Gemeinschaft erleben

DJH-Segelschule: Sommererinnerungen der Gründerfamilie

„Das war der Sommer meines Lebens!“ Bei diesem Satz entstehen bei jedem von uns  persönliche Erinnerungsbilder, die uns melancholisch lächeln oder nochmals amüsiert lachen lassen. Vielleicht denkt Ihr an einen Roadtrip durch Europa nach Beendigung des Studiums, an eine Festivalsaison, in der ihr viele Nächte mit Euren Freunden durchgetanzt habt, oder an den Sommer, in dem ihr Eure große Liebe kennengelernt und zahlreiche romantische Abende unterm Sternenzelt verbracht habt. Vermutlich aber haben all unsere Erinnerungen eines gemeinsam: Es kommen andere Menschen darin vor.

In Bad Zwischenahn kommen an diesem Wochenende rund 200 Menschen zusammen, die  gemeinsame Sommererinnerungen teilen. Nicht alle miteinander die gleichen, aber der Ort, an dem sie gesammelt wurden, ist bei allen derselbe: die DJH-Segelschule. Heute vor 50 Jahren wurde sie von Hans Günter Oltmann zum Leben erweckt. Ich habe mich mit seinem Sohn Wolfgang  und seiner Enkelin Frauke getroffen, um mehr über den Ursprung und den besonderen Flair der DJH-Segelschule zu erfahren.

Der Gründer: Hans Günter Oltmann

Wolfgang, Frauke und ich treffen uns auf dem Vereinsschiff der „Bremer Segelfreunde“ in Bremen Lesum. Aus gutem Grund, denn hier hat irgendwie alles begonnen. Als Hans Günter Oltmann im Jahr 1968 hinter der Jugendherberge Bad Zwischenahn den Bau eines Bootsschuppen initiiert und dort zwei geliehene Pfeil-S-Jollen sowie die Kinderjolle seines Sohnes hineinstellt, verbindet er sein Beruf und seine sportliche Leidenschaft auf bemerkenswerte Weise. Oltmann ist einerseits in dieser Zeit Angestellter beim DJH. Technischer Leiter. Er kümmert sich um die Instandhaltung der Jugendherbergen in der Region Unterweser-Ems und kennt daher alle Gebäude und deren angrenzenden Gelände gut. Andererseits ist er passionierter Segler und hatte schon gut zwei Jahrzehnte zuvor den genannten Bremer Segelverein gegründet.

Für ihn stand außer Frage: Die direkte Lage der Jugendherberge am Bad Zwischenahner Meer ist ideal, um Segelkurse zu geben, die eine unmittelbare Verbindung zwischen Übernachtung und Unterricht schaffen. Die darauffolgenden zwei Jahre gaben ihm recht: die ersten Kurse waren gut gefüllt und die Nachfrage stieg. 1970 wurden daher sechs Boote vom DJH gekauft – eine erhebliche Investition, die vom damaligen Herbergsleiter ein klein wenig zähneknirschend beobachtet wurden. Es war, als wüsste er bereits, zu wie vielen geselligen Lagerfeuerabenden und ausgeheckten Streichen die DJH-Segelschule führen würde. Denn ausgelassene Sommerlaune prägte die kommenden Jahrzehnte tatsächlich – sehr zur Freude der nachfolgenden Seglergenerationen, die in der DJH-Segelschule nicht nur lernten, mit Pinne, Schot und Segel umzugehen, sondern auch unvergessliche Sommererinnerungen sammelten.

Der Sohn: Wolfgang Oltmann

Wolfgang Oltmann kennt nicht nur eine Menge dieser Anekdoten, er war auch bei den meisten mit dabei. 1969, mit zwölf Jahren, war es zunächst Teilnehmer des zweiten Kurses der DJH-Segelschule,  1974 machte er in Bad Zwischenahn seinen Sportbootführerschein. Von 1975 bis 1982 wechselte er dann die Position und leitete diverse Kurse. Und lernte dabei auch seine spätere Frau Martina kennen.

