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Wie begeistere ich Teenies für Museum, Theater & Co.?

„Och nöö, nicht ins Museum!“. Die Begeisterung von Kindern und vor allem Teenagern ist oft verhalten, wenn Eltern oder Lehrer einen Kulturausflug mit ihnen unternehmen wollen. Der Besuch einer Ausstellungen, eines Theaterstückes oder einer Kunstsammlung mache keinen Spaß, heißt es dann. Erwachsene stecken dann in einem Dilemma: Sie möchten den Heranwachsenden diesen wichtigen Zugang zu Bildung ermöglichen, sie aber auch nicht zwingen. Stellt sich also die Frage: Wer kann was tun, damit Kids mehr Lust auf Kultur bekommen?

Drei Fachleute teilen an dieser Stelle ihre Gedanken und Erfahrungen zu diesem Thema. Sie alle haben bei ihrer alltäglichen Arbeit für Kultureinrichtungen die Zielgruppe „Kinder & Jugendliche“ im Fokus. Wir wollten von ihnen wissen, ob sich der Zugang von jungen Menschen zu Kunst und Kultur verändert hat,wie Kultureinrichtungen Kinder und Jugendliche heutzutage ansprechen sollten und was Lehrer und Eltern tun können, um Heranwachsende für Kunst & Kultur zu begeistern.

DR. CHANTAL ESCHENFELDER

 Leiterin der Sparten „Bildung & Vermittlung“ und „Digitale Sammlung“  im Städel Museum

(c) Städel Museum / Foto: Norbert Miguletz

„Kinder sind Kunst gegenüber erst einmal unvoreingenommen positiv eingestellt. Erst wenn sie in die Schule kommen, fangen sie an, Museum mit dem Begriff „langweilig“ zu assoziieren. Oft sind sie dabei aber von Eindrücken ihrer Eltern oder Lehrer geprägt, die lange zurück liegen.

Inzwischen hat sich viel verändert und fast jedes Museum bietet ein abwechslungsreiches Kunstvermittlungsprogramm mit vielfältigen Workshops, Kindergeburtstagen, Familienführungen, Kinderfesten und Ferienkursen an, so dass es, gerade auch im Städel Museum, viele begeisterte junge Museumsbesucher gibt. Jugendliche hingegen sind generell eine schwierige Zielgruppe – nicht nur im Kulturbereich.

In der Adoleszenzphase sind junge Menschen vor allem mit der Entwicklung ihrer eigenen Persönlichkeit und der Abgrenzung vom Elternhaus beschäftigt. Aber auch hier kann die Beschäftigung mit Kunst und Kultur wichtige Impulse geben und die Formulierung eigener Standpunkte fördern – gerade auch als nonverbale Ausdrucksform. Außerdem ist die Beschäftigung, zumindest mit zeitgenössischer Kunst, bei vielen jungen Menschen wieder angesagt: die Ästhetik von Street Art, Graffiti aber auch Schrift und Linie haben inzwischen Einzug gehalten in unsere Alltagswelt, nicht zuletzt auch in Mode, Musik oder Werbung oder in den sozialen Medien. Mittlerweile ist es selbstverständlich, dass zu einer urbanen Szene bildende Künstler ebenso gehören wie populäre DJs. Auch die Entwicklung der DIY-Szene, die sich längst nicht nur auf Handwerkstipps und Bastelvorschläge beschränkt, sondern auch zunehmend hohe ästhetische Ansprüche formuliert, befördert das Kunstinteresse von Jugendlichen.

Nicht nur Kinder, sondern alle Menschen haben eine natürliche Neugier, sie wollen entdecken und erleben. Es ist also wichtig, in Kunstinstitutionen Räume zu schaffen, in denen Kinder und Jugendliche von ihren eigenen Fragen ausgehen können und sie nicht mit Vorträgen in ihrem Entdeckerdrang zu bremsen. Gerade in der Arbeit mit Schulen haben wir im Städel Museum gute Erfahrungen mit diesem Prinzip des forschenden Lernens gemacht. So findet in der letzten Woche vor den Sommerferien bei uns z.B. die sogenannte Bildungswoche statt, in der Schulklassen allen Alters und Schulformen sich frei im Haus bewegen und an Wissens- und Workshopstationen vielfältige ästhetische Erlebnisse machen können. Daran nehmen jedes Jahr über 3000 Schüler mit ihren Lehrern begeistert teil.

