Gemeinschaft erleben mit der Schule

Wie lernen Kinder? Ein Interview mit Remo Largo

Welche Eltern wünschen es sich nicht: ein lernbegeistertes Kind. Aber wie lernen Kinder eigentlich? Und ist die Schule tatsächlich der wichtigste Ort, an dem Wissen erworben wird? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, habe ich mich an den Schweizer Professor für Kinderheilkunde und Buchautor Remo Largo gewandt.

Sein Titel „Babyjahre“ steht als Klassiker der Erziehungsliteratur in den Bücherregalen zahlreicher Eltern, auch in meinem. Daneben hat er aber auch viele weitere Ratgeber zur Entwicklung von Kindern und Jugendlichen herausgebracht – allein drei beschäftigen sich mit der Frage, wie Kinder lernen. Ich freue mich außerordentlich, dass Remo Largo an dieser Stelle sein Wissen und seine Ratschläge mit uns teilt.

Remo Largo: „Jedes Kind will lernen, aber in seinem Tempo und auf seine Weise.“

Herr Largo, wie definieren Sie „lernen“?

Lernen ist dann nachhaltig, wenn das Kind selber bestimmen kann, welche Erfahrungen es machen will. Fremdbestimmtes Lernen und vor allem Auswendiglernen ist wenig nachhaltig. Unsere Aufgabe als Eltern, Erzieherinnen und Lehrpersonen ist es, die Umwelt für das Kind so zu gestalten, dass es entwicklungsspezifische Erfahrungen machen kann, also Erfahrungen, die seinem Entwicklungsstand entsprechen.

Gerade erst wurden wieder zig Tausende Kinder eingeschult. Beginnt für sie nun tatsächlich der sprichwörtliche Ernst des Lebens?

Mir scheint, das ist vor allem für die Eltern so. Sie sollten mit ihren Erwartungen und Anforderungen, die sie an ihr Kind stellen, es nicht überfordern.

Sie appellieren an eine kindgerechte Schule, in der Beziehung und Individualität in den Mittelpunkt gerückt wird. Wie sieht so eine Schule aus?

Es ist eine Schule, in der – wie oben ausgeführt – das Kind selbstbestimmt lernen darf. So bekommen beispielsweise Kinder einer Klasse, die unterschiedlich weit entwickelt sind, nicht alle den gleichen Text vorgesetzt, sondern können selber einen Text auswählen, der ihnen entspricht.

Wie lernen Kinder bevor sie in die Schule kommen?

Noch vollständig selbstbestimmt, wenn sie nicht durch Eltern, Kitas oder irgendwelche Förderprogramme daran gehindert werden. Jedes Kind will lernen, aber in seinem Tempo und auf seine Weise.

Es gibt sehr unterschiedliche Meinungen, wie viel Förderung Kinder vor der Schule in Sachen Lesen, Rechnen und Schreiben bekommen sollten. Welche Haltung nehmen Sie als Experte in dieser Diskussion ein?

Meine Antwort ist kurz und sicherlich vielen Eltern und Lehrpersonen nicht willkommen: Man kann ein Kind nicht über seinen Entwicklungsstand hinaus fördern. Tut man es dennoch, verliert das Kind seine Lernmotivation. Grundsätzlich sollte das Lernen für das Kind nicht immer, aber überwiegend erfolgreich verlaufen.

Was sind Ihrer Ansicht nach – neben der Schule – wichtige Lernerfahrungen für Kinder und Jugendliche?

Kinder und Jugendliche können viel zu wenig selbstbestimmt soziale Erfahrungen machen, was sich langfristig nachteilig  auf die Entwicklung ihrer sozialen Fähigkeiten auswirken wird.

Haben digitale Medien das Lernen verändert?

Wir wissen es noch zu wenig. Was mich besorgt, sind all die Erfahrungen, die Kinder nicht mehr machen – etwa in der Natur – , weil sie jeden Tag Stunden in den Medien verbringen.

Es werden viele Eltern dieses Interview lesen. Und einige von ihnen sind vielleicht gerade sehr verzagt, weil es bei ihrem Kind in der Schule aktuell so gar nicht gut läuft. Was können Eltern in solchen Situationen unterstützend tun? Sofort losrennen und eine Nachhilfe besorgen oder lieber Ruhe bewahren und Verständnis zeigen?

Ich mag keine Ratschläge geben, weil sie die Kinder nicht wirklich entlasten. Ich finde es überaus wichtig, dass Eltern das Kind ernstnehmen und ihm nie das Gefühl geben, es sei ein Versager. Sie sollten seine Stärken zu fördern, anstatt sich an seinen Schwächen abzuarbeiten, die man sowieso nicht ändern kann. Schwächen sollte das Kind lernen zu akzeptieren und damit möglichst gut umzugehen. Die Eltern sollten immer auf der Seite des Kindes stehen und sich nicht zu Komplizen der Schule machen.

Wir sollen fürs Leben lernen, nicht für die Schule – so heißt es immer wieder. Wenn Sie drei Schulfächer, die es bislang noch nicht gibt, auf den Stundenplan schreiben dürften, welche wären es?

Falsch zitiert. Seneca schrieb: Non vitae sed scholae discimus (Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir). Also schon vor zweitausend Jahren war die Schule ein Problem. Bezüglich Schulfächern: Es geht meines Erachtens weniger darum, was gelernt wird, als vielmehr wie gelernt wird.

Vielen Dank für Ihre Gedanken, Herr Largo!

Wenn Ihr jetzt noch mehr von Remo Largo zum Thema „Lernen“ lesen möchtet, schnappt Euch die Bücher „Lernen geht anders – Bildung uns Erziehung vom Kind her denken“ , „Schülerjahre“ – Wie Kinder besser lernen“ und „Wer bestimmt den Lernerfolg“. Im September ist die überarbeitete Fassung „Kinderjahre“ herausgekommen. Alle Bücher sind im Piper Verlag erschienen.


Zur Person

Remo H. Largo, geboren 1943 in Winterthur, war bis zu seiner Emeritierung 2005 Professor für Kinderheilkunde. Fast drei Jahrzehnte lang leitete er die Abteilung für Wachstum und Entwicklung am Kinderspital in Zürich, wo er die bedeutendste Langzeitstudie über kindliche Entwicklung im deutschsprachigen Raum durchführte. Er ist Vater dreier Töchter und Großvater von vier Enkeln.

Sandra Lachmann

Mit der Patchwork-Familie im Grünen, mit einem Workshop auf einer Nordsee-Insel oder mit Freundin in der Großstadt: Sandra hat bereits in ganz unterschiedlichen Situationen in einer Jugendherbergen eingecheckt. Die Vielfalt hat die Bloggerin so begeistert, dass sie noch mehr über die Jugendherbergen von heute erfahren wollte. Daher tourt sie nun durch Deutschland und schreibt hier über ihre Erlebnisse und Aufenthalte. Weitere DJH-Stories liefert die 39-jährige Bremerin auch für heiterbisstuermisch.de.

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