Jugendherberge entdecken

Urlaub in der eigenen Stadt: Mittendrin beim Testschläfer-Event in Nottuln

Anderthalb Jahre war sie geschlossen – jetzt wurde sie mit einer ganz besonderen Aktion wieder eröffnet: Am ersten Wochenende nach der sechs Millionen Euro teuren Sanierung durften die Nottulner selbst in ihrer Jugendherberge übernachten. Exklusiv, vor allen anderen! Urlaub in der eigenen Stadt, bei dem vom Kita-Kind bis zur Bürgermeisterin 60 Testschläfer die Betten eingeweiht haben. Wie das Fazit ausfiel, was am besten ankam und worauf sich künftige Gäste freuen können – wir waren für Euch dabei.

Frau Bürgermeisterin ist heute einfach mal nur Manuela. Ohne Hosenanzug und ohne Rede im Gepäck, stattdessen: Gemütliche Kapuzenjacke drüber und Nachthemd in der Tasche. Manuela ist im Urlaub, die Sonne steht tief am Himmel, auf dem Grill brutzelt das Fleisch und an den Tischen um sie herum klingen die Gläser und Flaschen. Doch für diese Auszeit musste sie weder fliegen, noch weit fahren. Nein: Nur kurz aufs Rad, vier Minuten in die Pedale treten, vorbei am Rathaus, in dem sie arbeitet – und schon war sie da, in der Jugendherberge Nottuln. Die Bürgermeisterin, tatsächlich wahr, macht heute Urlaub in der eigenen Stadt.

 

Manuela Mahnke heißt sie mit vollem Namen, dahinter steht in Klammern oft: (SPD). Seit 2015 ist die Bremerhavenerin im Amt, trifft mit ihren Kollegen Entscheidungen für fast 20.000 Einwohner. Eine davon war die, den Umbau der Jugendherberge Nottuln zu genehmigen und dafür auch ein Stück der angrenzenden Gemeindewiese zu verkaufen. „Wenn ich mich hier umsehe, war das genau die richtige Entscheidung“, sagt sie mit strahlenden Augen, zeigt auf die bunte Fassade und den neuen Spielplatz vor dem Haus. „Es ist wirklich wunderschön geworden. Ein Geschenk für unsere Region!“ Rund 40 Prozent des Gebäudes wurden abgerissen, der Grundriss nahezu komplett verändert, knapp sechs Millionen Euro ins neue Haus investiert – anderthalb Jahre hat das Team unter Hochdruck gearbeitet. Eine lange Zeit. „Ich bin froh, dass jetzt alles geschafft ist“, sagt Manuela. „Es war so furchtbar still ohne die Kindergruppen in der Stadt, die durch die Straßen ziehen und ins Rathaus kommen, um ihre Stadtrallye zu schaffen.“ Überhaupt war es ganz schön ruhig, immerhin sind durch die vorübergehende Schließung knapp 22.000 Übernachtungen in Nottuln weggefallen.

Noch jemand hat die Gäste vermisst: Hausleiter Christoph Zumbülte. 1996 – das weiß er noch genau – hat er um acht Uhr morgens die Jugendherberge zum ersten Mal betreten, um in seinen Zivildienst zu starten. Seine erste Aufgabe: „Mit Packband die Türschlitze verschließen, damit kein Staub durchkommt“, erinnert er sich und lächelt: „Da stand auch gerade eine Renovierung an.“ Das Haus aber, insgesamt betrachtet, war auch danach noch immer nicht besonders modern: ein farbloses Gebäude, Betonwände innen. Selbst Steckdosen im Zimmer wurden erst vor 13 Jahren eingeführt. „Da musste was getan werden“, sagt Zumbülte, der trotz allem kurz vor dem Abriss des Hauses noch einmal „etwas wehmütig“ über alle Gänge geschlichen ist. „Wenn ich mich heute umschaue, dann ist es ein echtes Schmuckstück geworden! Alles ist genauso, wie ich es mir vorgestellt habe.“ Aber auch noch nicht lange: Die letzten Baumaterialien wurden am Freitagnachmittag weggeräumt, gerade noch rechtzeitig zur Übernachtungsaktion.

