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Kiel: Klassenfahrt ins Tonstudio

Klassenfahrt mit Strand und Tonstudio

„Krass, ich hör mich.“ Große staunende Augen, dann irritiertes Gelächter. Fiby und Merle stehen mit Kopfhörern auf den Ohren in der Gesangskabine des Tonstudios raum36. Vor ihnen: handgeschriebene Songzeilen und ein großes Mikro. Die beiden Sechsklässlerinnen sind auf Klassenfahrt in Kiel, gemeinsam mit ihren 23 Mitschülern. „Beach & Music“ heißt das fünftägige Programm, das die Jugendherberge Kiel für Schulklassen anbietet. Ich habe zwei Tage lang Mäuschen gespielt.

„Denkt dran, nicht aufs Blatt, sondern ins Mikro singen. Und nur eine Handlänge Abstand.“ Mario lässt den Knopf los, der es ihm ermöglicht, vom Mischpult aus mit Phoebe und Merle zu sprechen. Er ist in dieser Woche der begleitende Coach, mit dem die Kids arbeiten, musizieren und einen eigenen Song aufnehmen werden. Mario ist gelernter Tontechniker, arbeitet am Opernhaus in Kiel und ist seit 2004 regelmäßig mit HipHop-Projekten in Schulen zu Gast. „Schulen in Problembezirken sind es oft“, erzählt er mir. Und dass seine Projekte es manchmal schaffen, Kinder zurück in den Schulalltag zu holen, die sonst nur noch schwänzen. „Musik ist ein wunderbarer Weg für Kinder und Jugendliche, Talent zu zeigen, das außerhalb der üblichen gemessenen Schulleistungen liegt. Wer sonst eher übersehen wird, steht manchmal als Held im Mittelpunkt. Das erleben wir in unserem Kooperationsprojekt mit dem DJH genauso.“

Vier Jahre gibt es die Kooperation inzwischen. Neben Mario, der durchschnittlich zehnmal im Jahr eine Schulklasse bei ihrer Klassenfahrt mit seinem Technik- und Musikwissen unterstützt, sind noch drei andere erfahrene Coaches bei „Beach & Music“ dabei.

Ein eigener Song – und der Weg dorthin

Bis zum eigenen Song ist es für die Schülerinnen und Schüler aus Hamburg allerdings ein langer Weg – und zwar im doppelten Sinne. Um ins Tonstudio zu kommen ist der Weg bis zum Falckensteiner Strand erst mit dem Bus und dann zu Fuß zu absolvieren. Das dauert insgesamt ein gutes Stündchen, wird jedoch mit der maritimen Kulisse der Ostsee belohnt. Ein Anblick, der  die Sechstklässler zu Freudensprüngen bewegt.

Doch der Weg zur eigenen Musik-CD braucht auch methodisch und handwerklich seine Zeit. Erster Schritt: Thema und Genre definieren. Das haben die Schüler bereits am Vorabend, ihrem ersten Abend in der Jugendherberge, mithilfe von Mario erledigt. Aufgeteilt in zwei Gruppen entschieden sie sich, wohin die musikalische Reise gehen soll. Lustigerweise fiel die Wahl bei beiden Gruppen gleich aus: Ein Popsong zum Thema „Liebe und Freundschaft“ soll es werden.

Mit diesem gewünschten Ergebnis vor Augen stiefelt die Gruppe über den Strand und Deich hinweg zur Festung Friedrichsort, wo das Tonstudio untergebracht ist. Unsicher, was sie erwartet, sind sie alle. Ein bisschen skeptisch auch. Sorgen muss sich aber eigentlich niemand von ihnen machen, denn musikerprobt sind sie alle: Die 6 D der Heinrich-Hertz-Schule aus Hamburg ist nämlich eine sogenannte „Ensembleklasse“. Instrumente und Musizieren sind fester Bestandteil des Schulalltags, innerhalb der Klasse gibt es sogar zwei Bands, die einmal in der Woche im Musikraum proben und von Vätern gecoacht werden.

