Umweltschutz

Nachgefragt: Was tun die Jugendherbergen eigentlich fürs Klima?

Vier klimaneutrale Häuser, ein Nachhaltigkeitskonzept, das von den angeschlossenen Jugendherbergen aktiv mitgetragen wird, eine Auszeichnung im Jahr 2014 beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis – die Jugendherbergen im Nordwesten haben ganz schön viel erreicht in Sachen Klimaschutz. Dennoch schätzt Geschäftsführer Thorsten Richter die Lage realistisch ein: Höchstens die Hälfte dessen, was getan werden müsste, habe man bisher geschafft, meint er. Durch ihr Engagement im Kinderhilfsprojekt Ubomi in Südafrika haben seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die verheerenden Folgen des Klimawandels konkret vor Augen. Das motiviert.

Dass sich der Landesverband Unterweser-Ems überhaupt so früh auf diesen Weg gemacht hat, ist einem Zufall zu verdanken: Vor etwas mehr als zehn Jahren hörte Thorsten Richter einen packenden Vortrag von Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung – zum Thema Klimawandel, das damals in der Öffentlichkeit noch gar keine große Rolle spielte. „Mir war klar, da kommt einiges auf uns zu, nicht nur gesellschaftlich, auch politisch. ‚Normale‘ Wirtschaftsunternehmen können vielleicht abwarten, wie der Markt reagiert, aber wir sind ein gemeinnütziges Unternehmen mit einem gesellschaftlichen Auftrag“, beschreibt Richter diese Initialzündung. „Die Idee, eine Nachhaltigkeitsstrategie für uns zu entwickeln, fiel bei uns zum Glück auf sehr fruchtbaren Boden.“

Eine der klimaneutralen Jugendherbergen im Nordwesten: Das Haus auf Norderney

Der Veggie Day kam nicht von heute auf morgen

Was ist richtig und was falsch in Sachen Nachhaltigkeit? Um in der Praxis Entscheidungen treffen zu können, musste und muss das Management der Jugendherbergen ständig dazulernen und Argumente abwägen: Ist der gelagerte Bio-Apfel aus Norddeutschland wirklich klimafreundlicher als der frische Apfel aus Südamerika? Ist eine Gurke vom Bodensee noch regional? Und wie sieht es mit Ökostrom, Baumaterialien, Fahrzeugantrieben usw. aus? Denn schließlich soll das Engagement der Jugendherbergen für soziale und ökologische Nachhaltigkeit kein „Greenwashing“ sein, sondern einen reellen Beitrag zur Verringerung des CO2-Ausstoßes leisten.

„Aus Gastbefragungen wissen wir, dass es eine große Affinität zum Thema Nachhaltigkeit gibt, und alle wollen, dass das Deutsche Jugendherbergswerk sich in diesem Bereich positioniert. Aber teurer werden darf es nicht“, fasst Richter die wesentliche Herausforderung zusammen. Dass das nicht ohne Anstrengungen geht, wird am Beispiel Verpflegung deutlich: Wenn Lebensmittel in Bio-Qualität auf den Tisch kommen sollen, kostet der Einkauf mehr. Um das auszugleichen, braucht es einen neuen Spirit in den Küchen, Stichwort vegetarische Gerichte. Und das wiederum bedeutet einen Eingriff in ganz alte Verhaltensweisen – Umdenken ist gefragt!

Bis der wöchentliche Veggie Day akzeptierte Realität werden konnte, musste Richter sich manchen Anfeindungen durch die norddeutsche Fleischlobby aussetzen. Und heute? Vegetarisches Essen liegt im Trend! Hausleitungen und Küchenpersonal sind hoch motiviert, am Veggie Day kreative, attraktive Gerichte anzubieten. Die Gäste merken, dass das richtig lecker schmeckt, und gerade Kinder nehmen diese Botschaft mit nach Hause. Umso mehr, wenn sie parallel an einem Erlebnisprogramm zu einem ökologischen Thema teilnehmen. Ein Punkt für den Klimaschutz, ganz ohne erhobenen Zeigefinger!

Ubomi: Engagement über den regionalen Tellerrand hinaus

„Wir kümmern uns in den Brennpunkten der Townships um vernachlässigte Kinder, die viel Zeit auf der Straße verbringen und oft ums Überleben kämpfen“, erzählt Biggi Hägemann, im Hauptberuf Programmentwicklerin im Landesverband. „Wir“, das sind Thomas Meisterknecht, der seit 2012 als einziger Weißer mit seiner Frau Khosi im Township Khayelitsha in Kapstadt lebt – und Biggi Hägemann, die die beiden 2016 besuchte. Gemeinsam beschlossen sie damals, zunächst für die Nachbarskinder einen Zufluchtsort einzurichten und sie täglich mit einer Mahlzeit zu versorgen.

