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Völlig abgefahren! Downhill-Biken in Winterberg – ein Selbstversuch

Biken, klettern, rodeln – rund um die Jugendherberge Winterberg ist all das möglich. 19 Kinder sind angereist, um in der gleichnamigen Freizeit jede Menge Action zu erleben. 19 Kinder – und unser Blogger Tobi. Der hat seit einem Jahr nicht mehr auf dem Rad gesessen und nun eine vierstündige Mountainbike-Tour vor sich. Wie er es trotz Krämpfen, Ängsten und einem Sturz am Ende trotzdem glücklich ins Ziel geschafft hat.

Mittags, 13 Uhr. Entkräftet lasse ich mich auf den Stuhl in Uppus Bistro fallen. Meine Beine sind schwer wie Blei, mein Puls rast noch immer. Geschafft, denke ich. Endlich.

Vier Stunden zuvor. Treffen an der Jugendherberge Winterberg. Drinnen stärken sich noch die Familien am Frühstücksbüffet mit frischen Brötchen und Obst. Und draußen stehen wir: 18 Jungs, ein Mädchen, zwei Teamer. Und ich. Manche tragen Schutzkleidung, Handschuhe und Knieschützer. Ich trage: Jeans und Sneakers. Wird schon nicht so schwer werden, versuche ich mich zu beruhigen. Vier Stunden mountainbiken durch die Wälder Winterbergs – was ist schon dabei?

Teamer Martin Wiedenhöft erklärt den Teilnehmern die Bikeroute

Länger als ein Jahr bin ich kein Fahrrad gefahren. Die Reifen platt, die Kette rostig – das hat gereicht, um meinen Drahtesel erst einmal mit Nichtachtung zu strafen. Doch nun komme ich nicht mehr drum herum, denn Radfahren ist während der Freizeit „Biken – Klettern – Rodeln“ an der Tagesordnung. Ich hätte gerne mit Rodeln begonnen, denke ich noch, dann fragt Teamer Martin Wiedenhöft: „Seid ihr bereit?“ Die Gruppe um mich herum jubelt laut, manche recken die Fäuste in die Luft, und Martin grinst. „Ich warne euch schonmal vor: Die Strecke hat es in sich.“ Dann wird er ernster. „Fahrt bitte vorsichtig. Nicht, dass wir nachher die Schottersteine einzeln aus euren Armen ziehen müssen.“ Ok, jetzt habe ich Angst.

Die ersten zehn Minuten haben es in sich! Die ersten zehn Minuten haben es in sich! Die ersten zehn Minuten haben es in sich!

Die ersten zehn Minuten: die Hölle! Über das Gelände der Jugendherberge Winterberg geht es – am Fußballkäfig und der neuen Kletterwand vorbei – direkt in den Wald hinein. Steil bergauf. Die anfängliche Euphorie (der anderen) löst sich in angestrengtes Keuchen, Prusten und Stöhnen auf. Um jedem Tritt mehr Kraft zu verleihen, stehen mittlerweile alle auf ihren Pedalen, den hin und her schaukelnden Oberkörper über den Lenker gebeugt. Martin vorneweg. Ich ganz hinten. Mein Herz rast, es pocht mir bis zum Hals. Jeder neue Tritt in die Pedale ein Gedankenkonflikt: Du schaffst das! – Ich kann nicht mehr! – Ein Tritt noch! – Gib auf! Mein komfortgewöhnter Körper will sich an seine neue Umgebung noch nicht so ganz anpassen; mit allen Kräften, die noch übrig sind, sträubt er sich gegen jeden neuen Meter, den ich mit dem Mountainbike erobern will. Ich steige schließlich ab und schiebe den Rest der Strecke bergauf, während mich einer nach dem anderen langsam überholt. Das wird ein langer Tag.

Martin wartet bereits oben auf der Anhöhe. „Geht´s noch?“, fragt er zwinkernd. Nein!, schreit meine Lunge. „Na klar“, antworte ich und verziehe mein schweißverklebtes Gesicht zu einem gequälten Lächeln. Jetzt bloß keine Schwäche zeigen! Die anderen Kids sitzen schon wieder auf dem Sattel, um weiterzufahren. Ich traue mich nicht einmal, mich wieder aufzuschwingen, weil so ein Mountainbike-Sattel verdammt hart ist. Warum kann man nicht mit einem polsterunterlegten Gel-Sattel biken? Wer hat sich das ausgedacht?

Gleich geht es wieder bergab!

Genug gejammert. Martin hat gesagt, dass es gleich bergab geht. Martin hat auch das mit den Schottersteinen gesagt. Ich hoffe, dass nur die Hälfte von dem, was er sagt, stimmt, und das es in diesem Fall das „gleich“ in Bezug auf „bergab“ ist.

Aber tatsächlich: Es geht nach einer entspannten Strecke auf einer Lichtung nun bergab. Und wie! Jede Sekunde könnte mein Hinterreifen abheben, so fühlt es sich in der Schräglage gerade an. Ich werde immer schneller, die Reifen rutschen über kleine Steine und Wurzeln, ich bremse, komme ins Schlittern – was jetzt, bremsen? Weiter rollen lassen? Ehe ich mich für eine der Handlungen entscheiden kann, stehe ich schon unten bei den anderen.

Gute Ausstattung ist wichtig bei der Biketour.

Über die Straße, auf einen Parkplatz, über eine kleine Autobahnbrücke hinein in das nächste Waldgebiet. Martin hat das GPS-Gerät angestellt. „Damit wir die Strecke finden, die ich für euch rausgesucht habe“, sagt er. Und was ist, wenn nicht? Dann werden aus vier Stunden vielleicht sechs, acht, die ganze Nacht? Mein Puls rast, dieses Mal nicht vor Anstrengung, sondern vor Angst. Zur Beruhigung entscheide ich mich dafür, Martin einfach zu vertrauen. Die Sache mit bergab hat ja auch gestimmt.

