Deutschland erobern im Grünen

Burgfräulein für eine Nacht

Jugendherberge Burg Bilstein bei Nacht

Es ist keine Übertreibung, wenn ich schreibe, dass mich die Jugendherberge Burg Bilstein mit Pauken und Trompeten empfangen hat. Es dringen tatsächlich Orchester-Klänge aus dem weißen Turm zu meiner Linken als ich Ende März staunend vor dem Zugang zum Innenhof der verwunschenen Jugendherberge im Sauerland stehe. Was für ein Anblick! Sofort reist mein Gefühl zurück in die Zeit von Minnesang und Rittermahl – auch wenn die Musikgruppe gerade Klänge von Winnetou spielt und auf dem Speiseplan für diesen Abend Königsberger Klöpse stehen.

Knapp 800 Jahre stehen die Gemäuer der Höhenburg auf einem Ausläufer des angrenzenden Rosenbergs, an dem viele Wanderwege entlanglaufen. Seit 1927 werden sie als Jugendherberge genutzt. 52 Zimmer für insgesamt 209 Personen gibt es, eines davon ist heute Nacht meines. Ich versuche mich zu erinnern: Ist es meiner erste Burg-Übernachtung? Nein, es ist die zweite. In der achten Klasse führte mich eine Klassenfahrt schon einmal in eine Burg-Herberge, in die Jugendherberge Nürnberg. Ich erinnere mich noch daran, wie unsere Clique gern auf der Rückseite des Gebäude an den Mauern die Zeit vertrödelte und die Jungs am späten Abend versuchten, die Mädchenzimmer zu entern. Klassenfahrt eben, wer kennt diese Szenen nicht…

Märchenhaftes Ambiente

Schulklassen sind an diesem Wochenende nicht in der Burg Bilstein, ihre Reisezeit ist stets unterhalb der Woche. Das Haus ist dennoch gut gefüllt: der Musikverein Cäcilia Berghausen e.V. , der gerade für sein Mai-Konzert probt, und verschiedene Familien bringen Leben in die Burgmauern.

Denis, der Leiter der Jugendherberge Burg Bilstein

„Willkommen auf unserer Burch“, werde ich von Herbergsleiter Dennis Brosseit begrüßt. Ja, seinen Wohn- und Arbeitsort nennt er tatsächlich „Burch“ und auch sonst ist es seine Lässigkeit, die als erstes auffällt. Seit Herbst 2016 ist der 42-jährige Burgherr in Bilstein, zuvor hat er Neueröffnung der Jugendherberge Prora an der Ostsee begleitet und das Haus dann rund fünf Jahre geleitet. „Ich wohn da oben.“ Er zeigt auf den Burgturm zu meiner Rechten. Nicht schlecht, denke ich.

Wir laufen durch den Innenhof, der voller liebevoller Details steckt, die ich erst nach und nach entdecke. Am prägnantesten ist der Brunnen vor der Eingangstreppe, in dem ein Frosch darauf wartet, zum Prinzen geküsst zu werden. An der linken Wand ein großer Notenschlüssel und andere Details, die an eine der häufigsten Besuchergruppen auf der Burg Bilstein erinnern, an die Musikgruppen. Rechts ein altes verziertes altes Fahrrad und ein Schneewittchenspiegel. Märchenhaft-verträumt kann man dieses Ambiente wohl nennen.

Innen geht es historisch-abenteuerlich weiter: eine Ritterrüstung am Fenster, ausgestopfte Tiere an der Wand, Wappen am Gebälk und viele Fotos von Klassenfahren fallen mir ins Auge. Keine Frage: Diese Jugendherberge ist anders als alle, in denen ich bisher war, und für kleine Kinder sicher eine Abenteuerspielplatz XXL. Noch bevor ich diesen Gedanken zuende gesponnen habe, höre ich schon den ersten kleinen Jungen, der genau das bestätigt: „Gibt es hier einen Kerker?“, fragt er Rezeptionistin Sandra Antzek mit einer Mischung aus Sensationslust und Ehrfurcht. „Es gibt eine Folterkammer, ja.“

Ich schnapp mir blitzschnell meinen Schlüssel – bevor ich vielleicht gleich auf der Streckbank lande, möchte ich doch lieber kurz aufs Zimmer, mein Gepäck unterstellen und mich kurz frisch machen. Als ich die Tür zum Zimmer aufmache, staune ich nicht schlecht: ein Einzelzimmer mit Duschbad. Auch das eine Premiere für mich. Bislang hatte ich stets Mehrbettzimmer, die ich als Einzelreisender allein nutzen konnte. Auf der Burg Bilstein gibt es alles: vom Einzelzimmer über Vierbett-Zimmer bis hin zur 10-Bett-Variante. Bis aufs Zimmer für 10 Personen sind alle mit Dusche und WC ausgestattet. Etagenduschen? Die Zeit ist hier trotz mittelalterlichem Ambiente vorbei.

