Von Klassenzimmern und Bestsellern
Eigentlich unterrichtet der Bestsellerautor Ewald Arenz Englisch und Geschichte am Gymnasium. In seiner Freizeit aber schreibt er seit zwanzig Jahren äußert erfolgreiche Romane. Im Gespräch erzählt er, warum Begegnungen mit jungen Menschen ihn erden, über die Kraft des Vorlesens und was Klassenfahrten so besonders macht.
Interview: Oranna Arnold
Oranna: Du bist Lehrer und erfolgreicher Autor zugleich. Wie gut passt das zusammen?
Ewald: Ich finde ja, dass es sehr gut zusammenpasst, weil es zwei Welten sind, die sich ergänzen. Die Arbeit in der Schule mit meinen Schüler*innen ist so was wie eine Erdung. Die holen mich einfach runter, weil sie völlig nahbar sind und weil sie mich mit all den Problemen, die Jugendliche eben haben, direkt konfrontieren. Genau wie meine Familie: Die holt mich auch runter und setzt mir die Füße wieder auf den Boden.
Oranna: Wie vereinbarst du beide Tätigkeiten?
Ewald: Ich arbeite ja tatsächlich nur mit einer halben Stelle, bedeutet, ich habe in der Woche mindestens einen freien Tag und der ist immer zum Schreiben gedacht. Ich schreibe zudem an den Wochenenden und in den Ferien. Da ich ein Morgenarbeiter bin, ist es besser für mich, wenn ich zum Schreiben einen freien Tag oder das Wochenende habe, weil ich dann vormittags arbeiten kann.
Oranna: Du könntest längst nur noch schreiben. Warum bleibst du trotzdem im Klassenzimmer?
Ewald: Es sind die Begegnungen. Wenn ich nach den Sommerferien in die Schule komme, dann lerne ich wieder eine Menge neuer spannender Leute kennen. Es gibt Schüler*innen, die bleiben mir ein Leben lang im Gedächtnis. Aber es ist nicht nur das, sondern auch einfach der Alltag, denn Schreiben ist eigentlich ein ziemlich einsamer Beruf. Da sind sie für sich. Und dann ist das Unterrichten für mich einfach ein Vergnügen. Ich sehe das fast wie ein Privileg: Da vertrauen mir die Eltern ihre Kinder an. Und im besten Falle kann ich ein bisschen zur Bildung, auch zur Herzensbildung beitragen.
Oranna: Du warst selbst nicht der beste Schüler. Hilft dir das heute im Unterricht, gewisse Schüler*innen besser abzuholen?
Ewald: Natürlich hilft das! Ich hatte in der Schule als Schüler oft einfach Angst. Ich will, dass das bei mir nicht so ist. Ich möchte eine so angstfreie Atmosphäre wie möglich in meinem Klassenzimmer. Wenn ich eine Klausur rausgeben muss und es ist eine Fünf, dann sage ich: „Es ist nur eine Momentaufnahme.“ Wenn die wissen, der ist zweimal durchgefallen und hat fünfzehn Jahre für die Schule gebraucht, dann schöpfen die vielleicht Mut. Denn niemand, auch wenn er die tolerantesten Eltern der Welt hat, geht gern mit einer Fünf nach Hause.
Oranna: Welche Rolle spielen Klassenfahrten für die persönliche Entwicklung der Schüler*innen und für die Klassengemeinschaft?
Ewald: Wir erinnern uns mit Glück noch an die eine oder andere Deutschstunde. Aber an unsere Klassenfahrten erinnern wir uns alle, ohne Ausnahme. Ich bin ein großer Freund von Studienfahrten, weil man vor Ort um ein Vielfaches mehr lernt, weil der Input direkter ist. Und dazu kommt dieses Gemeinschaftserlebnis in den Jugendherbergen. Es gibt nicht viel, was wichtiger ist, als gewisse Dinge gemeinsam zu erleben – gerade nach Corona. Klar gibt es immer wieder welche, die sagen, sie können nicht mit dem oder jenem. Aber genau darum geht es ja bei diesen Fahrten. Man merkt: Wenn man muss, kann man. Und klar, es gibt Leute, die sich nicht mögen – aber auch damit muss man klarkommen, für die paar Tage, die man zusammen unterwegs ist.
Oranna: Gibt es Figuren in deinen Büchern, die zurückgehen auf Schüler*innen von dir?
Ewald: Wenn, dann unbewusst. Ich habe bei „Alte Sorten“ oder bei „Der große Sommer“ viel auf mein eigenes Leben als Jugendlicher zurückgegriffen. Was mir aber klar ist, dass ich durch den ständigen Kontakt mit Jugendlichen nicht den Bezug zu ihrer Lebensrealität verliere. Auch wenn es um Dinge geht, die vielleicht nicht der Weltuntergang sind, fühlt es sich aber für sie so an. Wenn du fünfzehn oder sechzehn bist und das erste Mal Liebeskummer erlebst, fühlt sich das schrecklich an. Mein Kontakt zu den Jugendlichen hilft mir, die Verbindung zu den Gefühlen meiner eigenen Kindheit und Jugend nicht zu verlieren.

Oranna: Viele Lehrkräfte haben das Gefühl, Schüler*innen haben kein Interesse mehr am Lesen. Ist das wirklich so dramatisch oder wird die Lage überschätzt?
