Demokratie zum Anfassen: Wie ‘Pimp Your Town!’ Jugendliche begeistert

ein Foto vom Bundestag in Berlin

Demokratie zum Anfassen: Mit dem Programm “Pimp Your Town!” erleben Jugendliche hautnah, wie lokale Politik funktioniert. Seit 2009 begeistert das Planspiel Schüler*innen bundesweit, indem es sie in die Rolle von Kommunalpolitiker*innen schlüpfen lässt. Über 10.000 Jugendliche haben bereits teilgenommen und über 600 Ideen wurden erfolgreich umgesetzt. Im Interview gibt Michael Reineke, Projekteiter bei Politik zum Anfassen e.V., Einblicke in die Entstehung, die Einzigartigkeit und die zukünftigen Pläne dieses innovativen Programms zur politischen Bildung.

Könnt ihr uns einen kurzen Überblick darüber geben, was Politik zum Anfassen e.V. macht und welche Ziele ihr verfolgt?

Wir haben Lust auf Demokratie. Wir glauben daran, dass jeder Mensch einen wertvollen Beitrag leisten kann. Darum entwickeln wir Projekte, die Bildung mit Beteiligung und ganz viel Spaß und Wirkung zu positiven Demokratie-Erfahrungen verbinden – unabhängig und überparteilich.
Seit 2006 schaffen Sie mit unseren Planspielen wie Pimp Your Town! oder dem Kinderrat, der Mitrede-App PLACEm und vielen weiteren Projekten wirksam das Fundament für mehr Beteiligung vor Ort. Unabhängig, überparteilich, gemeinnützig und vielfach ausgezeichnet. In Workshops und Vorträgen bekommen Sie praktische Tipps aus unserem Wissen und unserer Erfahrung.

Was macht das Programm “Pimp Your Town!” einzigartig und wie trägt es zur politischen Bildung von Jugendlichen bei?

Das Planspiel “Pimp Your Town!” wird seit 2009 erfolgreich von uns durchgeführt und begeistert Jugendliche für lokale Demokratie. Über 10.000 Schülerinnen und Schüler haben bundesweit bereits teilgenommen. Die Jugendlichen schlüpfen in die Rolle von Kommunalpolitikerinnen und -politiker, entwickeln Ideen, beraten, beschließen Anträge und begleiten deren Umsetzung.
Das dreitägige Planspiel umfasst die Zusammenarbeit von drei Schulklassen, die “Fraktionen” bilden. Nach einem Crashkurs zur Kommunalpolitik entwickeln sie Ideen zur Stadtverbesserung, die in Anträge umgewandelt und in Sitzungen diskutiert und abgestimmt werden. Dabei bekommen sie Unterstützung aus der lokalen Politik.
Über 600 Ideen wurden bereits umgesetzt, wie Badeinseln, Trinkwasserbrunnen oder eine Dirt-Road-Strecke. Die Jugendlichen werden für lokale Demokratie sensibilisiert und ermutigt, ihre Meinung aktiv zu vertreten.

Warum sind Klassenfahrten ein besonders geeigneter Rahmen für Programme zur Demokratie-Bildung?

Klassenfahrten sind oft mit positiven Emotionen und neuen Erlebnissen verbunden, was die Motivation und das Engagement der Schülerinnen und Schüler steigert. Dieser Rahmen kann genutzt werden, um Interesse an politischen Themen und demokratischer Beteiligung zu wecken. Außerdem bieten Klassenfahrten viel mehr Raum für erlebnisorientierte und praxisnahe Lernmöglichkeiten, die politische Bildung und Demokratisierung unterstützen. Durch das veränderte Lernumfeld bleibt das Vermittelte oft nachhaltiger bei den Schülerinnen und Schülern hängen. Die Erfahrung zeigt, dass auch die Atmosphäre und Aufmerksamkeit der Teilnehmenden höher ist, wenn sie sich nicht im schulischen Umfeld bewegen.
Hinzu kommt, dass die gemeinsame Planung von Aktivitäten, Abstimmungen über das Programm und die Verteilung von Aufgaben auf einer Klassenfahrt, realen Entscheidungssituationen aufzeigen, die ein Verständnis und eine Wertschätzung für demokratische Prinzipien wie Mehrheitsentscheidungen, Kompromisse und das Recht auf Mitbestimmung geschaffen.

Wie integriert ihr lokale Besonderheiten und Gegebenheiten der Heimatgemeinden der Schüler*innen in das Programm “Pimp Your Town!”?

Die Schülerinnen und Schüler arbeiten an Ideen, die konkrete lokale Probleme aus ihrer Heimat adressieren und benennen Themen, die sie in ihrer Kommune angehen möchten. Dabei wird von uns darauf geachtet, dass die vorgeschlagenen Maßnahmen an die spezifischen Gegebenheiten der Gemeinde angepasst sind und zu den Aufgabenbereichen des jeweiligen Rats gehören.
Lokale Gemeinde- und Stadtratsmitglieder werden eingeladen, um den Schülerinnen und Schüler Einblicke in die spezifischen Gegebenheiten und Herausforderungen ihrer Gemeinde zu geben. Diese Patinnen und Paten helfen, relevante und realistische Themen zu identifizieren und die Ideen weiterzuentwickeln. Dadurch bringen wir Jugendliche mit Entscheidern zusammen – für beide Seite eine Win-Win-Situation.