Und gerade erst hätten  die 26 Jungen und Mädchen als Straßenmusiker einen großen Erfolg gefeiert, berichtet mir Weike Frank, Musiklehrerin der Klasse. „Wir haben in der Hamburger Innenstadt moderne Songs von Bruno Mars und Coldplay, aber auch ganz traditionelle Lieder zum Besten gegeben. Auf einem Schild haben wir informiert, dass wir als Schulklasse für Ausflüge Geld sammeln. Innerhalb von nur einer Stunde sind unglaublich viele Euros zusammengekommen.“

Learning by doing – die ersten Töne und Texte der Klassenfahrt

Im Tonstudio angekommen müssen die Sechstklässler nicht lang warten, bis sie loslegen können. „Wenn wir laut sind, dann zusammen“, ist eine seiner wenigen Vorgaben an die Klasse bei der Begrüßung. Danach folgt alles dem Prinzip „Learning by doing.“ Während eine Gruppe im Tonstudio bleibt, geht die andere mit Zettel, Stift und Gitarre im Gepäck an den Strand. Eine Melodie und die erste Textstrophe müssen her.

Ein bißchen ratlos sitzen die Schüler zunächst im Sand. Lehrerin Weike Frank versucht, ihre Zöglinge durch Fragen in die richtige Richtung zu bringen. „Ihr wollt über Liebe und Freundschaft singen. Was für Themen fallen Euch dazu ein?“ Stille. Dann traut sich Phoebe: „Vielleicht hat jemand Liebeskummer?!“ Die Idee wird weiterverfolgt. Nach und nach entsteht die erste Liedzeile: „Manchmal fühl ich mich allein…“

Während alle über den Lyrics brüten, spielt Line leise ein paar Akkorde. „Hört mal, das ist doch schon richtig gut“, sagt Weike Frank irgendwann. Line spielt die Akkordabfolge noch einmal, die anderen notieren sie neben dem Text. Nach 45 Minuten ist es tatsächlich geschafft: Vier Zeilen Text und eine Melodie-Idee stehen auf dem grünen Papier. Die Musiklehrerin bestärkt: „Ihr habt schon richtig was geschafft. Super!“ Und dann: Marsch marsch, zurück ins Tonstudio. Wechsel mit der anderen Gruppe.

Einen gemeinsamen Takt in Kiel finden – gar nicht so einfach

Line sitzt auf einem Barhocker, auf den Knien die Gitarre. Jona richtet engagiert den Mikrofonständer vor ihr ein. Der blonde Junge hat sich ab Vorabend für die Rolle des Tontechnikers einteilen lassen und komt seiner Aufgabe von Beginn an eifrig nach. Aus der Ferne beobachtet Luc das Geschehen, ein bißchen wehmütig, wie es scheint. Er würde auch gern an der Gitarre sitzen, doch ein Verband an der Hand macht ihm einen Strich durch die Rechnung. „Sportunfall. Beim Handball ist mein Finger gebrochen“, erzählt er mir.

Mario stellt das Metronom ein. Am Computer. „120 Schläge pro Minute macht das menschliche Herz ungefähr“, berichtet er den Schülern. „Daher sind Popsongs meist in diesem beats per minute-Bereich.“ Für das selbstkomponierte Stück stellt Mario allerdings einen langsameren Takt ein. Und dann startet er die Aufnahme für die Gitarren-Tonspur.

„Ich unterbrech mal eben….“ – diese Formulierung nutzt Mario in den kommenden 45 Minuten immer wieder. Erst bei Line an der Gitarre, dann bei XXX am Schlagzeug, später am Tag dann bei den Gesangduos. Schnell wird deutlich: Einen geminsamen Takt zu finden, ist gar nicht so einfach. Weil sie als erste dran war, hat Line mit ihrem Gitarrenspiel das Tempo vorgegeben. Die anderen müssen mitziehen. Eine große Herausforderung.

