Gemeinschaft erleben mit der Familie

Manege frei für Familien: Inklusive Zirkusfreizeit in Nettetal-Hinsbeck

Wenn 70 unternehmungslustige Menschen – alt und jung, mit und ohne Handicap – innerhalb weniger Tage zu einer großen Zirkusfamilie werden, dann ist mal wieder Familien Zirkusfreizeit in der Jugendherberge Nettetal-Hinsbeck. Zwischen Schwebebalken und Zauberstab lernen Eltern und Kinder an fünf Tagen Kunststücke für die Manege und vor allem viel darüber, wieviel Spaß das Leben in einer Gemeinschaft macht, in der jeder auch ein bißchen auf den anderen aufpasst. Wie gut sich das anfühlt, habe ich bei meinem Aufenthalt im Rheinland erleben dürfen.

„Heringe unterhalten sich miteinander, indem sie pupsen – richtig oder falsch?“ Zirkuspädagoge Nico Berger schaut in sein Publikum, hektisches Diskutieren bei den Kindern, ratlose Abstimmung bei den Eltern. Es ist Dienstagabend, ich sitze gemeinsam mit Familien aus Stuttgart, dem Rheingau und anderen Teilen Deutschlands im Diskoraum der Jugendherberge Nettetal-Hinsbeck. Das Spielfieber hat längst um sich gegriffen, alle hat der Ehrgeiz gepackt. Wir spielen „Schlag die Eltern“, Klein gegen Groß, angelehnt an die berühmte Showvorlage des Privatsenders mit der Sieben im Namen. Die Punktevergabe, die Zahl an Spielen, die Kreativität der einzelnen Duelle – alles wie im Fernsehen. Selbst einen funktionsfähigen Buzzer hat Nico dabei. Eine Abweichung im Regelwerk gibt es allerdings: „Bei Gleichstand gewinnen die Kinder“. Und die kämpfen engagiert um den Sieg. Gerade liegen die Eltern vorn, aber es gibt noch drei Spiele….

Einräder vor der Jugendherberge Nettetal

Sechs Stunden zuvor: Ich komme in der Mittagspause in der Jugendherberge Nettetal an. Um zu wissen, dass ich richtig bin, brauche ich kein DJH-Zeichen am Gebäude. Die vielen Einrad-fahrenden Kinder vor dem Haus und das prächtige rot-weiße Zirkuszelt daneben lassen keine Zweifel daran, dass ich richtig bin. Die Sonne lacht, die Mädels auf dem Einrad auch. Drinnen sitzen noch einige Familien bei Mittagessen, es gibt Burger, die man sich selbst belegen kann.

An der Rezeption steht Jürgen, der mich sofort interessiert und herzlich willkommen heißt. Jeder von Euch weiß vermutlich, welch große Hilfe es ist, in einer großen Gruppe unbekannter Leute gleich am Anfang auf jemanden zu treffen, der einen unter seine Fittiche nimmt und für Orientierung sorgt. Jürgen ist so einer. Außerdem ist er Papa von Lena und bereits zum fünften Mal mit ihr bei der Zirkusfreizeit dabei. Gleiches gilt für Familie Krapp, die Jürgen und Lena bei ihrer ersten Freizeit kennengelernt haben und die sie seitdem jeden Frühling in der Jugendherberge wiedersehen. „Wir wollen uns eigentlich auch zwischendurch mal selbst organisiert treffen, denn uns trennen in Hessen nur 60 Kilometer, aber irgendwie schaffen wir es dann doch nie“, berichtet Jürgen. „Umso mehr freuen wir uns aber immer darauf, hier Zeit miteinander zu verbringen.“

