Deutschland erobern im Grünen

Mit Holzduft in der Nase um die Welt reisen

Es riecht nach Holz, nach feuchtem Holz. Eine Mischung aus moosiger Luft und dem Duft frischgehobelter Späne ermuntert meine Nasenflügel, sich weit aufzublähen. Herrlich dieser Geruch. Herrlich die großen Bäume um mich herum, das viele Grün. Endlich bin ich angekommen, mitten im südamerikanischen Regenwald. Und der liegt nur 50 Kilometer südöstlich von Köln.

Lange schon hatte ich einen neugierigen Blick auf ein einzigartiges Projekt der Jugendherbergen im Rheinland geworfen: „Panarbora“ heißt es. Eine Kombination aus Naturerlebnispark und ungewöhnlichen Übernachtungsmöglichkeiten. Seit 2015 kommen DJH-Mitglieder hier in sinnliche Erfahrung mit heimischen Wäldern und fernen Kulturen. Sie spazieren durch Baumkronen des Bergischen Landes und speisen kurze Zeit später wie in Afrika oder Asien. Sie schnuppern an traditionellen deutschen Kräutern und musizieren wenige Schritte entfernt auf afrikanischen Klangspielen. Kurz gesagt: Sie reisen nach Waldbröl und dabei doch einmal um die ganze Welt.

Das wollte auch ich endlich mal erleben und setzte mich daher wie immer mit dem Jugendherbergs-Kombi-Ticket der Deutschen Bahn in den Zug nach Schladern. Das ist der kleine Bahnhof, den ihr von Köln aus ansteuern müsst. 15 Minuten Busfahrt später stehe ich dann schon vor dem Wahrzeichen von Panarbora direkt neben dem Eingang: dem 40 Meter hohen Aussichtsturm, von dem aus man eine großartige Weitsicht über das Bergische Land, hinüber bis ins Siebengebirge, in den Westerwald und bis nach Köln hat.

Ich will aber erst einmal nicht hoch hinaus, sondern weit hinein in die Jugendherberge. Denn zum einen ist es bei meiner abendlichen Ankunft bereits dunkel, zum anderen habe ich eine sehr außergewöhnliche Unterbringung gebucht, die ich mir endlich live anschauen will.

Eine monglische Jurte. Ja, genau: eine Jurte. Mit nichts anderem darin als Bett, Tisch, Stuhl und  Leuchte. Und einer Beheizung, zum Glück. Denn obwohl Juli ist, herrschen draußen vor dem XXL-Zelt herbstliche Temperaturen. Für die Nacht und den kommenden Morgen ist Dauerregen angesagt. Sommer 2017, was machst Du denn bloß mit uns?

„Holz ist ein einsilbiges Wort, aber dahinter verbirgt sich eine Welt der Wunder und Märchen.“ (Theodor Heuss)

 

Beim Eintreten in die Jurte bin ich ganz schön erstaunt: So groß hätte ich den Innenraum nicht erwartet. Würde ich den Tisch in der Mitte zur Seite schieben (was problemlos möglich wäre), wäre Platz für eine kleine Party. Zwei weitere Betten rechts und links gäbe es auch für alle, die es danach nicht mehr in ihre eigene Jurte, ihr Baumhaus oder ihr afrikanisches Dorf zurückschaffen. Das sind neben südamerikanischen Hütten und einem Familienhaus mit traditionellen Zimmern nämlich die anderen Unterbringungsmöglichkeiten in Panarbora.

In „meinem“ asiatischen Dorf gibt es neben den weißen Jurten einige bunte Bauwagen. Darin verbergen sich je zwei kleine Badezimmer. Klein, aber sehr modern. Trotz Unterkunft nach dem Motto „back to basic“ muss hier also niemand auf gewohnten Komfort mit fließend Warmwasser verzichten. Dusche, WC, Waschbecken, Heizung – alles da! Bett beziehen, Zähne putzen, ab ins Bett. Mal schauen, wie es sich so schläft in einer Jurte…

Kurz und gut ist die Nacht. Um 5.30 Uhr weckt mich das durch die Kuppel der Jurte hineinfallende Tageslicht. Gleißend hell, wie es sich für einen Sommersonnentag gehören würde, ist es nicht. Dumpf und grau statt dessen, aber doch hell genug, um mich lichtempfindliches Wesen aufzuwecken. Nach den Augen fangen dann auch die Ohren an zu arbeiten: es prasselt auf der Jurte. Nicht nur ein bißchen, sondern gewaltig. Das stört mich deutlich weniger als das Licht, im Gegenteil. Das ist ziemlich gemütlich und muckelig. Daher drehe ich mich nochmal um und döse im warmen Bett weiter.