Ewald: Das ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Was wir tun können: Wir müssten noch viel mehr vorlesen. Wenn Eltern ihren kleinen Kindern vorlesen, dann setzen sie den Grundstein für alles weitere. Und auch in der Schule sollten wir vorlesen, um diese Begeisterung zu wecken. Aber vielleicht sollten wir auch in den höheren Klassen noch vorlesen. Dadurch entstehen Bilder und Geschichten und das will man dann irgendwann selber entdecken.
Oranna: Was hältst du von dem Genre Romantasy, das oft belächelt wird?
Ewald: Das Prinzip des Lesens ist: Du liest Geschichten und Welten entstehen. Jugendliche, die Romantasy lesen, möchten irgendwann auch andere Dinge entdecken. In der Romantasy gibt es oft auch Querverweise zu Sachen wie Shakespeare oder zu anderer Literatur. Mit vierzehn, fünfzehn war ich ein Science-Fiction-Fan – da ist viel Mist dabei, aber auch sehr gute Sachen. Und wenn man liest, liest man.
Oranna: Deine eigenen Romane sind oft geprägt von Ruhe, Natur und langsamen Entwicklungen. Das ist ein Gegenentwurf zu der Lebensrealität vieler junger Menschen. Ist das bewusst so angelegt?
Ewald: Da ist sehr viel autobiografisch. Ich bin ja auf dem Dorf aufgewachsen, und die Natur und draußen sein, ist für mich sehr wichtig. Ich lebe jetzt wieder auf dem Land und ich kann es nicht anders sagen: Die Natur spielt einfach eine sehr große Rolle in meinem Leben. Ohne die Natur sind wir einfach arm.
Oranna: Welche Rolle spielen Smartphones unter den Jugendlichen? Sind die immer nur Störfaktor oder kann man sie auch sinnvoll in den Unterricht einbinden?
Ewald: Ich bin ein Freund der Technik, aber die sind eine Katastrophe. Bei uns an der Schule sind Handys während der Schulzeit verboten. Generell würde ich alle Schüler*innen ihre Handys am Anfang des Tages abgeben lassen und sie dürfen sie sich mittags wiederholen. Denn dieses Handyverbot an der Schule wird ununterbrochen unterlaufen. Und wie sehr dadurch der Fokus gezogen wird, das merke ich auch bei mir selber. Handys haben in der Schule überhaupt nichts zu suchen. Es gibt so viele Untersuchungen, die zeigen, dass die einfach so wahnsinnig viel Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeiten ziehen. Ich habe in meiner Oberstufe schon mal zehn Euro ausgelobt für jemanden, der eine Seite komplett fehlerfrei vorlesen kann. Ich bin das Geld bisher noch nicht losgeworden.
Oranna: Was bedeutet der Begriff Medienkompetenz aus deiner Sicht? Und welchen Beitrag kann Schule leisten?
Ewald: Für mich bedeutet es vor allem, unterscheiden zu können, was Fake News sind und was echte Nachrichten. Prinzipiell steht das auch auf den Lehrplänen, aber wie es umgesetzt wird, ist von Klasse zu Klasse unterschiedlich. Ich glaube, dass die eigentliche Medienkompetenz in der Schule zu kurz kommt – schlicht weil die Zeit fehlt. Gerade bei den Jüngeren frage ich mich aber auch: Wozu braucht ein*e Fünftklässler*in ein Smartphone? Für die Erreichbarkeit würde ein normales Telefon reichen. Und früher sind die Kinder auch ohne Handy nach Hause gekommen.
Oranna: Kommen wir vom Schulalltag zur fiktiven Welt deines neuen Romans. Worum geht es in „Fünf, sechs, sieben, acht“?
Ewald: „Fünf, sechs, sieben, acht“, das ist das Einzählen beim Tanzen. Es geht um einen Stepptänzer und Choreografen, der bereits über sechzig ist und seinen Job ausgerechnet an seine Tochter verliert, die seine Stelle übernimmt. Einerseits ist er stolz auf sie, andererseits brechen alte Konflikte auf. Der Roman handelt vom Älterwerden und davon, wie man damit umgeht. Im Kern ist es eine Vater-Tochter-Geschichte. Es geht um die Frage: Was passiert, wenn man merkt, dass ein großer Teil des Lebens schon hinter einem liegt? Im Gegensatz zu „Der große Sommer“ ist es eher ein „Herbstroman“.
Einer, der Geschichten schreibt
Ewald Arenz, 60, ist Gymnasiallehrer für Englisch und Geschichte und ganz nebenbei auch noch erfolgreicher Schriftsteller. Mit „Der große Sommer“ und „Alte Sorten“ wurde er einem breiten Publikum bekannt. Es sind die feinen Beobachtungen mitten aus dem Alltag, für die Arenz bekannt wurde und die ihm immer wieder Plätze auf den Bestsellerlisten verschaffen.
LESETIPP
Anton, 60, ist ein gefeierter Stepptänzer – bis ihm ausgerechnet seine Tochter die Stelle als Choreografin wegschnappt. Zwischen Stolz, Wut und der Angst vorm Älterwerden merkt Anton jedoch, dass es für neue Wege nie zu spät ist.
„Fünf, sechs, sieben, acht“ erscheint am 16.6.2026 im Dumont Verlag.
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