit Neuen Medien auseinandersetzen. Sie können der perfekte Kompromiss sein, wenn Kinder das Smartphone zuhause lassen müssen, aber man ihnen die Leidenschaft für Digitales nicht nehmen möchte.

Sandra Lachmann

Mit der Patchwork-Familie im Grünen, mit einem Workshop auf einer Nordsee-Insel oder mit Freundin in der Großstadt: Sandra hat bereits in ganz unterschiedlichen Situationen in einer Jugendherbergen eingecheckt. Die Vielfalt hat die Bloggerin so begeistert, dass sie noch mehr über die Jugendherbergen von heute erfahren wollte. Daher tourt sie nun durch Deutschland und schreibt hier über ihre Erlebnisse und Aufenthalte. Weitere DJH-Stories liefert die 36-jährige Bremerin auch für heiterbisstuermisch.de.

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