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Bauhaus: Zeitlos inspirierend

das Bauhausgebäude in Dessau

April 1919: Der erste Weltkrieg ist zu Ende. Die Technisierung der Welt schreitet mit großen Schritten voran und verändert den Alltag der Menschen.

Es sind Zeiten der Erneuerung und des Umbruchs, in denen der Architekt Walter Gropius zum Direktor der Großherzoglich Sächsischen Hochschule für Bildende Kunst in Weimar ernannt wird. Typisch für seine Zeit: Anstatt es sich in seinem Direktorensessel bequem zu machen, benennt Gropius die Schule direkt um – in „Staatliches Bauhaus“ – und legt damit den Grundstein für die einflussreichste Design- und Kunstschule der Moderne.

Gropius hat Visionen: Am Bauhaus will er die Gestaltung nicht nur in ein neues Zeitalter führen, sondern auch ein Versuchslabor für eine „humanere Gesellschaft“ schaffen. Im Mittelpunkt der Arbeiten am Bauhaus steht deshalb der Mensch: Die Kunst, so wünscht es sich Gropius, soll sich wieder in den Dienst der Gesellschaft stellen – etwa dabei helfen, die Wohnungsnot zu bekämpfen. Mit diesen gesellschaftlichen Zielen vor Augen passt es nur zu gut ins Bild, dass am Bauhaus jeder Kreative studieren darf – unabhängig von Schulabschluss, Staatsangehörigkeit und Geschlecht. Anfang der 1920er drängen 200 Studierende nach Weimar. Es hat sich herumgesprochen, dass Gropius hier Historisches plant: eine Designrevolution. Dafür hat er niemanden Geringeres als die renommiertesten Künstler ihrer Zeit als Lehrende berufen, etwa Paul Klee oder Wassily Kandinsky.

INNOVATIV, OFFEN, EXPERIMENTIERFREUDIG

Gropius geht einen weiteren visionären Schritt: Die bis dahin getrennten Disziplinen Kunst und Handwerk werden am Bauhaus vereint, Theorie und Praxis vermischt. Die Bauhaus-Werkstätten arbeiten disziplinübergreifend. Und auch die Erfordernisse der neuen, technikorientierten Welt ignoriert man nicht. Charakteristisch: Das Bauhaus entzieht der Architektur das Glamouröse und besinnt sich zunehmend auf die Elementarformen, auf Geradlinigkeit und Schlichtheit. So wird der Beginn des nüchternen, sachlich-funktionalen Bauens markiert.

Seine avantgardistischen Ansprüche verschaffen der Schule rasch internationale Aufmerksamkeit – für die Stadt Weimar aber ist sie ein kostspieliges Prestigeprojekt, von dem einiges erwartet wird: etwa die Ausrichtung großer Bauhaus-Ausstellungen wie der 1923. Hierbei entsteht der kubusförmige Plattenbau „Am Horn“ – ein Musterhaus für modernes Wohnen. Dieser Publikumsmagnet unter Bauhaus-Fans ist für uns der ideale Startpunkt für eine Entdeckungsreise auf den Spuren des Bauhauses. Los geht‘s!

DIE IDEENSCHULE BAUHAUS

WEIMAR: STARTSCHUSS FÜR DIE DESIGNREVOLUTION

„Ein Wohnhaus mit quadratischem Grundriss, einem Flachdach, einer Zentralheizung, ebenen Böden und einer Küche mit Einbauschränken. Dazu der Hauptraum, um den sich Schlaf- und Kinderzimmer gruppieren. Für die Zwanziger waren Aussehen und Funktionalität des ,Haus Am Horn‘ durchaus ungewohnt“, erklärt Bauingenieur-Studentin Louise (24) der Teilnehmergruppe, die sie heute auf dem „Großen Bauhaus Spaziergang“ durch Weimar begleitet. Seitdem sie von Studenten ins Leben gerufen wurden, sind die Citywalks oft Tage im Voraus ausgebucht. Und es sind keineswegs nur eingefleischte Architekturfans, die hieran teilnehmen.

Walter Gropius und Co.

