Unterwegs mit den Klimascouts
Wind auf der Haut, Sand unter den Schuhen, Klimataler in der Tasche: Mit den „Klimascouts“ der Jugendherberge Thülsfelder Talsperre erlebt eine 4. Klasse aus Apen Umweltschutz mitten in der Natur.
Der Wind weht kühl über das Gelände der Jugendherberge Thülsfelder Talsperre, irgendwo klatschen Hände im Takt, dann schallt ein Ruf über den Hof: „Kein Müll in unserer Welt! Kein Müll in unseren Wäldern!“ Eben standen die Schüler*innen noch im Kreis und haben sich die Sonne ins Gesicht scheinen lassen. Jetzt stiebt die 4. Klasse der Grundschule Apen in alle Richtungen auseinander. Es wird gerannt, gelacht, gesucht, durcheinandergerufen. Die „Klimascouts“ beginnen ihr Programm. Hier geht es nicht darum, Kindern mit erhobenem Zeigefinger zu erklären, was auf der Welt schiefläuft. Hier geht es darum, selbst etwas zu entdecken, gemeinsam Lösungen zu finden und zu merken: Wir können was tun.
Die Jugendherberge Thülsfelder Talsperre liegt mitten im Oldenburger Münsterland, umgeben von Wald, Wasser und weiten Flächen. Zur Talsperre und zum weißen Sandstrand sind es nur ein paar Minuten Fußweg. Als zertifizierter BNE-Lernort verbindet die Jugendherberge Naturerlebnis mit Bildung für nachhaltige Entwicklung. Für Schulklassen heißt das: raus aus dem Klassenraum, rein in eine Umgebung, in der Lernen nicht nach Unterricht aussieht – aber trotzdem wirkt.

Klimawissen im Laufschritt
Das Programm „Klimascouts“ richtet sich an Klassen der dritten bis siebten Jahrgangsstufe und verbindet über eineinhalb Tage Klimawissen, Teamaufgaben und Naturerfahrung. Die Schüler*innen lernen etwas über den Treibhauseffekt, nachhaltiges Handeln und den Schutz von Lebensräumen. Vor allem aber erleben sie, dass Klimaschutz nicht abstrakt sein muss.
Nach dem Frühstück startet das Programm direkt mit der „Klimarallye“. Die Schüler*innen werden in Teams eingeteilt. Auf dem Gelände sind Karten verteilt, darauf Antworten zu Fragen rund um Klima, Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Gewürfelt wird auf einem großen Spielfeld, dann heißt es: losrennen, Antwort suchen, merken, gemeinsam zurückkommen. Wichtig ist dabei nicht nur die richtige Lösung. Wichtig ist auch, als Gruppe zusammenzubleiben. Fehlt ein Kind, zählt die Antwort nicht.Das verändert die Dynamik sofort. Die Kinder müssen sich absprechen, aufeinander achten und sich gegenseitig mitziehen. „Los, schneller, wir müssen zusammenbleiben!“, ruft ein Kind. Ein anderes rennt erst los, stoppt abrupt und sagt: „Ich habe die Frage vergessen!“ Dann geht es eben noch mal zurück. Überall Bewegung, Durcheinander, Gelächter.
Später erzählt Luisa strahlend: „Wir sind gefühlt gesprintet und Erste geworden. Das hat richtig viel Spaß gemacht.“ Und ganz nebenbei passiert etwas, das im Unterricht oft viel schwerer herzustellen ist: Wissen verbindet sich mit Bewegung, Teamarbeit und Erlebnissen. Klimaschutz bleibt hier keine vage Idee, sondern wird konkret greifbar.