„Früher wurde mehr gefeiert und getrunken“, schmunzelt Wolfgang, wenn er sich an die Segelsaisons in den 70er Jahren zurückereinnert. Er erzählt von sagenumwobenen Kneipenabenden, von Zweitschlüsseln für die Jugendherberge und von Liebesbeziehungen. Von Etagenduschen mit vier Duschköpfen, von denen nur aus einem richtig warmes Wasser kam. „Die Einfachheit der Jugendherberge weckte in gewisser Weise unsere Kreativität“, so Wolfgang. „In der Etagendusche enstand beispielsweise ein langwährendes Ritual: Wir standen dort, alle Geschlechter gemischt übrigens, aufgereiht, und jeder, der endlich die heiße Dusche erreicht hatte, trank am Ende ein ganz bestimmtes Getränk. Ein alkoholhaltiges, um genau zu sein.“

Doch wer jetzt glaubt,  die DJH-Segelschule sei nur ein Ort für ungezügelte Parties gewesen, der täuscht sich. Im Mittelpunkt standen auch damals die gemeinsame Leidenschaft am Wassersport und die dabei erlebte Gemeinschaft. „Mein Horizont hat sich mit jeder neuen Saison in der Segelschule erweitert. Ich habe viel über unterschiedliche Persönlichkeitstypen gelernt, einige Klischees über Berufsgruppen bestätigt, andere hingegen komplett verworfen. Und ich habe die Kraft des Füreinander und Miteinander erlebt.“

Wolfgang Oltmann (2.v.r.) und seine Frau Martina vor der Jugendherberge Bad Zwischenahn.

Wolfgang erzählt mir im Folgenden von einem 18. Geburtstag. „Der Junge, der volljährig wurde, bekam zu diesem besonderen Tag keinen Besuch von Freunden oder seiner Familie. Es war für mich ziemlich beklemmend, als er im Vorfeld erzählte, dass er seinen Geburtstag in gewisser Weise allein verbringt. Das konnten wir natürlich nicht zulassen.“ Und so organisierte Wolfgang Oltmann damals mit seinem Team und anderen Kursteilnehmern eine legendäre Geburtstagfeier für den Jungen. Während er mir davon erzählt, strahlt sein ganzes Gesicht. Anderen eine Freude machen, macht glücklich. Auch mehr als 30 Jahre später.

Fragt man Wolfgang Olmann nach einer augenscheinlichen Veränderung, die die DJH-Segelschule erlebt hat, so antwortet er prompt: „Die hierarchische Struktur, in der mein Vater gestartet ist, gibt es schon lang nicht mehr. Am Anfang gab es klar abgestufte Positionen: das Leitungsteam, die Assistenten und die Bootsführer. Jede Bezeichnung offenbarte gleichzeitig etwas über den Kenntnisstand. Heute heißen fast alle, die in der Segelschule aktiv sind, Teamer. Ich glaube, das würde meinen Vater sehr irritieren, wenn er das noch mitbekäme.“

Die Enkelin: Frauke Oltmann

Frauke kennt hingegen nichts anderes als den Teamer-Begriff. Als sie 2002 und 2003 Kurse in Bad Zwischenahn absolviert, gibt es ihn längst. Zwischen 2004 und 2013 betreute sie dann selbst als Teamerin Segelfreizeiten, unter anderem für Familien. „Das Familiensegeln entstand in einer Zeit, in der die bisherigen Kurse etwas zu schwächeln begannen. Die Segelschule setzt sich damals intensiv mit der Frage auseinander, welche Formate zum Urlaubszeitgeist passen könnten und merkten, dass ein Angebot für die ganze Familie fehlte“, erinnert sich die Enkelin des Segelschulen-Gründers.

Überhaupt wäre das Drumherum in der Segelschule in ihrer Zeit weniger feierwütig gewesen. „Was nicht heißt, dass es bei uns langweilig gewesen wäre“, schickt sie schnell hinterher. „Man munkelt, es hätte auch in unserer Zeit Nachtbaden im Freibad, Tonnenklatschen am frühen Morgen und andere ausgelassene Momente gegeben.“

Die Entschleunigung und die Ruhe auf dem Wasser sind ihr im Laufe der Jahre allerdings immer wichtiger geworden. „In meiner Segelschul-Zeit erlebten Handys und Smartphone ja einen enormen Aufschwung. Irgendwann waren sie allgegenwärtig, auch in unseren Freizeiten. Wenn es dann aber aufs Wasser ging, blieben die technischen Geräte zurück und wir genossen mindestens zwei Stunden die handyfreie Zone.“