Finn und sein Vater stehen am Bahnhof. Finn lächelt. Er freut sich auf die Bauhaus-Entdeckungstour.
STARTSCHUSS FÜR EINE UNVERGESSLICHE ENTDECKUNGSTOUR Was machte das Bauhaus so einzigartig? Finn und sein Papa Christian aus Greifswald wollen das Wochenende in der Jugendherberge Weimar – „Maxim Gorki“ nutzen, um Antworten auf diese Fragen zu finden. Auf dem Rückweg ist auch ein Stopp im Bauhaus Dessau (rechts) fest eingeplant. FOTO: Getty Images

„Total spannend, wie die Bauhäusler gearbeitet haben. Das war ja zum Teil revolutionär!“, findet Christian Maschmann aus Greifswald. Für das Wochenende in der Jugendherberge Weimar – „Maxim Gorki“ haben sich der Mathelehrer und sein Sohn Finn (8) einiges vorgenommen: „Um zu verstehen, was das Bauhaus so besonders machte, reicht es nicht, sich nur ein Gebäude anzusehen. Darum wollen wir nach den zwei Nächten hier in Weimar auch noch das Haus Auerbach und die Villa Zuckerkandl von Walter Gropius in Jena anschauen“, erklärt der 38-Jährige. „Und heute Nachmittag gehen wir noch in den BAU – die Werkstatt der Bauhaus Agenten“, strahlt Finn. „Da gibt es einen Kreativ-Workshop für Kinder, in dem Architekten Tipps und Tricks verraten.“ Einziger Wehrmutstropfen: Das neue Bauhaus-Museum mit bedeutenden Werken der Designgeschichte öffnet erst am 6. April. „Kein Problem“, findet Finn. „Dann kommen wir einfach noch einmal wieder.“

Drei Kinder experimentieren mit Farben.
BAUHAUS ZUM ANFASSEN
Experimentieren, probieren und bauen – wie die Bauhäusler: So lautet das Motto in den vielen Kreativwerkstätten für junge Architekturfans; etwa dem „BAU“ – der Werkstatt der Bauhaus-Agenten in Weimar. Wenn hier im April das neue Bauhaus-Museum Weimar eröffnet, wird dieses tolle Angebot durch offene Werkstätten für Kinder und Jugendliche ersetzt. FOTO: Getty Images

DESSAU: EIN NEUES ZUHAUSE FÜR DAS BAUHAUS

Das Bauhaus hingegen kam nie wieder nach Weimar zurück. Vom ersten Tag an im Kreuzfeuer unterschiedlicher politischer Richtungen und kommunaler Querelen stehend, zog es 1925 in die Industriestadt Dessau um. Auch wenn die Machtübernahme der Nazis 1933 sein Ende einläuten sollte: In Dessau erlebte das Bauhaus noch wahre Blütejahre. Hier entstand ein Großteil der bekanntesten Bauhaus-Werke. Und: In keiner anderen Stadt hinterließ die prominenteste Künstlerkolonie ihrer Zeit so viele architektonische Spuren; darunter das zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende Schulgebäude.

Meister-Bauhaus

Das Bauhausgebäude in Dessau. Davor sieht man das Straßenschild der "Bauhausstraße".
Das Bauhausgebäude in Dessau. FOTO: Getty Images

Jakob und Jenny Pöhl und ihre Töchter Ava (7) und Sophie (6) aus München haben sich für ihr Wochenende in der Jugendherberge Dessau – wie es sich für die Stadt gehört natürlich im Bauhausstil errichtet – ein weiteres Ziel gesteckt. „Wir schauen uns hier die Meisterhäuser mit ihren kunterbunten Räumen an“, erzählt Ava. Woher die Siebenjährige die kennt? „Aus dem Buch, das Papa uns geschenkt hat: Darin wird Kindern erklärt, was das Bauhaus eigentlich ist. Sophie und ich haben es auf der Zugfahrt hierher gelesen.“

Bauhaus für Groß und Klein

Nicht nur die Jüngsten, auch die Eltern sind bestens auf ihren Besuch in Dessau vorbereitet: „Wir wollen morgen noch einen Abstecher zur Siedlung Dessau-Törten mit den Laubenganghäusern machen. Die zählen bis heute zu den berühmtesten Beispielen für bezahlbaren Wohnraum Anfang der 1930er“, erzählt Jakob Pöhl. Die von Walter Gropius und Hannes Meyer, dem zweiten Bauhaus-Direktor, konzipierten Laubenganghäuser umfassten je 18 Miniwohnungen mit etwa 48 Quadratmeter Grundfläche – jede mit Etagenheizung, Küche und Bad ausgestattet und für größtmöglichen Lichteinfall nach Süden orientiert. Gedacht für eine vierköpfige Familie – wie die Pöhls. Bei der Besichtigung der Musterwohnung staunt Ava nicht schlecht: „Wow, ganz schön klein dieser Raum. Aber trotzdem passt alles rein.“ „Ja“, nickt ihr Papa, „wenn das nicht der Inbegriff des modernen Bauens ist.“