Was Erwachsene tun können? Mit gutem Beispiel vorangehen und mit einer großen Offenheit Kunst als ganz natürliche Ausdrucksform des Menschen betrachten. Es ist wichtig, dass Kinder schon früh mit Kultur in Kontakt kommen. Studien zeigen, dass Erwachsene sich für Kultur immer dann interessieren, wenn sie selbst schon sehr früh positive Erfahrungen damit sammeln konnten. Es ist uns wichtig, neben den wechselnden pädagogischen Programmen zu unseren Sonderausstellungen auch ein konstantes Bildungsangebot zu entwickeln, auf das Familien und Bildungsinstitutionen im Rhein-Main-Gebiet immer wieder zurückgreifen können. Die Angebote schaffen die Basis für den späteren Umgang mit Kunst und sorgen dafür, dass zukünftige Ausstellungsbesuche für Kinder und Jugendliche zu einem positiven Erlebnis werden.“

Benedikt Borrmann

Opern-Regisseur und Dozent für szenischen Unterricht an der Musikhochschule Münster

„Ein alter Slogan lautet:“ An das Publikum von morgen denken“, wenn es um Kinder-und Jugendtheater geht. Falsch! An das Publikum von jetzt und heute denken. Kinder müssen in ihren Fragen, Phantasien, Sehnsüchten und Ängsten ernst genommen werden. Gerade auch in Theaterproduktionen. Die Fragen der Kinder über die Oper sind auch die Fragen der Darsteller und Sänger auf der Bühne. Es sollte eine große Identifikation entstehen, der im besten Falle das Begreifen folgt, Oper als Teil ihres Lebens zu erleben und nicht als tote Kunstform.

In den letzten Jahren hat sich die Aufmerksamkeitsspanne durch Internet & Co. sehr verkürzt. Aber je stärker die Handlungen und die Darstellungen von Oper die Kinder in ihrer Welt abholt, je größer ist die Aufmerksamkeit. Heiner Müllers Satz „Was man noch nicht sagen kann, kann man vielleicht schon singen“ soll in der Umsetzung einer Opernaufführung für Kinder auch Mut machen, Emotionen zuzulassen und Ängste und Hoffnungen zu formulieren. Kindern gehört all unsere Liebe und Aufmerksamkeit. Auch und gerade im Theater.“

DR. YVONNE PETRINA

Geschäftsführerin der Kinderakademie in Fulda

„In unserer schnelllebigen Gesellschaft haben Kinder und Jugendliche immer weniger Freizeit, und wenn es nach den Eltern geht, sollte diese möglichst sinnvoll genutzt werden. Genau das ist nicht immer leicht: Wissen an Kinder und Jugendliche mit anderen Prioritäten und Interessen zu vermitteln, kann eine große Herausforderung sein. Spannend wird es meist erst, wenn interdisziplinär gearbeitet werden kann. So erreicht man Zielgruppen, die sich nicht oder nur bedingt für ein bestimmtes Thema interessieren und kann Vorurteile abbauen. Mädchen fühlen sich etwa auch durch technisch-naturwissenschaftliche Themen angesprochen, wenn man diese spannend genug verpackt.

Wichtig ist außerdem, möglichst viele Sinne anzusprechen: Etwas, das angefasst werden kann und haptisch begreifbar ist, lässt sich besser verstehen als die reine Theorie. So konzipieren wir unsere Ausstellungen, Mitmach- und Ferienprogramme. Auch das europaweit einzigartige Begehbare Herz ist nach diesen Kriterien konzipiert. Interdisziplinarität und Multisensorik sorgen dafür, dass angeeignetes Wissen nachhaltig in Erinnerung bleibt.“


Wie sind Eure Erfahrungen mit diesem Thema? Habt Ihr kleine Kultur-Fans oder -Muffel zuhause? Welche Angebot zur Kunstvermittlung sind aus Eurer Sicht für Kinder besonders geeignet? Wir freuen uns über Eure Gedanken und Tipps.

Übrigens: 23 unserer Jugendherbergen widmen sich dem Thema „Kultur“ in besonders intensiver Weise. In den Kultur | Jugendherbergen wird vor allem jungen Gästen ein erlebnisorientiertes und zeitgemäßes Umfeld bereitgestellt, in dem ein intensiver kultureller Austausch stattfinden kann. Den Gästen werden dabei auf selbstbestimmte und spannende Art verschiedenste Kulturerlebnisse vermittelt. Kultur | Jugendherbergen bieten die Voraussetzungen, diese Leitidee im Rahmen von Klassenfahrten, Freizeiten und Seminaren durch ein qualifiziertes Programmangebot umzusetzen.

 

Sandra Lachmann

Mit der Patchwork-Familie im Grünen, mit einem Workshop auf einer Nordsee-Insel oder mit Freundin in der Großstadt: Sandra hat bereits in ganz unterschiedlichen Situationen in einer Jugendherbergen eingecheckt. Die Vielfalt hat die Bloggerin so begeistert, dass sie noch mehr über die Jugendherbergen von heute erfahren wollte. Daher tourt sie nun durch Deutschland und schreibt hier über ihre Erlebnisse und Aufenthalte. Weitere DJH-Stories liefert die 36-jährige Bremerin auch für heiterbisstuermisch.de.

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