Welche konkreten Aktivitäten und Methoden setzt ihr ein, um den Schüler*innen Demokratie und politische Teilhabe näherzubringen?

Wir starten mit spielerischen Crashkursen zum Thema “Kommunalpolitik”. Die Schülerinnen und Schüler spielen gegeneinander und setzen sich so mit den Themen der Politik auseinander. So erfahren sie, welche Ebene für welche Entscheidungen zuständig ist, wer überhaupt in den Rat einer Kommune darf und was in meiner direkten Umgebung alles mit Kommunalpolitik zu tun hat. Anschließend können die Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Ideen entwickeln und diese zu konkreten Anträgen umwandeln. Diese werden von unserem Team dann in eine Tagesordnung umgewandelt. In den Ausschuss-AGs und Fraktionssitzungen bietet sich den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, sich intensiv über ihre Forderungen und Ideen auseinanderzusetzen und gemeinsam ihre Anträge auszuarbeiten und zu optimieren. Der direkte Austausch mit lokalen Politikerinnen und Politikern bietet praxisnahe Einblicke. Gemeinsam diskutieren die Schüler:innen und Schüler ihre Ideen, können Änderungen vorschlagen und stimmen abschließend über die Anträge ab.

Wie fördert euer Programm das Gemeinschaftsgefühl unter den Schüler*innen und inwiefern trägt es dazu bei, dass sie sich aktiv an politischen Prozessen beteiligen?

Durch das Zusammenschließen in Fraktion und das Zusammenfinden in thematischen Ausschüssen können die Schülerinnen und Schüler die Relevanz von Zusammenarbeit und Mehrheitsfindungen in demokratischen Prozessen erleben. Ein Gemeinschaftsgefühl entsteht durch die gemeinsame Arbeit, die Möglichkeit, etwas erreichen zu können, eine Antrag erfolgreich durchzubringen und mit der eigenen Stimme eine Entscheidung treffen kann. Allein schon die Erkenntnis darüber, dass viele Mitschülerinnen und Mitschüler dieselben Interessen und Ideen haben, wie sie ihre Gemeinde gestalten möchten, verbindet. Mit unserem Projekt „Pimp your Town!“ wird Schülerinnen und Schülern konkret die Möglichkeit gegeben, sich an politischen Prozessen zu beteiligen und nicht selten motiviert diese veranschaulichte Selbstwirksamkeit zum Engagement in der eigenen Kommunalpolitik vor Ort.

Könnt ihr uns von besonderen Erfolgen oder positiven Rückmeldungen von Schüler*innen und Lehrkräften berichten, die ihr durch das Programm “Pimp Your Town!” erhalten habt?

Ein riesiger Erfolg für uns ist immer, wenn Anträge konkret umgesetzt werden. Das motiviert nicht nur uns, sondern auch die Schülerinnen und Schüler, die diese Ideen gehabt haben. So wurde bspw. in der Region Hannover ein Pilotprojekt durchgeführt, bei dem Seniorinnen und Senioren ein Jahr kostenlos den ÖPNV nutzen dürfen, wenn sie freiwillig ihren Führerschein abgeben. Dieses Projekt wurde nach dem Piloten weitergeführt.
Viele Schülerinnen und Schüler melden uns zurück, dass sie nach anfänglicher Skepsis (“Politik ist soo langweilig”) das Projekt doch sehr genossen und sich eingebracht haben. Gerade wenn sie merken, dass es um ihre konkreten Ideen geht und sie diskutieren und sich auch die Politikerinnen und Politiker dafür interessieren, sind viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr begeistert von der Durchführung. Lehrkräfte melden uns regelmäßig zurück, wie sehr ihre Schülerinnen und Schüler in dem Projekt aufgehen und sich auch gerade sonst stillere Teilnehmende vermehrt beteiligen. 

Welche Pläne habt ihr für die Zukunft des Programms und wie möchtet ihr die Demokratie-Bildung in den kommenden Jahren weiterentwickeln?

Wir sind mit unseren Projekten deutschlandweit unterwegs und möchten auch weiterhin unsere Beteiligungsprojekte in die Breite bringen. Wir entwickeln unsere Projekte stetig weiter – so haben wir bspw. auch Projekte zu den 17. Nachhaltigkeitszielen der UN oder zu künstlicher Intelligenz. Außerdem sind wir gerade dabei ein Open-Data-Projekt zu initiieren, um die gesamten Anträge und Ideen von allen Schülerinnen und Schülern aus den letzten Jahren zusammenzuführen und öffentlich zugänglich zu machen. Ein riesiger Datenschatz, der allen zugute kommen soll!

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