WARNEMÜNDE: INNOVATIVES BAUEN AN DER OSTSEEE

Ein prominentes Beispiel dafür findet sich auch 350 Kilometer nördlich in Warnemünde. Der an der Ostsee-Strandpromenade gelegene „Teepott“ gilt mit seinem Rundbau und dem kunstvoll geschwungenen 1.200 Quadratmeter großen Betondach längst als das Wahrzeichen der Stadt. „Das ist schon ein beeindruckendes Gebäude – vor allem im Kontrast zu den Fischerhäuschen, die hier sonst das Stadtbild prägen“, findet Christian Zimmer, der ein verlängertes Wochenende mit seinem Sohn in der Jugendherberge Warnemünde, nur drei Kilometer von dem architektonischen Hingucker entfernt, gebucht hat.

Ein Bauhaus „Teepott“

„Eigentlich wollten wir hier nur ein paar Tage am Meer entspannen, aber ein so erstaunliches Gebäude zieht natürlich die Blicke auf sich: Das schauen wir uns nochmal genauer an.“ Konzipiert wurde die Dachkonstruktion des Teepotts 1968 zwar von keinem Bauhäusler: Ulrich Müther aber zählte zu den Architekten, die die in Weimar angestoßene Baurevolution konsequent weiterentwickelten. Bis heute gilt er als Pionier der Betonschalenbauweise. Seine Werke – leicht und expressiv – sind Musterbeispiele für industrielles Bauen. Kein Wunder, dass sein Teepott im Jubiläumsjahr zu den Stationen der „Grand Tour der Moderne“ zählt. Dieses deutschlandweite Projekt zum Bauhaus-Gründungsjubiläum verbindet bedeutende Gebäude des Bauhauses und der Moderne zu einem Streifzug durch 100 Jahre Architekturgeschichte. Und auch unser nächster Halt zählt dazu.

HAGEN: BAUHAUS-IMPULSE AUS DEM WESTEN

Dieser führt ins westfälische Hagen: nicht unbedingt für seine Bauhaus-Architektur bekannt und doch ein bedeutender Ort für die in Weimar ausgelöste Designrevolution. Dem Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus ist es zu verdanken, dass die Stadt am Rande des Ruhrgebiets eng mit der Triumphgeschichte des Bauhauses verknüpft ist. Osthaus setzte sich nämlich schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts dafür ein, Kunst und Architektur stärker mit den Ansprüchen des modernen Lebens zu verknüpfen. Zu diesem Zwecke bot er renommierten Architekten und Künstlern in seiner Heimatstadt ein Experimentierfeld – darunter Pioniere wie Walter Gropius, Henry van de Velde und Ludwig Mies van der Rohe.

Bauhaus mit System

Tatsächlich wurde hier die Idee vom „Entwerfen nach System“ entwickelt, die sich auch am Bauhaus durchsetzte. Eine Erfolgsgeschichte, die Hagen zum Jubiläum gern nochmal erzählt. So eröffnet 2019 etwa eine Sonderausstellung mit Gemälden von Bauhausmeistern wie Klee im Osthaus-Museum Hagen. „Außerdem lohnt sich ein Besuch des Hohenhofs in Eppenhausen, nur 15 Minuten Fußweg von hier“, empfiehlt Nijaz Kannenberg, Leiter der Jugendherberge Hagen, seinen Gästen. „Osthaus‘ Wohnhaus wurde von van de Velde entworfen, dient als Außenstelle des Osthaus-Museums und ist ein Ankerpunkt der Route der Industriekultur im Ruhrgebiet.“

KREFELD: DAS BAUHAUS UND DIE TEXTILINDUSTRIE

Man sieht das Meister-Haus in Kreefeld. Es hat klare geometrische Formen.
Schluss mit luxuriös und schmuckvoll: Mit diesem Ansatz setzte die Bauhaus- Architektur neue Maßstäbe. Gebäude wie die Dessauer Meisterhäuser begeistern bis heute.