„Spaß ist wichtiger als Perfektion“

Die Krapps sind zu sechst: Papa Torsten, Mama Kerstin und die Töchter Nelly (9), Lucia (11), Mia (14) und Emely (16). Ich schnappe mir einen Burger und setze mich zu ihnen. Auf dem Tisch liegen Gruppen-Fotos aus den Vorjahren. Wie sie erstmals hier gelandet sind, frage ich Familie Krapp. „Wir hatten ganz gezielt nach einem Ferienprogramm gesucht, in dem behinderte und nicht-behinderte Kinder Erlebnisse miteinander teilen“, erinnert sich Kerstin. „Ich selbst habe in der Sonderschulpädagogik gearbeitet und mir war es wichtig, dass meine Kinder ebenfalls vorbehaltslos und entspannt mit behinderten Menschen umgehen. Bei unserer Recherche sind wir auf die Zirkusfreizeit gestoßen und inzwischen ist unsere Teilnahme Tradition.“ Ich schaue zu Emely, die gerade mit Timmy, einem aufgeweckten Jungen mit Down-Syndrom spricht. Sie legt den Arm um ihn: „Einen Stock fürs Stockbrot am Lagerfeuer finden wir noch, Timmy. Mach Dir keine Sorgen“. Hat geklappt mit dem entspannten Umgang, den sich die Eltern gewünscht haben, denke ich so bei mir.

Emely hat aufgrund der langjährigen Erfahrung inzwischen von der Teilnehmer- auf die Betreuerseite gewechselt: „Ich liebe es, dass hier der Spaß im Vordergrund steht, nicht die Perfektion“, antwortet sie mir, als ich sie nach ihrer Motivation frage. Zum zweiten Mal unterstützt die 16-Jährige zusammen mit drei FÖJlerinnen „Zirkusdirektor“ Nico bei der Durchführung des fünftägigen Programms. Und dabei gibt es genug zu tun. Die Tage sind mit vielen Punkten gefüllt, bei denen die Gruppe ab ihrer Ankunft an Montag Teamgeist und Kompromissbereitschaft an den Tag legen muss, um schließlich am Donnertagabend vor Publikum eine Zirkusvorstellung auf die Beine stellen zu können.

Ein Zirkus, der braucht zunächst einmal einen Namen. In jedem Jahr können die TeilnehmerInnen Vorschläge abgeben, aus denen das Herbergsteam fünf Favoriten auswählt und zur Abstimmung stellt. „Zirkus Schwuppdiwupp“ ist es dieses Mal geworden. „Rappelzappel“ oder auch„Luftikus“ waren die Ergebnisse in den Vorjahren. Das kann ich auf T-Shirts lesen, die einige Kinder und Erwachsene tragen. T-Shirts, die jedes Jahr nach der Namenswahl selbst gestaltet und bemalt werden. Was es außerdem gleich zu Beginn der Zirkuswoche zu tun gibt: Einladungen für die Aufführung verschicken. Sobald der Name steht, können sie ausgedruckt und an die Zirkuskünstler in spe verteilt werden. Viele von ihnen greifen dann noch zu Stiften, um sie vor dem Versand an Familie, Freunde und Vereine in der Nachbarschaft kreativ zu verschönern.

Der schönste Moment in jedem Jahr ist es aber, wenn sich zum ersten Mal das prächtige Zirkuszelt öffnet. Seit 2007 gehört es der Jugendherberge Nettetal-Hinsbeck, einen Durchmesser von 26 Metern misst es und 10,5 Meter ist es hoch. Aber auch an den Folgetagen lugen die Kinder vor jedem Zirkustraining ungeduldig durch den Eingangsspalt und rufen immer wieder „Nico, wann geht´s endlich weiter?“

Zirkuszelt an der Jugendherberge Nettetal-Hinsbeck

Weiter geht es an diesem Dienstag um 14.30 Uhr. Für die Teilnehmer der Freizeit ist es die zweite Trainingseinheit an diesem Tag. Jeder von ihnen hat sich zu Beginn der Zirkuswoche zwei Disziplinen ausgesucht, mit denen er am Donnerstagabend vor Publikum in der Manege auftritt. Zu Wahl stehen: Bodenakrobatik, Schwebebalken, Jonglage, Clownerie, Fakirkünste, Zauberei, Gleichgewichtskünste und Tanz. Wohlgemerkt: Alles kann, nichts muss. Niemand wird gezwungen, zwei Disziplinen zu absolvieren oder überhaupt in der Manege aufzutreten. Alles passiert freiwillig –bisher war die Manege jedes Mal die ganze Aufführung über gut gefüllt.

Seiltänzerin mit Höhenangst: Ich!