Denn erstmalig in der Geschichte des Deutschen Jugendherbergswerks dürfen die Menschen der Stadt, in der die Jugendherberge steht, selbst als erste Gäste das Haus kennen lernen. Viele haben sich auf die Aktion beworben, manche die Plätze gewonnen, andere zum Vorteilspreis gebucht. Und jetzt trudeln sie alle ein, am Samstagnachmittag: Andreas und Karin und Rudi und Hilla, Josef, Manuela. Sie alle kennen sich, weil sie Nachbarn sind – aber die meisten haben noch keinen Urlaub zusammen verbracht. Und genau das soll sich heute ändern.

Etwas eher am Tag, Mittagszeit. Rudi kommt die Einfahrt hoch, den langen geschwungenen Weg vom Parkplatz, an dem Spielplatz auf der linken und der Kletterwand auf der rechten Seite vorbei. Absperrband flattert an den Seiten und schützt die noch kahlen Flächen, auf denen bald schon alles ergrünen soll. Hinter ihm, mit großen Augen, tippeln seine Enkel Mattis, Silvan und Leni in kleinen Schritten die leichte Steigung hinauf. Im Arm haben sie Teddy, Elchi und Emma. Schließlich soll sich im Urlaub zu Hause auch das Bett wie zu Hause anfühlen, und da gehören die Lieblingskuscheltiere natürlich dazu.

Rudi ist 66 Jahre alt. Er war schon in vielen Jugendherbergen deutschlandweit. Weil seine Frau Hilla einen Mitgliedsausweis hat, seit sie 17 Jahre alt ist. Und weil er die Art des Reisens mag. „Man wohnt nicht irgendwie anonym in einem Hotel oder so“, erklärt er. „Das ist viel mehr: Man lernt andere Leute kennen, die ähnlich ticken, alles ist offen und gemeinschaftlich.“ Deswegen kommen sie fast ausschließlich in Jugendherbergen unter, seit sie sich kennen. Und das ist ziemlich lang, immerhin haben die beiden sich vor 29 Jahren kennen gelernt. Ein Jahr später waren sie in ihrer ersten Jugendherberge in Holland. Und jetzt? Wieder so eine Premiere: Das erste Mal Urlaub mit den Enkeln. „Voll egal“, dass sie dafür nur 750 Meter angereist sind, findet die fünfjährige Leni.

Ein herzliches Willkommen am Empfang, dessen Tresen mit einem großen Graffiti gestaltet ist. Alles riecht noch neu, sagen zumindest alle. Aber wie riecht neu? Wenn man es beschreiben müsste, dann wäre es genau dieser Duft hier in der Jugendherberge Nottuln.

Rauf in den dritten Stock, Sport-Etage. Jeder Gang ist einem Schulfach zugeordnet, das ist das Konzept, dass sich die Hausleitung gemeinsam mit dem Landesverband Westfalen-Lippe überlegt hat. „Wir wollen Schule und Lernen mit etwas Positivem verknüpfen“, sagt Zumbülte. Deswegen sind bunte Graffitis an den Wänden, auf den Tischen Kritzeleien wie früher in der Schule, die Garderoben sind nach dem jeweiligen Motto gestaltet. Rudi, Hilla und die Kids gehen den Gang runter, letztes Zimmer links, und dann stehen sie in dem großen Raum mit zwei Stock- und zwei Boxspringbetten sowie eigenem Bad und freuen sich. „Wow, das sieht wirklich gut aus hier“, sagt Hilla. „Ganz modern. Und so viel Platz!“ Der Blick aus dem Fenster fällt auf die Fußballwiese, auf der die anderen Kinder schon spielen, also beziehen alle schnell ihr Bett – und dann geht’s raus zu den anderen.

Manuela Mahnke ist in Zimmer 119 gelandet, Mathe-Trakt. Was bei anderen Alpträume auslösen könnte, erinnert die Bürgermeisterin an ihre Schulzeit: „Ich hatte Mathe-Leistungskurs“, gibt sie zu. „Das hat mir immer sehr viel Freude bereitet.“ Gelernt hat sie nach der Schule aber Hotelfach. Dass sie ihr Bett jetzt im Urlaub selbst beziehen muss, findet sie nicht schlimm. Aber wie sieht denn ihr Urlaub normalerweise aus? „Ich mache selten Urlaub“, meint Manuela Mahnke. „Aber wenn, dann reicht mir etwas Sonne, vielleicht Strand, Blick aufs Meer – und ein gutes Buch.“ Das Meer ist in weiter Ferne, zu lesen hat sie sich nichts mitgenommen – aber die Sonne scheint, und das ist ja schonmal was.