Genau diese Route führt uns zum nächsten Halt unserer Reise: Krefeld. Die Seidenweberstadt, die in den 1920ern mit ihrer Textilindustrie für Aufsehen sorgte, war nach der Vertreibung des Bauhauses aus Weimar nicht nur als neuer Standort der Schule im Gespräch. Krefeld war auch einer der Zufluchtsorte vieler Bauhaus-Lehrer nach der Schließung der Schule 1933. Das lag zum einen an der Textilindustrie, die hohes Interesse an neuen kreativen Impulsen zeigte. Nicht unwichtig war aber auch die Rolle des letzten Bauhaus-Direktors, Ludwig Mies van der Rohe, der in Krefeld früh seinen Fingerabdruck hinterließ. Aufgrund seiner engen Verbindung zur Stadt entwarf er Ende der 1920er die BauhausVillen der Seidenfabrikanten Esters und Lange – zwei Wohnhäuser, die bis heute zu den Ikonen der Moderne zählen: klar, funktional, technisch innovativ. Heute dienen beide als Ausstellungshallen für zeitgenössische Kunst: Zum Jubiläum wird hier etwa am 17. März die Ausstellung „Anders Wohnen – Entwürfe für Haus Lange und Haus Esters“ eröffnen.

Auf Bauhaus-Spuren in Krefeld

Svenja hält einen Schraubenzieher und zieht eine Schraube an einem Bauhausmodell fest.
Architekten genauso wie Schülerin Svenja:
Nach dem Besuch einer Bauhaus-Ausstellung weiß die 13-Jährige genau, wie sie ihr Kunstunterrichts-Projekt „Traumhaus“ umsetzen will. FOTOS: Getty Images

Die Krefelder Bauhaus-Spuren haben auch das Interesse von Pia und Martin Schulte und ihren Töchter Svenja (13) und Marie (6) geweckt; dabei hat die Reisegruppe aus Frankfurt ursprünglich für das Familienprogramm „Duisburg für Entdecker“ in der Jugendherberge Duisburg Sportpark eingecheckt. Als ihnen andere Familien in der Jugendherberge von ihrem Besuch im 20 Kilometer entfernten Krefeld erzählen, ist Pia jedoch neugierig: „Ständig ist vom Bauhaus die Rede und doch weiß man so wenig darüber, zum Beispiel, dass es nicht nur in Weimar und Dessau seine Spuren hinterließ. Die Gelegenheit greifen wir jetzt beim Schopf.“

STUTTGART: BAUHAUS-SPUREN IM SÜDWESTEN

Währenddessen setzen wir unsere Reise in südwestlicher Richtung fort. In Stuttgart erreichen wir unseren letzten Halt: die Mustersiedlung „Weißenhof“, ein Experimentierfeld für neue Konstruktionsweisen und Baumaterialien. Errichtet wurde sie innerhalb der großen Werkbund-Ausstellung 1927, an der die Bauhäusler maßgeblich beteiligt waren. „Die Siedlung gilt bis heute als eine der bedeutendsten Architektursiedlungen der Neuzeit. Sie ist ein Sinnbild für die Abkehr von vorindustriell geprägten Wohnformen und Vorbild für rationale Baumethoden für moderne Großstadtmenschen“, liest Peter Meyer seiner Frau Uta beim Frühstück in der Jugendherberge Stuttgart International aus dem Reiseführer vor.

Die Weißenhofsiedlung: bis heute Modern!

Seinen Städtetrip in die baden-württembergische Landeshauptstadt will das Paar aus Nordrhein-Westfalen dazu nutzen, das UNESCO-Weltkulturerbe, zu dem Teile der Weißenhofsiedlung zählen, zu besichtigen. „Was mich an diesem Wohnprojekt begeistert, ist seine Geschichte“, erklärt Peter Meyer. „Die Nazis sahen in der Siedlung aufgrund ihrer weißen Flachdächer ein ,Araberdorf‘ und den Niedergang der deutschen Baugesinnung. Sie bauten sogar gleich nebenan in traditioneller Holzbauweise eine ,typisch deutsche‘ Siedlung – für die interessiert sich heute niemand mehr. Die Weißenhofsiedlung aber ist trotz teilweiser Zerstörung im zweiten Weltkrieg weltbekannt, inspirierte Generationen und gilt bis heute als eines der einflussreichsten Beispiele der modernen Architektur – weil sie sich gegen alle Widerstände durchsetzte und einfach den Nerv der Zeit traf.“

BAUHAUS: AKTUELL BIS HEUTE!

Man muss kein Architekturfan sein, um von diesem Erbe beeindruckt zu sein: Ja, das Bauhaus als Institution bestand nur 14 Jahre. Diese aber reichten aus, um das gestalterische Denken und Schaffen zu revolutionieren – bis heute. Damit ist das Bauhaus ein toller Beweis dafür, dass innovative Ideen Maßstäbe für ganze Jahrhunderte setzen können. Happy Birthday, Bauhaus! Und Ihnen: Viel Spaß auf Ihrer Reise!

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