Was Frauke auch nicht missen möchte: die ganz unterschiedlichen sozialen Kompetenzen, die sie erlangt hat. „Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Abbauwoche, in der ich erstmals das Team leiten musste. In solchen Woche ging es darum, alles winterfest zu machen. Anfangs wollte ich immer mit anpacken, aber am Ende habe ich gemerkt, dass ich als Leitung vor allem Aufgaben delegieren und den Überblick über die Gesamtsituation bewahren muss“, schildert sie. „Das fühlte sich merkwürdig an, war aber sehr lehrreich. Die gewonnenen Erkenntnisse kommen mir noch heute im Beruf oft zugute.“

Das Geburtstagswochenende: Dabei sein ist selbstverständlich

Heute nun wird wieder einmal gefeiert in der DJH-Segelschule. Der 50. Geburtstag. Eigentlich hatte Wolfgang Oltmann Urlaub geplant – sein Segelschiff wartet in einem Ostseehafen auf ihn, um ihn und seine Frau nach Danzig zu bringen. Doch für ihn war es schnell klar, dass dieser Urlaub um ein paar Tage verschoben werden muss. Das goße Wiedersehen mit all den alten Bekannten und Freunden aus dem ganzen Bundesgebiet – das geht vor.

Und auch Frauke räumt dem Termin Priorität ein. Nächste Woche zieht sie für ein Jahr nach Mainz und somit ist es ihr letzte Wochenende in Bremen, bei ihrem Freund, der nicht mit umzieht. Und dennoch: Frauke wird in Bad Zwischenahn am Lagerfeuer sitzen statt Kisten zu packen. Die Vorfreude ist bei Vater und Tochter groß, obwohl sie bis auf kurze Zwischenstopps, wenn es der Weg mit sich brachte, lange nicht mehr in der Jugendherberge Bad Zwischenahn waren. Aber das große Event heute und morgen, das ist Ehrensache. Weil vielleicht nirgends sonst so viele Erinnerungen an so viele Segler-Sommer ihres Lebens geweckt werden.

Das Jubiläumsfest ist nicht nur eine große Zusammenkunft für alle Freunde und Mitglieder der DJH-Segelschule, sondern auch eine Gelegenheit für Interessierte, den Ort und die Angebote kennenzulernen. Nach dem offiziellen Festakt um 12 Uhr gibt es für Besucher verschiedene Schnupperangebote wie Stand-Up-Paddling und Segeln. Dazu hat die Jugendherberge ein Kinderprogramm organisiert und es gibt ein großes Menschenkicker-Turnier. Die Besucher werden mit Kaffee und Waffeln versorgt und es wird gegrillt. Abends wird selbstverständlich ein Lagerfeuer entzündet und der Sänger Alex Chilla wird für die musikalische Untermalung sorgen.

Sandra Lachmann

Mit der Patchwork-Familie im Grünen, mit einem Workshop auf einer Nordsee-Insel oder mit Freundin in der Großstadt: Sandra hat bereits in ganz unterschiedlichen Situationen in einer Jugendherbergen eingecheckt. Die Vielfalt hat die Bloggerin so begeistert, dass sie noch mehr über die Jugendherbergen von heute erfahren wollte. Daher tourt sie nun durch Deutschland und schreibt hier über ihre Erlebnisse und Aufenthalte. Weitere DJH-Stories liefert die 36-jährige Bremerin auch für heiterbisstuermisch.de.

1 Kommentar zu “DJH-Segelschule: Sommererinnerungen der Gründerfamilie

  1. Die DJH Segelschule ist eine in jeder Beziehung einmalige Sache: ein tolles Team von engagierten Segellehrern, eine Super „Location“ mit der JH direkt am Zwischenahner Meer und immer wieder ein einmaliges Gruppenerlebnis für alle Teilnehmer, ob nun Segel-Anfänger, -Könner oder -Genießer. Aber Vorsicht: der „Zwischen-Virus“ hat schon viele erwischt, diejenigen „müssen“ dann im nächsten Jahr einfach wiederkommen, mache sogar viele Jahre! Wer noch nicht da war, hat definitv etwas verpasst.
    – Ein Zwischenahn-Virus-Infizierter-

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