Jugendherberge entdecken Neues erproben

Zocken und zelten: Armin zeigt, wie Gamescom und Jugendherberge zusammenpassen

Es ist voll. Es ist laut. Es ist bunt. Ich stehe in Halle 8 der Gamescom, inmitten von unzähligen Menschen, die auf eine Bühne schauen. Vier Tanzwütige stehen darauf. Hinter der Bühne: ein riesiger Bildschirm, auf dem comigartige Figuren tanzen. Ein Countdown erscheint. Jetzt tanzen die Figuren erneut – und drei der vier Leute auf der Bühne tun es ebenfalls. Der vierter kommentiert das Geschehen, die Menge johlt. Es ist der Stand des populären Videospiels „Fortnite“, der Mann mit dem Mikrofon in der Hand der Youtube-Star „HandofBlood“ – so erklärt es mir Armin. Armin ist einer der Gewinner der DJH-Verlosung zur Gamescom und übernachtet mit seinen Freunden aktuell in der weltweit ersten Pop-Up-Jugendherberge. Und er gibt mir heute Nachhilfe in Sachen „Gaming“.

Die kann ich gut gebrauchen. Seitdem ich  „Super Mario“ auf dem Game Boy und „Sam and Max“ auf dem Computer beendet sowie den Sega im Wandschrank meines Jugendzimmers verstaut habe, sind mir angesagte Games in den vergangenen Jahren nämlich nur in einer Form untergekommen: in Geschrei aus dem Dachgeschoss unseres Hauses. Dort wohnen die Teenager- Söhne meines Mannes und auch sie zocken manchmal stundenlang FIFA oder andere Spiele, deren Namen ich schnell wieder vergessen.

Was ich mich aber oft frage, wenn schockierte Schreie aus dem oberen Geschoss kommen, weil irgendeine Deckung verloren oder irgendein Tor nicht geschossen wurde: Ist diese Welt des Gamings, die sich nur mit einem technischen Gerät und einem Bildschirm abspielt, nicht etwas, das vom wahren Leben mit echten Menschen und Begegnungen abhält? Wenn ich mir diese Frage stelle, erschrecke ich zwar meist über die konservative Spießigkeit, die ihr innewohnt, aber ja, ich frage mich das. Wie viele andere Eltern vermutlich auch.

Studieren und stundenlang zocken

Pop-Up-Jugendherberge: Gewinner Armin

Umso faszinierender ist mein Treffen mit Armin. Der 21-Jährige beweist nämlich, dass beides geht: stundenlanges Zocken und Gemeinschaftserlebnisse face to face. Armin studiert Theologie in Hamburg und engagiert sich ehrenamtlich in der Kirche und in Vereinen. Er begleitet Jugendfreizeiten und kann sich gut vorstellen, später einmal Pastor zu werden. Er fährt begeistert Longboard, hat eine Freundin und sagt von sich, dass er immer glücklich sei. „Nach einem heftigen Schicksalsschlag vor einigen Jahren habe ich irgendwann beschlossen, nicht mehr traurig zu sein. Glücklichsein ist eine Entscheidung.“

Wenn er das alles erzählt, kann man sich gar nicht vorstellen, dass er stundenlang vor einer Spielekonsole sitzt. Dass er überhaupt Zeit dafür hat. So ist es aber. N64, Wii, Playstation 1 bis 4, Game Cube…. Es gibt kaum eine Konsole, die Armin nicht hat. Kaum ein Spiel, zu dem er nicht die Hintergrundgeschichte kennt. Ob er sich als spielsüchtig bezeichnen würde? „Nee, ich kann super aufhören. Wenn ich müde bin, geh ich ins Bett. Selbst wenn ich mitten im Spiel bin.“

Gamecom 2018 Warteschlangen

Ob Virtual Reality oder Action Adventure – der Lüneburger erklärt mir an jedem Stand des riesigen Gamescom, worum es geht. Dass einzelne Aussteller bei den Gamern besonders gefragt sind, kann selbst ich nicht übersehen: Lange Schlangen mit einer Wartezeit von bis zu 2 Stunden bilden sich bei den Messeattraktionen. Für einen Blick auf den Trailer neuer Spielfolgen oder das Anspielen von noch nicht auf dem Markt erschienener Spiele nehmen sich eingefleischte Fans gern Zeit. Manche haben sich extra einen kleinen Klappstuhl mitgebracht, andere nutzen die Pause um auf dem Smartphone zu spielen.

Das Publikum ist deutlich gemischter, als ich es erwartet habe. Die Altersgruppe 18 bis 25 scheint aber in der Überzahl zu sein, jedenfalls in den Entertainmenthallen, wo sich die populärsten Spiele und Publisher präsentieren. Mächtig gefeiert werden Panzeranimationen – was für mich recht befremdlich ist. Ebenfalls befremdlich, aber weniger bedrohlich wirkt außerdem die enthusiatsische Meute vor dem Stand des Landwirtschaftssimulators. Mähdrescher fahren als virtuelle Freizeitbeschäftigung? Ein Kassenschlager, wie es scheint.

