Erlebnis Nachhaltigkeit #4: Klimaneutrales Resort in Neuharlingersiel

Gastbeitrag von Sandra Lachmann. 

Ähm, Moment mal, das ist doch kein Jugendherbergszimmer… Ich stehe etwas ungläubig mit meinem Koffer in der Hand in einem hellen großzügigen Doppelzimmer. Stuck an der Decke, strahlend weiße Kissen auf dem Bett, ein kleiner Flachbildfernseher an der Wand, Handtuchwärmer im modernen zimmereigenen Bad – so sieht meine Unterkunft im Friesenhaus des Jugendherbergs-Resort in Neuharlingersiel aus. Zwischen meiner Erinnerung an Sechsbettzimmer mit Etagenduschen und meinem aktuellen Anblick klafft eine große Lücke. Was habe ich bloß verpasst in den letzten zwanzig Jahren? Eine Menge, wie mir scheint.

zimmer neuharlingersiel

Nun gut, fairerweise muss ich natürlich erwähnen, dass das DJH Resort Neuharlingersiel, die erste Club-Jugendherberge der Welt, erst im Frühjahr letzten Jahres eröffnet hat. Neue Einrichtungen wirken von jeher frisch und zeitgemäß, das ist ja klar. Allerdings entpuppt sich gar nicht alles neu, was ich in den nächsten 24 Stunden auf dem Gelände finde, es gibt ein paar Upcycling-Projekte. So wurden beispielsweise die alten Buchenvollholzmöbel der Reha-Klinik, die sich zuvor auf dem Gelände befand, aufgearbeitet und mit neuem Inventar ergänzt. Alte Spiegelschranktüren schmücken heute den langen Flur des See-Cafés. Eine praktische Form des nachhaltigen Umweltschutzes: nicht wegwerfen, sondern umfunktionieren.

Wegweiser

Nachdem ich meine Sachen verstaut habe, drehe ich eine Runde über das Gelände. Die zahlreichen Wegweiser verraten es schnell: Hier ist viel los! Ob Experimente im Watt-Labor, Bogenschießen im Außengelände oder Schlagzeugspielen in der School of Rock – eigentlich kann in Neuharlingersiel niemandem langweilig werden.

Slackline

Ich beobachte eine Schulklasse, die sich in Zweiergruppen gegenseitig beim Slacklinen unterstützt, und eine mutige Gruppe, die ihr selbstgebautes Floss zu Wasser lässt. Es hält nicht, die Kinder purzeln ins Wasser. Wie ich später aufschnappe, hatten sie die Knoten aber extra nicht so fest gebunden – das nasse Missgeschick war vielmehr ein gewünschtes Vergnügen.

Floß

Mein Weg führt weder auf die Slackline, noch ins Wasser. Ich laufe ins See-Café zu einer echten ostfriesischen Teezeremonie. Die lokale Kultur in das eigene Angebot zu integrieren, ist den Jugendherbergen überall sehr wichtig, berichtet mir Biggi Hägemann, die das Programm für Neuharlingersiel entwickelt hat. Und ohne Ostfriesentee laufe in der Region einfach nichts.

Tee

Ihr wisst, wie man einen Ostfriesentee richtig trinkt? Nein? Okay, dann fasse ich Euch das gern zusammen, schließlich hat man es mir im Resort beigebracht:

1.      Gebt ein Stück Kluntje in die Porzellantasse.

2.      Gießt darauf den Ostfriesentee.

3.      Tröpfelt ihr die Sahne dazu – und zwar entgegen des Uhrzeigersinns. Das soll sinnbildlich der Entschleunigung dienen.

4.      Nein, nicht umrühren. Bloß nicht! Der echte Ostfriese trinkt den Tee genau so und freut sich über die unterschiedlichen Geschmackserlebnisse, die ihm Schluck für Schluck begegnen.

5.      Ihr habt genug und möchtet nicht mehr nachbeschenkt bekommen? Dann kommt jetzt der Löffel ins Spiel. Stellt ihn in die Tasse und zeigt damit, dass ihr keinen weiteren Tee mehr möchtet.

Wie in allen anderen Jugendherbergen im Nordwesten, gibt es auch in Neuharlingersiel einmal in der Woche einen komplett fleischlosen Tag. Vom Koch der Jugendherberge Leer hatte ich bereits erfahren, dass das im ersten Moment – wenn überhaupt – eher bei Erwachsenen für lange Gesichter sorgt. Kindern falle es in der Regel gar nicht auf. Solange das vegetarische Buffet schmeckt, seien alle happy. Und auch die Erwachsenen nähmen sich gern nach, wenn sie das fleischlose Buffet erst einmal probiert haben.

Auch mir schmeckt es in Neuharlingersiel sehr gut und ich frage mich erneut, wann die Jugendherberge, wie ich sie kannte, eigentlich verschwunden ist. Statt Buffet, aus dem ich selbst wählen kann, standen früher fertige Schüsseln und Schalen auf den Tischen. Und beim Frühstück gab es meines Wissens weder Portionsspender noch essbare kleine Auffangschälchen. An Bio-Honig und Bio-Reis erinnere ich mich ebenfalls nicht. Inzwischen sind alle 33 Jugendherbergen im Nordwesten Bio-zertifiziert. Ich erfahre, dass der Einkauf in vielerlei Hinsicht nachhaltig ist, allerdings manche guten Vorsätze noch nicht umgesetzt werden können. Beim Fisch zum Beispiel: Wunsch des DJH ist es, vollständig auf alle Fische zu verzichten, die bei Greenpeace auf der Roten Liste stehen. Derzeit gelingt es noch nicht, aber zumindest das MSC-Zertifikat ist Standard.

Mein Aufenthalt in Neuharlingersiel wird mir lange in Erinnerung bleiben, so viel steht fest. Vor allem Familien finden im Resort  den richtigen Mix aus Entspannung für die Großen und Trubel für die Kleinen.

Frei nach dem Motto „Das Beste kommt zum Schluss“ verkünde ich nun noch die beste Nachricht: Der ganze Betrieb ist klimaneutral. Der CO2-Abdruck pro Übernachtung wird bereits sehr gering gehalten. Und der Rest wird mit Kompensationszahlungen nach Viabano ausgeglichen. Das Geld fließt in die Wiederaufforstung von Framen bolivianischer Kleinbauern. Der Aufenthalt darf also allen mit rundum guten Gewissen Spaß machen.

War jemand von Euch bereits in Neuharlingersiel zu Gast? Ich würde mich über einen Erfahrungsaustausch im Kommentar freuen.

 

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