Direkt gegenüber vom aktuellen Schlafgemach der Bürgermeisterin, im anderen Gebäudeteil, schallt Kinderlachen aus den weit geöffneten Fenstern. Hier, im Untergeschoss, ist das neue Herzstück der Jugendherberge Nottuln eingerichtet: ein 170 Quadratmeter großer Indoor-Freizeitbereich. Mit Kletternetzen, Schwingseilen, Schaumstoffklötzen, zum Auspowern und Toben oder einfach nur zum Chillen, so wie der elfjährige Silvan jetzt gerade, der sich mit den Klötzen eine Sofaecke gebaut hat und den anderen zusieht.

Draußen wird es mittlerweile dunkler. Es riecht nach Grillfleisch und Wein, die Erwachsenen sitzen an den Tischen, die Kinder sammeln Stöcker fürs Lagerfeuer. Manuela Mahnke ist kurz nach Hause gefahren, um ihre Katze zu füttern – auch das ist das Entspannte am Urlaub in der eigenen Stadt, dass man keinen Katzen-Sitter braucht. Rudi und Hilla sitzen mit Andreas und Karin zusammen, die nur 900 Meter entfernt wohnen, aber trotzdem eine längere Anreise hinter sich haben. „Unsere Kinder haben uns gebeten, dass wir einen kleinen Umweg fahren, damit sie traditionsgemäß auf dem Weg in den Urlaub noch kurz Nintendo spielen können“, meint er und lacht. Als sie dann angekommen sind, war er überrascht – obwohl er jeden Tag an der Baustelle vorbeigefahren ist. „Wahnsinn, wie das hier alles gewachsen ist“, sagt Andreas, „sehr geschmackvoll, farbenfroh.“ Die Übernachtung haben sie gewonnen. „Ich bin gerade selbst verwundert, wie sehr sich das alles nach Urlaub anfühlt.“

Aber auch der schönste Urlaubstag geht mal zu Ende. Während die letzten Gäste noch dem Lagerfeuerkohle beim Glimmen zusehen, geht es für Rudi und Hilla, für Mattis, Silvan, Leni, für Teddy und Elchi und Manuela ins Bett.

Am nächsten Tag: Frühstück auf der Sonnenterrasse. Gleich kommen die Gäste zum offiziellen Eröffnungs-Festakt, kommen Politiker und Offizielle und viele Interessierte und wollen erleben, wie sich das anfühlen kann, was die 60 Testschläfer schon einen Tag und eine Nacht lang genießen durften. Rudi und Hilla entspannen derweil noch in der Morgenruhe, die Kids spielen mit den anderen Kindern auf dem Spielplatz. „Das hat uns wirklich außerordentlich gut gefallen“, sagen die beiden Rentner. „Die Kinder haben schnell Anschluss gefunden, wir haben uns gut unterhalten – alles top!“ Und die Betten? „Waren super bequem“, sagt Manuela Mahnke. Ihr Outfit aber ist es nicht mehr: Den Kapuzenpulli hat sie gegen Blazer getauscht. Gleich kommen sie alle zusammen, dann gibt es ein paar Reden, und dann werden Hunderte Menschen durch das neue Haus strömen. „Christoph!“, werden sie rufen, denn fast jeder hier kennt den Hausleiter, der mit breitem Grinsen am Eingang steht und die Leute begrüßt. Es ist geschafft! Er hat seine Jugendherberge zurück. Und Nottuln auch. Ein buntes Haus, von außen wie von innen, in der die Bürgermeisterin mal einfach nur Manuela sein kann, wo Herr Zumbülte Christoph ist, und die Kids durchs Haus toben dürfen.

Ihr wollt die neue Jugendherberge auch mal testen? Hier findet Ihr alle Infos zum neuen Haus.

 

Sandra Lachmann

Mit der Patchwork-Familie im Grünen, mit einem Workshop auf einer Nordsee-Insel oder mit Freundin in der Großstadt: Sandra hat bereits in ganz unterschiedlichen Situationen in einer Jugendherbergen eingecheckt. Die Vielfalt hat die Bloggerin so begeistert, dass sie noch mehr über die Jugendherbergen von heute erfahren wollte. Daher tourt sie nun durch Deutschland und schreibt hier über ihre Erlebnisse und Aufenthalte. Weitere DJH-Stories liefert die 36-jährige Bremerin auch für heiterbisstuermisch.de.

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