Nach drei Stunden flackernden Bildern und lautem Getöse wird mir die Messe zu viel. Ich brauche frische Luft und Ruhe. Armin, der sogar schon acht Stunden auf der Gamescom unterwegs ist, und seinen Freunden geht es ähnlich. Wir machen uns daher auf den Weg zum GamescomCamp, das sein Zelte im Jugendpark Köln direkt am Rhein aufgeschlagen hat. Das GamescomCamp ist nicht nur eine günstige Übernachtungsmöglichkeit für Besucher der Gamescom, sondern auch Europas größtes Gaming-Zeltlager. Viele Online-Communities nutzen es, um sich „in echt“ zu begegnen. Dass Freundschaften durchaus virtuell entstehen können, kann auch Armin bestätigen. Er hätte durch das Gaming schon einige Freunde gefunden.

Stockbrot und stundenlang quatschen

Lagerfeuer Pop Up Jugendherberge Köln

Schon der Weg zum Camp, der durch den Rheinpark führt, sorgt für einen wohltuendes Kontrast zur Gaming-Messe. Grün und ruhig ist es hier, sanfte Abendsonne lässt das Wasser der Rheins schimmern. Wir erreichen das Gamescom-Camp und sofort fühle ich mich pudelwohl: Menschen sitzen mit Getränken in der Hand gemütlich auf Bierbänken und Liegestühlen, manche spielen Tischtennis oder Basketball. Es gibt eine kleine Bühne, auf der gerade ein Interview stattfindet, weiter hinten flackert bereits das große Lagerfeuer. Entspannte Atmosphäre. Echte Begegnungen.

pop up jugendherberge gamescomcamp

Ein ähnliches Bild zeigt sich, als ich in die Pop-Up-Jugendherberge abbiege. 20 kleine farbenfrohe Hütten bilden hier ein kleines Camping-Dorf, in dessen Mitte sich die Bewohner zum Zocken zusammengesetzt haben. Dieses Mal allerdings nicht mit Controllern in der Hand, sondern mit Würfeln und Spielkarten. Das DJH hat seine Pop-Up-Jugendherberge nämlich ganz bewusst mit einer großen Auswahl Brettspielen ausgestattet – und siehe da: Die Gamer haben tatsächlich auch dafür eine Menge übrig. Zwischen Pizzaschachteln und trocknender Wäsche genießen sie den Abend mit Brettspiel und Quatschen.

Hütten aufräumen? Dafür ist Armin und seinen Begleitern die Sommerzeit zu kostbar. Im Inneren ihres Vierer-Zimmers herrscht entsprechendes Chaos. Mich erinnert das ein bißchen an Zeltlager bei Festivals: Da spielt sich das Leben auch draußen ab, während drinnen nur das Bett zum Schlafen benötigt wird. Und das meist nur wenige Stunden.

Morgen braucht Armin den Pizzadienst nicht bestellen – denn morgen gibt es Stockbrot am Lagerfeuer. Uncool? Ganz und gar nicht. Was in Jugendherbergen festes Ritual ist, hat es auch auf das Programm des GamescomCamps geschafft. Weil Gemeinschaft zu erleben angesagt ist. Auch bei Menschen, von denen ich bis zu diesem Tag dachte, dass sie permanent nur bis spät in die Nacht vor dem Bildschirm kleben. Aber Armin hat mir gezeigt: dieses Schubladen-Denken ist fehl am Platz. Jugendherberge und Gamescom – das passt besser zusammen, als ich gedacht habe.

Den gesamten Tag mit Armin habe ich übrigens auch bei Instagram dokumentiert. Hier geht es zur Highlight-Story: Gamescom und Pop-Up-Jugendherberge bei Instagram. Und falls Ihr jetzt Lust bekommen habt, zusammen mit dem DJH zu campen, gibt es hier alle Jugendherbergs-Zeltplätze im Überblick: DJH-Zeltplätze in Deutschland.

 

 

 

Sandra Lachmann

Mit der Patchwork-Familie im Grünen, mit einem Workshop auf einer Nordsee-Insel oder mit Freundin in der Großstadt: Sandra hat bereits in ganz unterschiedlichen Situationen in einer Jugendherbergen eingecheckt. Die Vielfalt hat die Bloggerin so begeistert, dass sie noch mehr über die Jugendherbergen von heute erfahren wollte. Daher tourt sie nun durch Deutschland und schreibt hier über ihre Erlebnisse und Aufenthalte. Weitere DJH-Stories liefert die 36-jährige Bremerin auch für heiterbisstuermisch.de.

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