Von der Idee zum Aha-Moment
Zwischendurch warten Aktionsaufgaben. An einer Station gestalten die Gruppen aus Naturmaterialien Bilder, die mit Klima oder Nachhaltigkeit zu tun haben. Äste, Blätter, Steine – mehr braucht es nicht. „Es sieht nicht aus wie ein Baum, aber es ist ein Baum“, sagt Ivan trocken. Anike erklärt sofort: „Der Baum reinigt CO₂ aus der Luft.“ Jonte ergänzt: „Daraus entsteht dann Sauerstoff.“Andere Gruppen legen ein Recyclingzeichen, die Erde, eine Sonne oder eine Plastikdose, als Symbol für Umweltverschmutzung.
An einer anderen Station haben die Teams eine Minute Zeit, so viel Müll wie möglich zu finden. Kurz darauf fragt ein Kind ganz ernsthaft: „Können wir auch Müll aus dem Mülleimer holen?“ Natürlich nicht. Also wird weitergesucht – in der Hecke, am Wegrand, unter Sträuchern.
Klimataler, Regenwürmer und ganz viel Stolz
Immer wieder sammeln die Schüler*innen Klimataler – für gute Zusammenarbeit, kluge Antworten, nachhaltige Ideen oder besonderes Engagement. Das motiviert. Luisa erzählt aufgeregt: „Wir haben einen Klimataler bekommen, weil wir einen Regenwurm gefunden und gerettet haben.“
Später bei der Siegerehrung gibt es Extra-Taler für Teamwork und Einsatz. Und Till fasst den Vormittag so zusammen, wie es vermutlich nur ein 10-Jähriger kann: „Alter, es war so geil, wir haben alle Antworten gefunden.“ Genau darin steckt ein wichtiger pädagogischer Kern des Programms: Die Kinder erleben Selbstwirksamkeit. Sie merken, dass sie schon viel wissen, und dass nachhaltiges Handeln nichts ist, wofür man erst erwachsen werden muss.

Vielfalt im Wald
Nach der Mittagspause geht es weiter. Die Klasse läuft los, vorbei am Stausee und über den weißen Sandstrand. Der Wind weht ihnen um die Nasen, zieht über das Wasser und zerrt an Jacken und Haaren. Dann verschwindet die Gruppe zwischen den Bäumen.Im Wald verändert sich die Stimmung. Unter den Schuhen rascheln trockene Blätter und kleine Äste, irgendwo knackt Holz, der Wind fährt durch die Kronen.
Jetzt geht es um Biodiversität, um Mischwälder und um die Frage, warum Vielfalt ein Waldstück stark macht. Die Kinder sind erstaunlich fit beim Thema. Es fallen Begriffe wie CO₂, Hitze und Regen, dazu gibt es viele Ideen, wie man Wälder schützen kann: Müll mitnehmen, auf den Wegen bleiben, weniger zerstören, achtsamer sein. Und dann kommt ein Satz, der hängen bleibt. Als es um Mischwälder geht, zieht ein Kind die Verbindung zur Gesellschaft: Alle seien „richtig und wichtig, so wie sie sind“. Verschiedenheit macht stark – im Wald genauso wie in einer Gemeinschaft. Das ist weit mehr als nur ein netter Gedanke. Es zeigt, worin die Stärke solcher Programme liegt: Naturbildung und soziales Lernen greifen ineinander.
Auch Lehrer Alex Brokop beobachtet genau das. „Ich kenne die Kinder ja nur aus dem Unterricht – und hier sind sie einfach ganz anders“, sagt er, „das ist eine wirklich tolle Klassengemeinschaft.“ Selbst aufflackerndes Heimweh sei in der Gruppe gemeinsam aufgefangen worden.

Ein Walddorf wie aus Minecraft
Dann folgt der Programmpunkt, der vielen vermutlich besonders in Erinnerung bleiben wird: Die Klasse baut ein Öko-Minidorf im Wald. Die Aufgabe: kleine Behausungen für Waldbewohner bauen – mit Fenstern, Tür, Dach und Zaun. Außerdem sollen die Häuser miteinander verbunden sein, mit Wegen oder Straßen. Kaum ist die Aufgabe erklärt, sagt Paul: „Das ist wie Minecraft.“
Und tatsächlich sieht der Waldboden kurze Zeit später aus wie eine Mischung aus Fantasiewelt und Baustelle. Zwischen Moos, Rinde, Zweigen und Laub entstehen kleine Bauwerke. Eine Gruppe baut einen hohen Wolkenkratzer – oder doch ein Tipi? Paul selbst entscheidet sich für eine kleine, liebevoll gebaute Hütte, die kurze Zeit später zur Bushaltestelle umfunktioniert wird. Tills Gruppe plant größer und baut ein Hotel. Später ist man sich einig: Das hat fünf Sterne verdient. Es wird diskutiert, ausprobiert, verworfen, neu gebaut. Manche übernehmen sofort Ideen, andere tüfteln lieber erst einmal. Die Schüler*innen gestalten, handeln Absprachen aus, entwickeln Kreativität und erleben Natur als Lern- und Wirkungsraum.
Wie gut die Mischung aus Programm, Draußensein und Klassenfahrtgefühl bei den Kindern ankommt, verraten Mette und Anike: „Es ist total cool“, sagen sie im Duett, „wir würden gerne noch länger bleiben.“
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