„In 80 Stunden um die Welt“

Vier Stunden, zwei starke Milchkaffee und ein Brötchen später höre ich kräftiges Getrommel, als ich an der Akademie, dem Seminargebäude auf dem Panarbora-Gelände, vorbeischlendere. Da es von oben nach wie vor Hunde regnet und ich die Seele daher nicht in den fest installierten Hängematten baumeln lassen kann, biege ich ab, um nachzuschauen, was da drin los ist.

Zahlreiche Familien sind da los. Und begeistert auf mit Butterbrottüten bezogenen Blumentöpfen herumtrommelnde Kinderhände auch. Ich bin mitten hineingeraten in die Familienfreizeit „In 80 Stunden um die Welt„, bei der auf spielerische Weise fremde Kultur vermittelt wird.

„Jeder Mensch ist aus einem anderen Holz geschnitzt, und doch, stammen wir alle aus ein und demselben Wald.“ (Ernst Ferstl)

 

Zwei Tage zuvor sind die teilnehmenden Familien bereits angereist, der gestrige Tag stand ganz im Zeichen des afrikanischen Lebens. Gemeinsam wurde eine Wasser-Pipeline konstruiert und gebaut. Eine echte Teamwork-Aufgabe, bei der sich die Kinder und Erwachsenen kennenlernen konnten und für den Wert der Ressource Wasser in Drittländern sensibilisiert wurden. Außerdem probierte die Gruppe afrikanische Traditionen:  Es wurde Brot gebacken, und in einem Workshop lernten die 47 großen und kleinen TeilnehmerInnen, wie man in Arika trommelt. Dabei wurden auch eigene Trommel gebastelt und bemalt.

Und genau diese Trommeln müssen die Kinder jetzt, nach einer Nacht trocknen, natürlich noch einmal genau unter die Lupe nehmen und ihren Klang ausprobieren.

Einige Minuten später klären die beiden „Reiseleiter“ Corinna und Klaus dann aber über das heutige Ziel auf: Es wird am Nachmittag nach Südamerika an den Amazonas gehen. In den Regenwald. „Für das entsprechende Klima ist in jedem Fall gesorgt“, denke ich so bei mir und schaue auf die Gummistiefel und Regenjacken, mit denen viele aus der Gruppe heute unterwegs sind.

Augen zu, Sinne an!

Für den Vormittag stehen zwei Aufgaben an, die die Sinne schärfen und zugleich Mut erfordern. Dafür trennt sich die große Gruppe in zwei kleinere auf: alle Kinder in die eine, alle Erwachsenen in die andere. Für die kleinen Weltenbummler geht es  in Richtung Baumhäuser, für die großen in den Kräutergarten.

Klaus zieht Augenbinden aus seiner Tasche und verteilt sie an die Kinder. „Es geht darum, dass ihr einen eurer Sinne, das Sehen, ausschaltet. Dann nehmt ihr mit den Ohren, Händen und der Nase mehr wahr.“ In Vierergruppen aufgeteilt müssen sich die Kinder nun blind durch ein Waldstück bewegen. Es geht rauf und runter, über Baumwurzeln und Stoperfallen. Die einzige Orientierung: ein Seil, an dem sich alle festhalten können. Und das erste Kind in der Reihe, das als einziges auch die andere Hand zum Vortasten nutzen darf. Es geht um Vertrauen und um vorsichtiges Voranschreiten. Alle bewältigen es mit Bravour, sogar die jüngsten.

 

Über den Sinnespfad geht es dann weiter zu Corinna, die im Kräutergarten wartet. Es geht durch Regenströme und Bambusvorhänge. Über viele verschiedene Untergründe, die man bei besserem Wetter barfuß erkunden kann. Vorbei an verschiedenen Erlebnisdörfern. Vorbei an der Erwachsenen-Polonaise, die jetzt auch beweisen muss, wieviel Vertrauen es in einer Gruppe gibt, wenn man nichts mehr sehen kann.

„Einzeln und frei wie ein Baum und brüderlich wie ein Wald, das ist unsere Sehnsucht.“ (Nazim Hikmet)

 

Angeführt wird die Menschenschlange in Regenkleidung von Ute. Sie ist die älteste Teilnehmerin der Gruppe und mit ihrem Enkel Luc angereist. „Ich wohne in Berlin, mein Enkel in Bonn“, erzählt sie mir. „So eine Freizeit ist eine schöne Gelgenheit, mehr Zeit miteinander zu verbringen.“

Die Kinder haben ihr Ziel erreicht. Für den kleinen Hunger wäre hier gesorgt: Im Kräutergarten ist alles essbar. „Allerdings schmecken manche Sachen nicht so gut“, weiß Corinna. Die Kinder sollen es einfach selbst ausprobieren – in Zweierteams. Einer führt, einer ist blind. Blüten fühlen, Blätter essen. Wer traut sich, wie fühlt es sich an?