„Zirkuuuuus….“ ruft ein Sechsjähriger in das Mikro von Nico. „Schwuppdiwupp“ antwortet die restlichen Zirkuskünstler lauthals. Ein Ritual, mit dem jede Probe eröffnet wird. Nico erklärt kurz, welche Disziplinen an diesem Nachmittag geprobt werden und wo sich welche Gruppe mit welchem Betreuer trifft. Und dann geht es los, das tatkräftige Miteinander, das mutige Ausprobieren, das fröhliche Zirkustreiben.

Zirkusfreizeit für Familien mit Seiltanz

Jürgen hält am Schwebebalken einen Reifen in die Höhe – zur Absicherung für die Mädchen, die in 1,80 Metern Höhe ihren Auftritt üben und notfalls zugreifen könnten. Sie tun es meist nicht. Im Gegensatz zu mir. Denn Jürgen wäre nicht Jürgen, wenn er mich nicht ermutigen würde, es auch einmal zu probieren. Nur soviel: 1,80 Meter plus 1,70 Meter Meter eigene Körperhöhe fühlen sich für mich von oben betrachtet wie 7 Meter an und entsprechen schlotternd sind meine Knie. Dank Reifenbegleitung schaffe ich es aber zumindest auf die andere Seite. Danke Jürgen!

Jonglage vor dem Zirkuszelt der Jugendherberge Nettetal

Mit den Flower Sticks stelle ich mich deutlich besser an. Es ist das erste Mal, dass ich einen Stab mit zwei anderen durch die Luft wirble – und siehe da, er fällt schon bald nicht mehr runter. Ob es daran liegt, dass ich als Kind schon mit einem Diabolo hantiert habe? Vielleicht. Nach diesem kleinen Erfolgserlebnis setze ich mich zufrieden vor die Bodenakrobaten, die gerade eine fünfköpfige Pyramide üben. Ein bisschen wackelig ist das menschliche Bauwerk noch, aber niemand gibt auf. Wieder und wieder wird geübt. Und von Mal zu Mal wird es besser. Auch bei Karsten und Antje.

Vater und Tochter bei der Zirkusfreit der Jugendherberge Nettetal

Die beiden wirken auf mich, als seien sie tatsächlich einer echten Zirkusfamilie entsprungen. Antjes Augen funkeln unentwegt vor Vergnügen und schauen keck unter ihrem Pony hervor. Karstens sportliche Figur in akrobatiktauglicher Sportkleidung und seine zum Zopf zusammengebundenen langen Haare machen auch ihn zu jemandem, der aussieht, als wäre das Zirkuszelt sein tägliches Umfeld. Die beiden fühlen sich pudelwohl, das ist nicht zu übersehen. Es ist nicht ihre erste Freizeit in einer Jugendherberge. Und obwohl bislang alle anders waren, sieht Karsten doch eine zentrale Übereinstimmung: „Das Grundprinzip ist immer das gleiche: Man trifft sich mit Menschen, die ein ähnliches Interesse haben, verbingt Zeit miteinander, hat gemeinsam Spaß und knüpft einige Freizeiten.“

Stars in der Manege – mit und ohne Handicap

Außerhalb des Zeltes ist Nico währenddessen dabei, seine Clown auf ihren Auftritt vorzubereiten. „Du musst richtig doll zeigen, wie sehr es Dich als schlauen Clown aufregt, dass der tollpatschige Clown mal wieder alles umgeworfen hat“, sagt er gerade zu einer Teilnehmerin, als ich bei den Clown ankomme. Der tollpatschige Clown, er wird von Tim gespielt – und niemand denkt sich irgendetwas dabei. Jeder könnte ihn spielen, warum nicht auch Tim? Gleichbehandlung, jederzeit.

Auf das kunterbunte Zirkustreiben folgt eine kleine Verschnaufspause, dann die ersten Spiele im Duell „Schlag die Eltern“. Wikingerschach auf dem Außengelände, Reise nach Jerusalem im Zirkuszelt zum Beispiel. Die Eltern führen, als es Zeit fürs Abendessen ist. Das heißt aber noch gar nichts.