Geduld und Gekicher im Tonstudio

Eine Herausforderung, die Mario mit viel konstruktiver Geduld und die Jugendlichen mit viel Konzentration annehmen. Nur in der Gesangskabine wird viel gekichert. Ich kann die Unsicherheit, die dadurch ein Ventil findet, aber beim Beobachten gut verstehen: Niemand möchte sich blamieren und zu singen ist an diesem Tag die Disziplin, in der man sich am meisten offenbart. Was ich aber ebenfalls beobachte: Die Sorge sich zu blamieren ist vollkommen unbegründet. Die Schülerinnen unn Schüler sind in keinem Moment spöttisch, niemand lästert über den anderen. Ganz im Gegenteil: Sie unterstützen sich auffällig oft. Das erlebe ich in anderen Klassengemeinschaften manchmal anders.

Der erste Tag im Tonstudio geht für alle 26 Schüler gegen 16 Uhr zuende. „Eure Aufgabe ist es jetzt, in der Jugendherberge zu üben. Vor allem für einen gemeinsamen Rhythmus. Tut Euch in Teams zusammen und geht das nochmal durch“, appelliert Mario zum Abschluss. Sagen wir mal so: Nur wenige haben am Abend Energie, diesem Aufruf zu folgen…

Und plötzlich klingt alles verdammt professionell

Mittwochmorgen, der dritte Tag der Klassenfahrt. Wieder stiefelt die Gruppe in Richtung Falckensteiner Strand. Am Deich angekommen trennen sich die Gruppen jedoch: Die Gruppe um Gitarristin Line läuft weiter ins Tonstudio, die restlichen Schüler biegen ab zum Minigolfen. Denn auch wenn Musik bei „Beach & Music“ die Hauptrolle spielt, sieht das Programm auch noch zwei andere Aktivitäten vor: einen Besuch im Hochseilgarten und eine Partie Minigolf. Die Vorfreude aufs Klettern ist in der Schulklasse besonders groß.

Was den eigenen Song betrifft, so hält sich die Euphorie zunächst noch in Grenzen. Doch das ändert sich schlagartig, als Mario das Ergebnis des Vortags abspielt. Im Unterschied zu den Sechstklässlern war er  zwischenzeitlich ziemlich fleißig und hat die Tonspuren der Schüler noch mit einigen Klängen abgemischt.

Und das klingt verdammt professionell.

Im Tonstudio Jugendherberge Kiel

So professionell, dass sich die Gesichter der Schülerinnen und Schüler im Nu aufhellen. Ihre Euphorie ist zurück, ihr Ehrgeiz gepackt. Ohne lang zu zögern erobern sie erneut die Gesangskabine und die Instrumente für sich. Und auch ich bin positiv überrascht, wie viel gestern in nur wenigen Stunden entstanden ist. Wenn das in diesem Tempo weitergeht, dann steht der geplanten Übergabe von zwei fertigen CDs am nächsten Abend nichts mehr im Wege, denke ich, während ich mich auf den Weg zurück ins Kieler Zentrum mache. Auf mich wartet dort der Zug zurück nach Bremen. In meiner Tasche habe ich allerdings auch die Visitenkarte des Tonstudios, um später herausfinden zu können, wie das Ergebnis am Ende tatsächlich geklungen hat.

Beach & Music in Kiel: Das Ergebnis

Bremen, Ende Oktober. Ich habe eine Mail von Claudius Carstens, dem Besitzer von raum36 im Posteingang. Endlich kann ich in die beiden Songs reinhören, die die 6 D während ihrer Klassenfahrt nach Kiel aufgenommen hat. Und natürlich wäre  es alles andere als fair, wenn ich nicht auch Euch reinhören ließ. In diesem Sinne: Lauscht rein, was in dreieinhalb Tagen entstehen konnte. Hier sind die beiden Lieder „Beste Freunde“ und Liebeskummer an sich“:

 

Sandra Lachmann

Mit der Patchwork-Familie im Grünen, mit einem Workshop auf einer Nordsee-Insel oder mit Freundin in der Großstadt: Sandra hat bereits in ganz unterschiedlichen Situationen in einer Jugendherbergen eingecheckt. Die Vielfalt hat die Bloggerin so begeistert, dass sie noch mehr über die Jugendherbergen von heute erfahren wollte. Daher tourt sie nun durch Deutschland und schreibt hier über ihre Erlebnisse und Aufenthalte. Weitere DJH-Stories liefert die 36-jährige Bremerin auch für heiterbisstuermisch.de.

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