Jugendherberge entdecken

Jugendbegegnung – das Wichtigste ist das Gespräch

Eindrücke von der multinationalen Jugendbegegnung unter dem Motto »I Owe You Respect« (Ich schulde dir Respekt). Gastbeitrag von Emma Pötscher.

Zwei Wochen lang tourten 24 junge Teilnehmer aus Ägypten, Tunesien, Libanon, Frankreich, USA und Deutschland zusammen durch Tunesien, um das Land, sich und ihre jeweiligen Kulturen kennenzulernen. Wie sich das anfühlt? Einen knappen Monat später sitze ich im kalten Deutschland, es läuft ein tunesisches Lied, zu dem wir alle zusammen oft getanzt haben. Neben mir liegt ein libanesischer Fez, ein Papyrus aus Ägypten, eine kleine gekritzelte Abschiedsnachricht von einem der französischen Teilnehmer. Gerade habe ich mit einem der Tunesier geskyped, wir haben gemeinsam über die lustigen Fotos gelacht, die eine Amerikanerin uns geschickt hat, und in Erinnerungen schwelgend kommen die einzelnen Momente dieser unvergesslichen Zeit wieder zurück…

Vier deutsche Teilnehmer stolpern durch die engen Gassen der Medina, die verwinkelte arabische Altstadt von Tunis. Die Häuser sind fast alle in strahlendem Weiß getüncht. Vorbei an kunstvoll verzierten und bunt bemalten Holztüren holpern wir weiter mit unseren Rollkoffern über die Pflastersteine. Ab und an drängt sich ein Tunesier auf seinem Moped an uns vorbei. Alte Männer, die auf Café-Stühlen vor ihren kleinen Geschäften sitzen und sich lebhaft auf Arabisch unterhalten, nicken uns zu und folgen der kleinen Kofferkarawane mit ihren Blicken. Manche von ihnen haben sich ein kleines Sträußchen aus Jasmin oder Rosenblüten hinters Ohr geklemmt. Schließlich öffnet sich eine gelbe zweiflüglige Holztür: Willkommen in der Jugendherberge von Tunis!

 

Die ganze Jugendbegegnungs-Gruppe vor einem tunesischen Regierungsgebäude

Am ersten Tag von „IOU Respect“ weiß ich gar nicht, wo ich hinschauen soll, so viele neue Eindrücke und ungewohnte Szenen bieten sich mir von allen Seiten. Ich bin dermaßen fasziniert und vertieft in die Beobachtung meiner Umgebung, dass die tunesischen Teilnehmer mich mehrmals besorgt fragen, ob denn alles in Ordnung mit mir sei. Von Beginn an fühlen sich die Tunesier für unser Wohlergehen verantwortlich, sie nehmen uns die gesamten zwei Wochen wie besorgte Glucken unter ihre Fittiche. Während wir uns einen Weg durch die belebten Straßen bahnen, beginnen auch schon die ersten Kennenlerngespräche. Wie heißt du? Wie alt bist du? Was sind deine Hobbies? Ich freue mich darüber, dass die anderen Teilnehmer gleich so freundlich und gesprächig sind, denn schon nach wenigen Stunden scherzen wir wie alte Bekannte.

Ein besonderes Erlebnis: Das erste Mal eine belebte Kreuzung in der Innenstadt von Tunis überqueren.

Links und rechts werde ich fröhlich von Dalia und Salma aus Ägypten untergehakt, die mich entschlossen über die mehrspurige Fahrbahn – so genau ist das bei den vielen kreuz und quer fahrenden Autos nicht erkennbar! –  lotsen, und sich zusammen mit den Tunesiern königlich über mein aschfahles Gesicht und entsetztes Geschrei amüsieren, als ein Kleinlaster direkt vor unserer Nase vorbeirauscht, während einen halben Schritt hinter uns schon wieder der normale Verkehr dahinbraust. Die folgenden Minuten verbringen wir mit einer ersten lebhaften Diskussion über die jeweilige Straßenverkehrskultur unseres Landes, wobei sich vor allem ein signifikanter Unterschied herauskristallisiert: Während ich dafür plädiere, eine Straße nur dann zu überqueren, wenn ein herannahendes Auto noch weit genug entfernt ist, argumentieren meine neuen Freunde überzeugend, dass es doch viel ungefährlicher wäre, zu warten, bis das Auto so nahe herangekommen ist, dass der Fahrer uns wahrnehmen und dann bremsen kann. Diese unschlagbare Logik beruhigt mich leider nur bis zum nächsten diesbezüglichen Adrenalinkick, der nicht lange auf sich warten lässt.