Denn in den Abendstunden geht es weiter. Sich eine Minute anschauen, ohne zu lachen? Kein Kinderspiel -haguuuuu! Tiere anhand von Bildauschnitten erkennen, Wissensfragen beantworten, Bälle schnellstmöglich ins Ziel pusten – Nico hat sich so einiges einfallen lassen. Und behält erstaunlich souverän den Überblick über die Punkte, obwohl er doch schon den ganzen Tag Fragen beantwortet, Trainings anleitet und  Spiele vorbereitet. Müde wirkt aber weder er noch jemand anderes, ganz im Gegenteil. Alle sind hellwach und motiviert, schließlich winkt dem Sieger ein toller Preis: die Verlierer-Gruppe muss am nächsten Vormittag in der Manege ein Lied vorsingen.

Die Entscheidung fällt im letzten Spiel: Salzbrezel-Wettessen! Während die Kontrahenten krümeln, feuern die Mitspieler an. Und schnell ist klar, wer in diese Disziplin und damit schließlich im gesamten Duell die Nase vorn hat: Die Kinder. Unter großem Jubel gehen sie aus diesem Abend als Sieger hervor.

Während sich Nico gegen 22 Uhr auf den Weg nach Hause und ich auf den Weg in mein Zimmer mache, sitzen einige Familien noch mit Gesellschaftsspielen und Getränken im Speisesaal zusammen. Ihr Tag ist noch nicht zuende.

„Wer hat unsere Erika geklaut?“

Als ich am nächsten Morgen gegen 8 Uhr wieder zurückkomme ein ähnliches Bild. Statt Spielbrettern stehen allerdings Frühstücksteller auf dem Tisch. An der familiären Atmosphäre und der guten Laune hat sich hingegen nichts geändert. Alles scheinen sich wieder auf das anstehende Zirkustraining zu freuen. Es startet um 10 Uhr mit einem Gruppenspiel – einer Abwandlung des Kinderspiels „Ochs vom Berg„. In dieser Variante hat sich allerdings Erika, das Gummihuhn hinzugesellt, das erst gefangen und dann ins Ziel gerettet werden muss. „Wer hat unsere Erika geklaut?“ schallt es über die Wiese und 70 kleine und große Leute flitzen übers Grün. So simpel und doch so wirkungsvoll.

Danach geht es ins beheizte Zirkuszelt und alle üben erneut ihre gewählten Disziplinen. Wo immer ich hinschaue, sehe ich, dass sich helfende Hände gereicht werden. Auch mir wird geholfen, von Hajo. Ich versuche mich nämlich ein wenig im Einrad fahren. Das Ergebnis… nun ja… reden wir nicht drüber.

Ich bin ein wenig wehmütig, als ich gegen Mittag meine Tasche packe und mich auf den Heimweg machen muss. Allzu gern würde ich noch das Lied hören, dass die Eltern für die Kleinen singen, und genauso gern wäre ich am folgenden Abend dabei, wenn alle ihren großen Auftritt haben. Aber ich bin mich sicher: Das wird ein riesiger Erfolg.

Was ich in der Jugendherberge Nettetal gelernt habe? Dass beim Begriff Zirkusfamilie die Betonung auf FAMILIE liegt und ganz unterschiedliche Menschen in wenigen Tagen zu solch einer Gemeinschaft heranwachsen können.

Und dass Heringe sich tatsächlich pupsend unterhalten.

Die Zirkusfreizeit für Familien findet in der Jugendherberge Nettetal sowohl in den Osterferien als auch in den Herbstferien statt. In den Sommerferien gibt es sie für Kinder, die ohne Eltern die Mange erobern wollen. Die Termine und weitere Informationen gibt es auf der Website der Jugendherberge Nettetal-Hinsbeck.

 

Sandra Lachmann

Mit der Patchwork-Familie im Grünen, mit einem Workshop auf einer Nordsee-Insel oder mit Freundin in der Großstadt: Sandra hat bereits in ganz unterschiedlichen Situationen in einer Jugendherbergen eingecheckt. Die Vielfalt hat die Bloggerin so begeistert, dass sie noch mehr über die Jugendherbergen von heute erfahren wollte. Daher tourt sie nun durch Deutschland und schreibt hier über ihre Erlebnisse und Aufenthalte. Weitere DJH-Stories liefert die 36-jährige Bremerin auch für heiterbisstuermisch.de.

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