Romantisch übernachten im Torhaus

Übernachten kann man nicht nur im Haupthaus, wie ich bei einer Gelände-Erkundung im Anschluss an mein Check-In feststelle. Im Fachwerkhaus sind klassenfahrttaugliche, frisch renovierte Mehrbett-Zimmer zu finden, und das ebenfalls im Inneren jüngst modernisierte Torhaus kann auch bewohnt werden. Hier ist es so schnuckelig und behaglich, dass man als Burgfräulein auch gut einen Begleiter mitnehmen kann für eine Übernachtung…

Torhaus Jugendherberge Burg Bilstein

Dennis Brosseit lädt mich hingegen zum Kontrastprogramm ein. „Komm, ich zeig Dir mal die Folterkammer.“ Wir verschwinden im Haupthaus hinter einer Tür – und plötzlich ist es stockfinster. Und staubig. Und ja, tatsächlich ein bißchen gruselig. Dennis öffnet eine schwere Holztür, dahinter erahne ich einen engen Treppengang nach unten. Ich setze vorsichtig einen Fuß vor den andern, der Herbergsleiter gibt mir mit dem Lichstrahl seines Mobiltelefons Schützenhilfe. „Wenn wir mir Kindern hier runter gehen, beleuchten wir die Räume mit Kerzenlicht“, berichtet Dennis, als wir an Kerzenleuchtern mit abgebrannten Wachsresten vorbeikommen. Noch eine Treppe. Darüber: Ein Skelett. Darunter: der Eintritt in die Folterkammer.

Es ist kalt und düster. Überall liegen Foltergeräte, auf und neben der historischen Streckbank. Wer hier schreit, den hört man ganz bestimmt nicht, sinniere ich und bin für einen Moment froh, mittelalterliche Geschichte studiert, aber nicht live erlebt zu haben. Dass Erst- bis Sechstklässler, die hier im Rahmen der Klassenfahrt „Die Ritter von Burg Bilstein“ hineingeführt werden, davon noch lange erzählen werden, steht für mich außerdem außer Frage.

Wo Kinder durch die Gänge spuken

Nicht nur in der Folterkammer, auch außerhalb der Burg ist es inzwischen dunkel. Im Rittersaal räumen die letzten Familien ihr Geschirr ab, Abendstimmung. Wer aber glaubt, dass nun Ruhe einkehrt in den Gemäuern, der täuscht sich. Jetzt wird erst so richtig deutlich, dass der Slogan „Gemeinschaft erleben“ bei den Jugendherbergen zutrifft:

Väter spielen im Keller  mit ihren Kindern Tischkicker, Klein gegen Groß. Das Orchester probt währenddessen ohne Unterlass im Fachwerkhaus, und Rezeptionistin Gabriele Winkelmeier hat alle Hände damit zu tun, Anträge für Familienmitgliedschaften und Gesellschaftsspiele auszugeben. Kinder in Hausschuhe flitzen die Treppen hinauf und hinunter, immer am Ritter vorbei. Nein, hier ist noch lange keine Schlafenszeit. Auch als ich zwei Stunden später ins Bett krieche, ist noch ein wenig Getöse zu hören. Die Kinder lieben das Abenteuer auf der Burg.

Innenhof der Jugendherberge Burg Bilstein

Auch am nächsten Tag sind die es, die als erste wieder im Innehof unterwegs sind. Regen hin oder her. Eltern sind noch nicht zu sehen und auch Musikklänge höre ich noch nicht. Ich bin aber auch sehr früh dran – innere Uhr einer Keinkindmutter halt. Überhaupt muss ich oft an meinen Lütten zuhause denken und frage mich, wie er wohl über dieses Jugendherberge staunen würde. Noch ist er ein bisschen zu klein, aber schon bald könnte er sich hier schon gut beschäftigen. Das Team der Jugendherberge hat durch zwei kunterbunte Spielecken nämlich auch Raum für die Kinder geschaffen, die noch nicht allein auf dem Gelände auf Achse gehen können.

Spielecke Jugendherberge Burg Bilstein

Nach dem Frühstück ist es für mich Zeit, den Zug nach Hause zu nehmen. Den Frosch im Brunnen habe ich nicht geküsst, daher kann ich Euch nicht sagen, ob tatsächlich ein Prinz aus ihm wird.

Aber vielleicht probiert ihr es ja selbst einmal aus? Und für den Fall, dass Ihr schon einmal oder sogar mehrfach auf der Burg Bilstein zu Gast wart, freue ich mich über Eure Kommentare, wie Euch das Burgleben so gefallen hat.

Sandra Lachmann

Mit der Patchwork-Familie im Grünen, mit einem Workshop auf einer Nordsee-Insel oder mit Freundin in der Großstadt: Sandra hat bereits in ganz unterschiedlichen Situationen in einer Jugendherbergen eingecheckt. Die Vielfalt hat die Bloggerin so begeistert, dass sie noch mehr über die Jugendherbergen von heute erfahren wollte. Daher tourt sie nun durch Deutschland und schreibt hier über ihre Erlebnisse und Aufenthalte. Weitere DJH-Stories liefert die 36-jährige Bremerin auch für heiterbisstuermisch.de.

4 Kommentare

  1. Brunhilde Otte

    Ich habe vor 50 Jahren unter Herbergseltern Stuckmann in der Burg als Wirtschafterin gearbeitet.Tolle Zeit,im Sommer 350 Essen,da kam jedes Jahr ein Sonderzug von Hamburg,und die Kinder wurden in den umliegenden Jugendherbergen untergebracht.Und diese machten dann das Dorf unsicher,Polizei kam des öfteren.Es wäre schön,wenn das jemand liesst,der damals auch auf der Burg gearbeitet hat,habe leider keine Adressen.Es grüßt die Bruni aus der Küche.

    • Sandra Lachmann
      Sandra Lachmann

      Liebe Bruni,

      wie schön, wenn ich Erinnerungen wecken konnte. Drücken wir die Daumen, dass auch noch andere ehemalige MitarbeiterInnen über den Artikel stolpern.

      Herzliche Grüße
      Sandra

  2. Schön, den Bericht hier zu lesen. Und umso schöner, wenn wir mit unseren Klängen der Proben ein wenig in Erinnerung bleiben konnten.

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