„Ubomi“ (Leben) heißt der Verein, den sie dafür gegründet haben. Mittlerweile sind die Jugendherbergen zwischen Nordsee und Sauerland Hauptpartner dieses Projektes, das sich für ein nachhaltiges Leben im Township und Perspektiven für benachteiligte Kinder einsetzt. Die Jugendherbergen unterstützen das Projekt durch Fundraising-Aktionen wie das SUP-Event am 14. September 2019 in Neuharlingersiel und auf Wangerooge. Viele Kolleginnen und Kollegen von Biggi Hägemann steuern ihre Freizeit und ihr Know-how bei, damit Ubomi wachsen kann.

Spenden kann Ubomi gut gebrauchen. Bis Ende 2020 will der Verein nämlich in den sozialen Brennpunkten des Townships drei eigene Häuser, so genannte „Inseln“ eröffnen, in denen jeweils zwei Gruppen von 25 Kindern betreut werden können. Diese Häuser werden die bisherigen gemieteten, viel zu kleinen, teilweise baufälligen oder unsicheren Häuser ersetzen. Das erste Haus in nachhaltiger Holzbauweise ist bereits im Bau. Die Kinder fiebern schon der Nummer zwei entgegen: einem Upcycling Haus, errichtet aus alten Autoreifen und Ecobricks. Das sind dicht mit Plastikmüll befüllte PET-Flaschen, die sich stabil verbauen lassen. Gefertigt werden sie von den Kindern selbst.

Fridays for Future im Township: nachhaltige Projekte für die Community
Im Projekt arbeiten ausschließlich Menschen aus dem Township – Pädagogen, Tänzer, Musiker, Sporttrainer, Juristen. Sie sind echte Vorbilder für die Kinder und Jugendlichen. „Es geht immer um ‚Ubunto‘, die Gemeinschaft“, erzählt Biggi Hägemann. „Wenn die Kinder etwas geben können, dann tun sie das.“ In den Ubomi-Häusern lernen die Kinder, wie sie die Ressourcen im Township für mehr Lebensqualität nutzen können. „Wir haben so etwas wie Fridays for Future bei uns im Haus, wo es freitags immer neue Infos rund um Nachhaltigkeit gibt.“ Die Kinder überlegen sich in kleinen Gruppen, was sie für die Community tun können. Zum Nelson-Mandela-Tag haben sie Suppe gekocht, damit die Anwohner bei kalten Wintertemperaturen eine warme Mahlzeit bekommen. Das Geld dafür haben sie bei einem Tanzwettbewerb „errungen“. Am 20. September 2019, dem Tag des Globalen Klimastreiks, verschenken sie Hocker aus Ecobricks an ihre Nachbarn. Die sind richtig wertvoll, denn kaum jemand dort besitzt solche Möbel.

Eine gespendete Wasseraufbereitungsanlage, versorgt auch Nachbarn mit Trinkwasser – wenn diese ihre eigene beschriftete Flasche jedes Mal wieder mitbringen. Das nachhaltige Handeln strahlt aus, stellt Biggi Hägemann fest: „Wir merken, dass die Ideen, die wir mit den Kindern in den Häusern entwickeln, auch die Nachbarschaft erreicht.“ Genau darum geht es bei Ubomi: Das Leben im Township so gut wie möglich zu gestalten, damit die Kinder ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen können.

„Generell befinden wir uns als Unternehmen „auf dem Weg“. Mit unserem Engagement im Bereich Nachhaltigkeit möchten wir auch in Zukunft Zeichen setzen und uns vor allem weiterentwickeln. Unser Engagement für Ubomi ist da ein weiterer, sehr wichtiger Baustein,“ betont Thorsten Richter. Damit soll aber noch nicht Schluss sein. In den kommenden Monaten planen die Jugendherbergen im Nordwesten ihr Engagement auszubauen und das „Hand in Hand“ mit den ca. 230.000 Gästen, die die Jugendherbergen jährlich besuchen. Mehr wird noch nicht verraten.

Globaler Klimastreik am 20.09.2019 – Wir sind dabei!
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