Die Kinder wagen eine Menge und pflücken auch allerlei, was nicht sofort als Pfefferminze oder Ringelblume erkennbar ist. Immer mittenmang dabei die kleine Margarete, die bald 3 wird. Die kleine Berlinerin ist mit ihrem neunjährigen Bruder und ihrer Mutter dabei – und stiefelt in ihrer Regenkleidung den ganzen Vormittag über tapfer und neugierig mit.

Es ist 12 Uhr. Nach vielen Stunden im Regen und viel bewiesenem Mut haben sich die Familien trockene Kleidung und ein stärkendes Mittagessen redlich verdient. Eine kleine Auszeit, bevor es am Nachmittag darum geht, den Inka nachzueifern und sich im Brückenbau auszuprobieren.

Regenwald mitten im Bergischen Land

Der Wettergott meint es an diesem Dienstag ernst mit dem Regenwald-Klima: Auch am Nachmittag prasselt es nur so vom Himmel. Die Weltreisenden haben sich in einem kleinen Waldstück um eine Grube versammelt. Seile und Slacklines liegen bereit, um einen Weg über den Abgrund zu konstruieren. Martin zeigt, wie ein doppelter Achterknoten funktioniert, erklärt, wie man die Slacklines installiert und hilft den Kids, die sich trauen, am Baum hinaufszulettern, um die Seile anzubringen.

Da die große Slackline-Brücke nicht für die Kleinsten geeignet ist, hat Corinna noch eine niedrige Variante eingerichtet. Außerdem stehen Zielscheiben für einen Spuckrohr-Wettbewerb bereit. Es ist also für jeden etwas dabei, um sich vom Dauerregen abzulenken.

Die großen Kinder haben mithilfe einiger Erwachsener die Inka-Brücke fertig gebaut. Helm auf den Kopf, Sicherheitsgürtel an, Karabiner am Sicherheitsseil einhaken – und los geht es mit dem wackeligen Überschreiten.

Gut eineinhab Stunden gelingt es, das Wetter zu ignorieren. Irgendwann wird die Gruppe dann aber doch reisemüde und sehnt sich ins Trockene. „Ich baue in der Akademie ein paar Spiele auf und schmeiße die Kaffeemaschine an“, ruft Papa Malte den anderen Eltern entgegen. Wer sagt schließlich, dass man nur draußen gemeinsam Spaß haben kann?

40 Meter hohe Aussicht auf besseres Wetter

Auch ich sehne mich nach einer trockenen Hose und warmen Socken. Bevor ich dafür zurück in die Jurte gehe, will ich nun aber doch einmal auf den Aussichtsturm und auf den Baumwipfelpfad. Oben angekommen lasse ich meinen Blick über das Panarbora-Gelände schweifen. Über das Heckenlabyrinth, die hohen Bäume, die Erlebnisdörfer und den grandios-großen Spielplatz mit vielen Holzspielgeräten. Es riecht noch immer so wunderbar nach Holz.

Auf dem Spieplatz rutscht ein Mädchen die nasse Rutsche herunter. Mit einem Regenschirm in der Hand. Und ich ahne, wie schön es hier sein muss, wenn die Regenzeit erst einmal überstanden ist.

Ihr wollt diese Weltreise auch erleben? In diesem Jahr habt Ihr dazu noch einmal vom 29.10. bis 3.11.2017 Gelegenheit. Da gibt es vermutlich auch keine hochsommerlichen Temperaturen, aber vielleicht bleibt es dafür trocken… Alle Informationen zur Familienfreizeit gibt es auf der Website der Jugendherberge Waldbröl „Panarbora“.

Sandra Lachmann

Mit der Patchwork-Familie im Grünen, mit einem Workshop auf einer Nordsee-Insel oder mit Freundin in der Großstadt: Sandra hat bereits in ganz unterschiedlichen Situationen in einer Jugendherbergen eingecheckt. Die Vielfalt hat die Bloggerin so begeistert, dass sie noch mehr über die Jugendherbergen von heute erfahren wollte. Daher tourt sie nun durch Deutschland und schreibt hier über ihre Erlebnisse und Aufenthalte. Weitere DJH-Stories liefert die 36-jährige Bremerin auch für heiterbisstuermisch.de.

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