Zwei Tage später schwirren wir schon wesentlich souveräner durch Tunis, als wir auf einer Art Schnitzeljagd Fotos von verschiedenen Orten und Stadtbewohnern sammeln sollen. Diese drei Stunden werde ich nie vergessen, weil wir dabei so viele nette Leute treffen und trotz der Sprachbarriere mit Händen und Füßen und unseren neuerlernten drei Brocken Arabisch ins Gespräch kommen.

Jugendbegegnung: Neue Tage, neue Abenteuer.

Unser vollgestopfter weißer Bus fädelt sich geschickt durch den Verkehr, während seine Insassen abwechselnd die tunesische Landschaft bewundern, die draußen in der Sommerhitze vorbeizieht, oder begeistert zu der lautaufgedrehten Musik auf den Sitzen auf- und abhopsen. Das Repertoire geht von ägyptischen und tunesischen Charts über allgemein bekannte amerikanische „Hits of da moment“ bis hin zu den Pfadfindergesängen der libanesischen Teilnehmer, und gipfelt in traditionellen französischen Lange-Autobahnfahrt-Liedern à la „Eisgekühlter Bommerlunder“ oder „Zwölf Flaschen Bier an der Wand“…

In Kalaa Kebira, einem raffiniert aufgebauten Freilichtmuseum, das traditionelle Techniken und tunesische Kultur „zum Anfassen“ bietet, koste ich frisch über dem Feuer gebackenes Brot, unterhalte mich mit einem Tunesier über Araberpferde, und traue dann meinen Augen nicht, als plötzlich ein Teil unserer „IOU Respect“-Truppe in traditionellem Gewand auf der Bühne auftaucht und als Komparsen in einer simulierten Berberhochzeit mitwirkt! Ein Derwisch tanzt um Perry, den US-amerikanischen „Bräutigam“ herum, während vier unserer Mädchen die weiblichen Verwandten mimen. Nach einer Weile finden wir uns schließlich alle inmitten der Musiker und Tänzerinnen wieder, und versuchen, bei einem traditionellen Gruppentanz der Libanesen mitzumachen, was zunächst einigermaßenfunktioniert, am Ende jedoch in einem eher unkoordinierten Gestolper und lautem Gelächter endet.

Abschied von Tunis,
willkommen – bienvenu – welcome – marhaban fi Bizerte!

Als wir die wunderschöne Jugendherberge mit der großen Außenfläche erblicken, fröhlich unsere multinationalen Mehrbettzimmer beziehen und dann durch ein Pinienwäldchen zum ersten Mal an den nur ein paar hundert Meter entfernten Strand laufen, ist die Wehmut, die einen beim Abschied von der Medina ein wenig befallen hatte, eindeutig vergessen. Abends spielen wir Tischtennisturniere, perfektionieren mehr und mehr unsere Kenntnisse bezüglich dieses verflixten libanesischen Kreistanzes, oder unterhalten uns stundenlang am Lagerfeuer am Strand.

Ein zentraler Programmpunkt: Die Dialogue Sessions zu Themen wie beispielsweise Religion, Vorurteile oder Arten interkultureller Kommunikation. In den Gesprächen und Übungen wird schnell deutlich, dass wir alle grundsätzlich ähnliche Träume, Werte, aber auch Ängste haben, andererseits jedoch in manchen Bereichen auch stark kulturell geprägt sind. Es fällt auf, dass die Teilnehmer stets darauf bedacht sind, ihre Gedanken diplomatisch und reflektiert zu formulieren. Die Devise „IOU Respect“ ist allgegenwärtig. Manchmal bleibt die Gruppendiskussion daher vorsichtig und etwas allgemein, da niemand überkritisch oder verbohrt erscheinen möchte. Delikate Themen besprechen wir vor allem auch untereinander außerhalb der Dialogue Sessions, in Gesprächen unter vier Augen oder in einer kleinen Gruppe. Insgesamt lernen wir täglich mehr übereinander, unsere Länder, unsere Persönlichkeiten, aber auch, wie entscheidend gerade bei solchen Projekten die Art und Weise ist, wie man Dinge kommuniziert und wie man sich selbst und sein Land anderen näher bringt.

Ein Teil der Jugendbegegnungs-Gruppe auf einer Hochzeitsfeier

Letzte Nacht, sternenklar, ein tränenreicher Abschied folgt dem anderen. Die Zeit ist viel zu schnell vergangen. Zurück bleiben Erinnerungen, neue Freunde fürs Leben, und ein warmes Gefühl der Verbundenheit, wann immer das Gespräch auf eines der Länder kommt, die durch diese besondere Jugendbegegnung immer einen Platz in meinem Herzen haben werden.

Die multinationale Jugendbegegnung „IOU Respect“ wird durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus Mitteln des Kinder- und Jugendplanes des Bundes gefördert.
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Weitere Informationen zu DJH Jugendbegegnungen:

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