Gute Vorbereitung ist die halbe Tour, das GPS Gerät hilft auch noch weiter.

Jetzt geht es aber erstmal wieder bergauf. Mein Atem geht ruhiger, mein Körper scheint aufgewärmt zu sein. Die ganze Aktion hier macht mir auf einmal wahnsinnigen Spaß. Rauf, runter, nur harmlose Steigungen, das ist gut, das ist sehr gut. Dazu die Aussicht: Über die Wipfel der Bäume schauen wir auf die Ski-Lifte der Region, in der Ferne zeichnen sich die Berge ab. Dass es nun anfängt, leicht zu regnen, ist da auch nicht mehr schlimm. Da fällt mein schweißdurchnässtes Shirt wenigstens nicht mehr so auf.

Nach kurzer Pause geht es weiter.

Das Sauerland bietet tolle Routen für Biker.

Ok, nun geht es an Eingemachte. Martin steht vor einem Schild, das drei Routen anzeigt. Rot ist die gefährliche, wir sollen auf der blauen bleiben, mahnt er. Schottersteine im Arm und so. Der blau gekennzeichnete Weg ist ziemlich grün, führt durch ein ebenes Waldstück, in Schlangenlinien.

Der blau gekennzeichnete Weg führt durch ein ebenes Waldstück.

Hier kommt es nicht auf Geschwindigkeit an, sondern auf Geschicklichkeit: Die Büsche und Sträucher wachsen dicht am schmalen Pfad zwischen den Bäumen, der kaum breiter ist als das Profil unserer Reifen.

Völlig abgefahren! Downhill-Biken in Winterberg – ein Selbstversuch Völlig abgefahren! Downhill-Biken in Winterberg – ein Selbstversuch Völlig abgefahren! Downhill-Biken in Winterberg – ein Selbstversuch

Und dann nähern wir uns dem Highlight. Stehen oben auf einem Berg, der Weg zwischen den Bäumen ist ebenfalls schmal und schlängelt sich hinunter ins Tal. Downhill-Biken ist angesagt. „Cool!“, rufen die Kids. Ich stehe nur da und muss schlucken. Wie soll das nur klappen?

Phillip scheint da weniger Sorge zu haben. Der Zwölfjährige aus Lemburg zieht an mir vorbei, in einem mordsmäßigen Tempo. „Runter ist es am besten, das macht am meisten Spaß“, hat er mir vorher erzählt. Das Mountainbike-Fahren ist für ihn nichts Neues, schon häufiger war er auf den sportlichen Zweirädern unterwegs. Zuhause fährt er mit seinen Kumpels auch oft BMX. „Aber diese Strecke ist echt cool, auch wenn es am Anfang ziemlich anstrengend ist.“

„Diese Strecke ist echt cool, auch wenn es am Anfang ziemlich anstrengend ist,“ sagt Biketour-Teilnehmer Philipp

Na gut, dann Augen zu und durch. Oder besser: Augen auf! Denn der Boden ist unübersichtlich, überall liegen Blätter, zwischendurch blitzen Wurzeln hervor. Ich rolle langsam los, werde wieder schneller. Wuhuuu, das ist ja abgefahren! In meinem Bauch kribbelt es wie im Fahrgeschäft auf der Kirmes. Bisschen bremsen, bisschen lenken – das klappt ja, das läuft! Doch dann beginnt mein Hinterrad zu schlittern, ausgerechnet jetzt, vor der engen Kurve und gerade einmal auf halber Strecke, ich bremse vorne und – zack – überschlägt sich mein Mountainbike und ich lande auf dem Rücken. Zum Glück auf dem weichen Waldboden. „Alles in Ordnung?“, ruft Martin von unten. Ich recke den Daumen in die Höhe, richte mein Rad und weiter geht´s. Wenn ich daran denke, dass mich vor zwei Stunden eine kleine Steigung fast aufgehalten hätte…

Wir fahren weiter, und es macht wahnsinnigen Spaß. Nach knapp vier Stunden kommen wir in Winterberg an, geben unsere Räder ab, schleppen uns zu Uppus Bistro und stärken uns erst einmal. 13 Uhr. Meine Beine sind schwer wie Blei, mein Puls rast noch immer. Nach dem Essen werden wir zu Fuß zur Jugendherberge zurück gehen. Und dann steht das Klettern an der neuen, zehn Meter hohen Kletterwand an der Jugendherberge an.

Ich denke: Das schaffe ich nie!

Und dann schaue ich auf meine Hände, die eben noch den Lenker umgriffen, und meine Füße, die in die Pedale traten und erinnere mich daran, was wir heute schon alles an vermeintlich Unmöglichem gemeistert haben. Martin blickt mich an. „Geht´s noch?“ „Na klar“, antworte ich. Und dieses Mal meine ich es auch so.

Puh, für so eine Mountainbike-Tour braucht man Nerven aus Stahl. Die hat übrigens auch unsere Bloggerin Lena in Winterberg bewiesen. Ihren Beitrag dazu lest Ihr hier. Wenn Ihr wissen wollt, wie das Klettern im Anschluss war, klickt hier. Und wenn Ihr nach all der Action etwas Erholung braucht, lest Euch doch mal unseren Erfahrungsbericht über die Sauna im DJH-Resort Neuharlingersiel durch.

Weitere Termine im Jahr 2017  findet ihr hier „Biken-Klettern-Rodeln“

 

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